Montag, 23. Juni 2014

Hätte ich das mal früher gewusst

Gestern habe ich ein Buch zu Ende gelesen:

Reading the Race
von Jamie Smith und Chris Horner

Worum geht es. Jamie ist ein altgedienter Rennsprecher und Amateur Rennfahrer und er schreibt über Radrennen. Chris Horner ist der Co-Author und steuert die ein oder andere Anekdote bei. In dem Buch geht es von vorne bis hinten darum, wie man Rennen fährt. Es geht nicht um Training (bzw. nur am Rande) und es geht auch nicht um Material oder wie ein Rad eingestellt wird, wie man sich anzieht oder all die anderen Themen, die in Radsport Büchern gerne angesprochen werden. Nein, Radrennen und sonst nichts. Das aber mit allen Finessen.

Jamie schreibt in seinem Vorwort, dass der Radsport heute immer wissenschaftlicher wird. Räder und Positionen werden im Windkanal optimiert. Carbon überall. Leistungsdiagnosen, Laktat-Messungen und VO2 max Werte. Einlagen in den Schuhen. Aerohelme, Aerofelgen. Powermeter. Und Dank Garmin, Strava und Co. stehen uns immer mehr Daten zur Verfügung die analysiert werden wollen. Darauf aufbauend werden dann ausgefuchste Trainingspläne nach den neusten sportwissenschaftlichen Erkenntnissen erstellt.

Und all die Radsport Zeitschriften und Internetseiten füttern uns mit immer neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die uns noch schneller, ausdauernder und und in jedweder Beziehung besser machen sollen. Aber, und das ist Jamies Punkt, wie man Rennen fährt, wie man Rennen gewinnt, dass weiß keiner der Wissenschaftler und dass steht in keiner Zeitschrift. Wie man in einem Zeitfahren am schnellsten von A nach B kommt ist die Disziplin im Radsport, die sich am ehesten planen und berechnen lässt. Aber sobald zwei Mann gegeneinander fahren, kommt das unendliche Feld der Taktik hinzu. Und die Taktik ist dass, was den Radsport so unvergleichbar macht. Ein lebendiges Schachspiel. Welcher Fahrer hat heute etwas vor? Wer ist hier zu Hause und möchte vor heimischem Publikum glänzen? Wer  hat in den letzten Wochen gute Form bewiesen. Wird es auf einen Sprint hinauslaufen? Sind Sprinter-Mannschaften da, die Ausreisser zurückholen werden? Oder wird eine Gruppe gehen. Aber welche? Soll ich selber attackieren? Oder warten? Wen kann ich fahren lassen, bei wem muss ich dabei sein? Wie attackiere ich? Wie erschwere ich dem Feld die Verfolgung wenn mein Teamkamerad vorne raus ist? Wann muss ich trotzdem hinterher? Wie fahre ich in einer Ausreißergruppe? Wie bewege ich mich im Feld? Wo ist es einfacher, vorne oder hinten?

Inzwischen weiss ich ja einiges über Radrennen und glaube, das mir so schnell niemand was vor machen kann. Aber einiges in dem Buch war mir dann auch neu und ich habe mich mehr als einmal gefragt: "Warum hat mir das nie jemand erklärt als ich jung war?"

Wahrscheinlich hat es daran gelegen, das ich nie gut genug war um auf dem Level zu fahren, auf dem Radsport zum echten Mannschaftssport wird. Wenn ich mal auf grossen Rennen war, ging es immer nur ums Überleben und jeder war froh, wenn er sich ins Ziel gerettet hat. Trotzdem. Soviel Möglichkeiten sind ungenutzt geblieben. Was für eine Ahnungslosigkeit und Stümperei.

Radrennen, dass wird bei der Lektüre klar, gewinnt man mit dem Kopf. Natürlich müssen die Beine auch ihren Teil dazu beitragen. Aber ein cleverer Fahrer kann weitaus Stärkere schlagen. Das Material ist am unwichtigsten. Das ist das tolle am Radsport. Ich brauche mehr davon ...

Das Buch ist gut geschrieben und lässt sich leicht und flott lesen. Geradeaus. Witzig. Pointiert. Jeder der Radrennen fährt, fahren möchte oder sich dafür interessiert sollte dieses Buch lesen. Und das nicht nur einmal. "Reading the Race" bekommt von mir eine uneingeschränkte Empfehlung: Must Read!

Hier die Internetseite zum Buch mit vielen Auszügen.

Hier die Verlagsseite

Hier ein längerer Extrakt

Das Buch ist nur auf Englisch verfügbar. Die Kindle Ausgabe kostet derzeit 10,09 Euro und das Taschenbuch 13,80. Amazon. Eine bessere Investition um Rennen zu gewinnen als die neusten fancy Carbon Räder.

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