Samstag, 9. Mai 2015

Jens-Voigt Style

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass die einzig wahre Art und Weise ein Radrennen zu gewinnen eine Solo-Attacke möglichst weit vor dem Ziel ist. Leider ist das auch die Art und Weise die in der Regel die geringsten Aussichten auf Erfolg hat. Denn ein Feld ist immer schneller als der Einzelne. Zumindest wenn alle in etwa der gleichen Klasse fahren.

Um mit einer solchen Attacke erfolgreich zu sein braucht es neben einem guten Tag auch etwas Glück und eine gewisse Uneinigkeit im Feld, was die Nachführarbeit betrifft. "Fahr du das Loch zu", "Nein du", "Wenn du nicht fährst, fahr ich auch nicht", "Ihr seit zu zweit, ihr müsst fahren" ... und schon hat man eine Minute und sobald man um die Ecke ist und nicht mehr gesehen wird gilt sowieso: "Aus den Augen aus dem Sinn".

Aber zurück zum Anfang, am vergangen Sonntag stand ich um 9:00 in Bann am Start zur Südwestmeisterschaft der Radsportverbände Hessen, Rheinland-Pfalz und des Saarlandes in der Senioren 2 Klasse. 12° und Regen. Herrlich! Bei schlechtem Wetter hat ein Drittel der Fahrer schon keine rechte Lust mehr und ein weiteres Drittel kann im Regen nicht fahren und hat insbesondere bergab Muffesausen. Dann gibt es einige die mit wahren Regenponchos an den Start gehen und versuchen allen Regeln der Aerodynamik zu trotzen und ne Menge Watt verpulvern. Ruck zuck bleiben nur nur wenige ernsthafte Kontrahenten übrig. 

Wir hatten den 14 km Rundkurs vier mal zu bewältigen. Die eigentliche Schwierigkeit der Strecke ist dabei nicht der Berg, der nur auf wenigen Metern steiler als 7% ist, sondern die Wellen auf der Sickinger Höhe und der Wind, der dort oben vorzugsweise von vorne oder bestenfalls von der Seite kommt. Die Abfahrt hat drei nennenswerte Kurven und relativ schlechten Asphalt. In der Links-Kurve im Ort gibt es einige Gullydeckel, die man bei Regen natürlich meiden sollte und die die Wahl der optimalen Linie etwas tricky machen.

Die Abfahrt war dann auch in der Tat eine der Schlüsselstellen des Rennens. Eigentlich gehöre ich ja zu den schlechteren Abfahrern, am Sonntag bin ich den Berg aber hervorragend runter gekommen. Schon in der ersten Runde waren wir nach der Abfahrt eine kleine Gruppe mir vielleicht sechs Fahrern, von denen aber keiner so recht fahren konnte oder wollte. 

Die erste ernst zunehmende Attacke gab es dann in der zweiten Runde auf der Sickinger Höhe von Alberto Kunz, dem Sieger der Zeitfahrmeisterschaft am Vortag. Alberto konnte sich recht schnell vom Feld lösen und bis zur Abfahrt etwa 15 Sekunden herausfahren. Abwärts schmolzen die Sekunden aber wieder dahin und er konnte auch nicht die Hinterräder der ersten Fahrer halten. Unten hatten wir wieder ein kleines Loch zum Feld, aber auch diesmal lief die Gruppe nicht und es ging Tutto Gruppo in die zweite Rennhälfte.

Beim dritten Anstieg auf die Sickinger Höhe wurde richtig Gas gegeben und mit 6:52 fuhren wir die beste Zeit (7:16, 7:10, 6:52, 7:12, übrigens, meine Bestzeit aus 2014 ist 6:03!). Auf der Höhe angekommen wurden einige vergebliche Attacken gefahren. 2 km vor der Abzweigung Richtung Queidersbach habe ich dann mein Glück versucht und hart angetreten. Übrigens an ungefähr dem gleichen Punkt an dem ich es auch schon 2014 im C-Klasse Rennen versucht habe. Die Stelle war trotz des Gegenwindes gut geeignet für einen Angriff, vielleicht die beste auf der ganzen Runde. Man musste zwar noch eine Weile alleine gegen den Wind fahren, aber nach der Abzweigung Richtung Queidersbach hatte man bereits Rückenwind, das Feld aber noch den Wind von rechts vorne. Wenn man es dann noch den Kilometer bis zur Abfahrt schaffte, konnte man bereits abfahren und alleine die beste Linie wählen, während das Feld noch auf der Höhe war.

