Donnerstag, 25. September 2014

Martin versus Wiggins oder Rennen versus Training

War das ein spannendes Zeitfahren um den Weltmeistertitel in Ponferrada! Dieses Jahr mit dem glücklicheren Ausgang für Bradley Wiggins, der 26,23 Sekunden schneller als Tony the German Panzerwagen Martin und 40,64 Sekunden vor dem Niederländer Dumoulin war. Die ersten Zwischenzeiten haben auf einen vierten Erfolg in Serie für Martin hoffen lassen, aber schnell wurde klar, dass es schwierig sein würde, Wiggins zu schlagen. Ich habe ja bis zum letzten Meter gehofft, das Tony Martin das Ruder mit einem furiosen Schlussspurt noch mal herumreissen kann, aber nein, es hat nicht gereicht.


Tony Martin, seine Trainer und Berater werden sich in den nächsten Tagen ohne Frage auf die Suche nach den verlorenen Sekunde machen. Interessant in diesem Zusammenhang ist das sehr unterschiedliche Rennprogramm das Martin und Wiggins 2014 absolviert haben.

Die klassische Straßenradsport Saison läuft ungefähr so ab: Im Winter werden Basis-Kilometer gesammelt. Grundlagenausdauer, lang, flach und vor allem viel. Ab Februar wird dann nicht mehr trainiert, sondern es werden Rennen gefahren, und zwar so oft wie möglich. Rennen, Rennen, Rennen. Die sollen dann die Form bringen. Rennhärte. Dazu benötigt man die Konstitution eines Pferdes. Friss oder stirb. Gut, das ist vielleicht überspitzt, aber im Prinzip hat man es früher so gemacht. Und auch heute gilt vielfach noch, jedes Rennen ist besser als Training.

Ein Blick auf ProCyclingStats zeigt dass Martin eher dieses klassische Programm mit 84 Renntagen und 12.300 Kilometer gefahren ist. Darunter die Tour de France und die ersten beide Wochen der Vuelta. Die "Sommerpause" (keine Rennen) zwischen Tour und Vuelta betrug rund vier Wochen. Er hat in den letzten Tagen mehrfach erwähnt, dass er sich müde fühlt. Kein Wunder bei dem Programm.

Wiggins ist hingegen 2014 an 47 Renntagen 7074 Kilometer gefahren. Darunter sechs einwöchige Rundfahrten (Andalusien, Tireno-Adriatico, Giro del Trentino, Kalifornien, Tour de Suisse, Tour of Briton), aber keine Grand-Tour und nur zwei Rennen zwischen den nationalen Meisterschaften am 29. Juni und dem Start der Tour of Briton am 07. September, den Prudential Ride London am 10. und den GP Ouest France am 31. August.

Wenn man erst nach der für Wiggins desaströsen Tour de Suisse Mitte Juni anfängt zu zählen, ist er mit gerade mal 13 Renntagen in den Beinen Zeitfahr-Weltmeister geworden!

Oder nehmen wir Chris Horner, der 2013 mit 42 Jahren die Vuelta gewonnen hat, ältester Grand Tour Sieger aller Zeiten. Er hatte 2013 lediglich Tirreno-Adriatico im März bestritten, ist dann bei der Katalonien Rundfahrt auf der zweiten Etappe ausgestiegen und ist erst im August zur Tour of Utah wieder aufgetaucht um danach die Vuelta zu gewinnen. (Es kann natürlich sein, dass ProCyclingStats nicht alle Rennen listet, bzw. nur die Großen.)

Meine eigene Erfahrung dazu: 2013 bin ich nur ein einziges Rennen gefahren, die Bergmeisterschaft im Homburg. Ich hatte insgesamt weniger Kilometer als 2014, habe mich aber gezielt nur auf dieses eine Rennen vorbereitet. 2014 hatte ich viel mehr Kilometer, bin mehr Rennen gefahren, hatte aber auch mehr Ziele und dementsprechend versucht, nicht nur einen, sondern mehrere Form-Höhepunkte zu haben. Und das ging rückblickend nicht gut, zumindest war ich in Homburg 2014 nicht schneller als 2013.

Damit kommen wir zu der eigentlichen Frage. Ist es bei der zielgerichteten Vorbereitung auf ein wichtiges Event besser auf Rennen zu verzichten und statt dessen zu trainieren?

Der Vorteil von Rennen ist, dass es dort leichter fällt, an die Grenze zu gehen und mal so richtig im roten Bereich zu fahren. Es kann aber genau so gut sein, dass man die Gruppe verpasst, im Hauptfeld festsitzt und frisch ins Ziel fährt. Wenn man den Erfolg nicht dem Zufall überlassen möchte und einem minutiösen Trainingsplan folgt, kann es besser sein, zu trainieren statt Radrennen zu fahren . Vielleicht stehen strukturierte Intervalle in einem ganz bestimmten Belastungsbereich auf dem Plan, dass wäre in einem Rennen schwierig umzusetzen. Weniger kann also durch aus mehr sein.

Also gilt jetzt Training statt Rennen, Rolle statt Asphalt, kurz und hart statt lang und ruhig?

Nicht unbedingt, das passt bei der Vorbereitung auf ein Zeitfahren besser als bei der Vorbereitung auf ein Strassenrennen. Auch werden erfahrene Rennfahrer, die wissen wie man sich im Feld bewegt und wie man Rennen fährt, eher auf solche verzichten können wie Rennfahrer, die das noch nicht vollständig beherrschen. Für wen aber der Spass am Wettkampf wichtiger ist als ein einzelnes Ergebnis, der soll Renen fahren. Denn Eines steht auch fest, Spass macht solch ein striktes Trainingsregime wahrscheinlich nicht.

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