Und wie 2014 fand ich mich 21 km vor dem Ziel in einer Soloattacke wieder. Beste Vorraussetzungen alle Körner zu verschleudern und in der letzten Runde am Berg vom Feld erst eingefangen und dann abgehängt zu werden (wie 2014). Aber gut, wer es nicht versucht hat bereits verloren und ein Massensprint ist erst recht nicht mein Metier, ein nettes "Zeitfahren" war daher ohne Frage die beste Option. Ausgang Bann war das Feld aber schon wieder in Sichtweite. In einem solchen Moment ist eine der wichtigsten Regeln bei Ausreißversuchen zu beachten: Man ist erst eingeholt, wenn man eingeholt ist. Wenn irgendjemand die Lücke schließen will, muss er sich jeden einzelnen Meter erkämpfen, keine Geschenke! Also einfach immer weiter fahren. Zwei Fahrer des RSV Nassovia Limburg, Ralf Metz und Sascha Hausmann konnten sich lösen und zu Beginn des Berges aufschliessen. Zu dritt ging es dann weiter und als wir das letzte Mal in die Abfahrt gingen war klar, dass von hinten nichts mehr kommt und wir den Sieg unter uns ausmachen würden.

Der Sprint in Bann ist nicht ganz einfach zu fahren. Bei etwa vierhundert Meter gibt es eine Verkehrsinsel, danach geht es immer noch auf der Hauptstraße leicht links und dann rechts bevor es auf die Zielgerade geht. Im Prinzip geht es statt auf der Hauptstraße nach rechts einfach geradeaus weiter. Die Einfahrt in die Zielgerade ist aber recht eng und die Entfernung zum Ziel zu knapp um dort noch wirklich vorbei zu fahren. Daher ist es wichtig schon auf der Hauptstraße vorne zu sein. Na ja, was soll ich sagen, ich war nicht vorne und bin auf der Zielgerade auch nicht mehr vorbei gekommen. Wenn ich mir die Watt Werte anschaue, frage ich mich allerdings, ob ich überhaupt ernsthaft gesprintet bin. 


So hat es dann "nur" für den zweiten Platz hinter Ralf Metz gereicht, aber immerhin bin ich Saarlandmeister geworden! Nach 1996 und 97 mein dritter Titel im "Einer Straße", wie es offiziell heisst.



Ganz interessant ist vielleicht noch ein Blick auf die Leistungsdaten des Rennens.
Runde 3 hat die höchste Durchschnittsleistung mit 292 Watt und auch die Attacke ist als Leistungsspitze mit fast 550 Watt deutlich zu erkennen. Nach der Attacke sind die Kurven der Herz- und Trittfrequenz und die Leistung gleichmäßiger.



Die Aufzeichnung der letzten 90 Sekunden zeigt, dass ich in der Tat gar keinen richtigen Sprint gefahren bin. Die Leistung geht nur knapp über die 400 Watt hinaus. Da kann man wirklich nicht von Sprint reden. Da muss ich als mein Trainer-Ich mit meinem Sportler-Ich hart ins Gericht gehen. So gut das Rennen vorher war, so schlecht waren die letzten Meter!


Ebenfalls interessant nach einem Rennen ist das Play-Back via Strava Fly By. Leider haben nur drei Fahrer aus dem Senioren2 Rennen ihre Daten hochgeladen. Aber man sieht hier schön die Attacke von Alberto und später meine. Zoran war soviel ich weiss die ganze Zeit im Feld. In der vierten Runde sieht man wie die Verfolgung der Spitzengruppe eingestellt wurde und der Vorsprung kräftig ansteigt.


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