Montag, 16. November 2015

Test: Canyon Aeroad CF SLX 8.0 Di2

Seit Ende Juli bin ich gute 3500 km auf dem "schwarzen Prinzen" gefahren, dem Canyon Aeroad CF SLX in der Ausstattungsvariante 8.0 mit Ultegra Di2 und Reynolds Carbon Clincher Rädern. Höchste Zeit also für ein Resümee.


Vorab: Warum ein Aero-Rad? 

Ganz einfach: Weil es schneller ist! Aero gewinnt ohne Frage im Flachen und bergab. Aber selbst am Berg ist es zumindest nicht von Nachteil, solange es nicht allzu steil ist. Wenn es dann doch mal richtig bergauf geht, ist ein leichtes Rad nur minimal im Vorteil. Ein kleines Rechenbeispiel: Am Berg kann ich über 5 Minuten an einem guten Tag etwa fünf Watt/kg (400/(70+10)) treten. Mit einem 6,5 Kilo Rad würde ich gegenüber meinem 7,5 Kilo Alu-Rad also ganze fünf Watt sparen, etwa 1,25%. Den Luftwiderstand ausser Acht gelassen sollte das leichtere Rad etwas unter vier Sekunden (60x5x0,0125) sparen. Ein Vorsprung, der auf der Abfahrt bei der viel höheren Geschwindigkeit von dem Aerorad mit Leichtigkeit ausgeglichen wird, da der Luftwiderstand ja bekanntlich im Quadrat zunimmt (An der Stelle steige ich bei der Berechnung aus). Das ist so natürlich keine wissenschaftlich fundierte Kalkulation, macht aber deutlich, dass der Vorteil eines leichten Rades am Berg geringer ist, als man oftmals annimmt. Am Ende sind aber ein paar Artikel verlinkt, in denen sich schlaue Leute dazu tiefergehende Gedanken gemacht haben.


Zweite Frage, warum das Aeroad?

Natürlich wegen des Preises, (vergleichbare Räder der "großen" Hersteller kosten einige tausend Euro mehr), wegen dem Design (gerade Rohre, herrlich, wer glaubt im Ernst dass eine Kurve die beste Verbindung von A nach B ist?) und nicht zuletzt wegen der Wartungsfreundlichkeit und Vielseitigkeit (breite Reifen, normale Bremsen).

Canyon: Bestellung, Lieferung und Montage

Nun ist es bei Canyon ja so, dass man mach Koblenz fahren und dort eine Testfahrt machen kann. Und obwohl Koblenz nur 200 km entfernt ist, war mir das schon zu viel und ich habe das Rad bestellt ohne es vorher gesehen oder gar getestet zu haben. Allerdings wusste ich was mich bei der Geometrie erwartet. Die Maße waren ähnlich meinem Canyon Ultimate AL, da sollte es keine Überraschungen geben. Dem war dann auch so. Ich habe mich drauf gesetzt, bin losgefahren und habe mich vom ersten Meter an wohlgefühlt.

Wenn man Sonderwünsche hat, etwa längere Kurbeln, ein anderer Lenker, Sattel oder Vorbau, dann ist man bei Canyon allerdings an der falschen Adresse. Natürlich kann man Teile tauschen wenn einem das Rad gehört, später zu Hause, aber eben nicht bei der Bestellung. Zum Beispiel hat ein M-Rahmen 172,5er Kurbeln. Basta. Das ist sozusagen der Preis für den Preis.

Hinsichtlich der Lieferzeit hatte ich Glück. Etwa drei Wochen nach der Bestellung kam ein großes Paket per DHL. Der Karton ist dabei wirklich gut gemacht, da sollte es mit dem Teufel zugehen wenn dem Rad etwas passiert. Neben dem Rad gab es eine dicke Bedienungsanleitung und eine Tüte mit Kleinkram: Carbonmontagepaste, der Canyon-Drehmomentschlüssel, Reflektoren (?), Tubless-Ventile für die Laufräder und vielleicht noch einige Sachen, die ich inzwischen vergessen habe. Es scheint, dass ich keine Bilder gemacht habe oder ich kann sie nicht mehr finden, aber am Ende ist es ein Karton mit einem Rad drin. Kein Hexenwerk.

Laufräder, Lenker und Sattelstütze sind demontiert. Der Zusammenbau sollte für auch nur halbwegs begabte Schrauber kein Problem darstellen. Alle anderen sollten in der Anleitung hoffentlich ausreichen Hilfe finden (Ich muss zugeben, ich habe nicht reingeschaut).

Leider hat die Endmontage-Qualitätskontrolle bei Canyon in meinem Fall nicht ihre Sternstunde gehabt. Drei Dinge gab es zu reklamieren:
  • Der Di2 Akt im Unterrohr war mit nur einer Schraube statt zwei befestigt und wackelte fröhlich hin und her. Schrauben habe ich zum Glück massenhaft, das war kein Problem und schnell erledigt.
  • Ärgerlicher war da schon, dass die O-Ringe der Ventilverlängerungen gefehlt haben. Es gibt ja zwei Arten von Verlängerungen: Solche, bei denen das Ventil aus dem Schlauch raus und ans Ende der Verlängerung geschraubt wird. In diesem Fall ist das Ventil also aussen. Oder die Variante, bei der die Verlängerung einfach auf das offene Ventil aufgeschraubt wird. In diesem Fall ist das Ventil innen. So auch bei den Reynolds Laufrädern. Damit die Luft dann auch tatsächlich in den Schlauch geht, muss der Übergang zwischen Ventil und Verlängerung dicht sein. In meinem Fall war das leider nicht der Fall. Ab etwa fünf Bar ist die Luft in der Felge gelandet statt im Schlauch.
  • Noch ärgerlicher war, dass bei der Montage der Abdecklasche unter dem Lenker offenbar geschlammpt wurde. Der Carbon-Aero Lenker hat einen nach unten offenen Kanal, der die Züge aufnimmt, dieser wird mit einer Plastikabdeckung verschlossen, die mit Schrauben im am Lenker eingelassene Gewinde befestigt wird. Eines dieser Gewinde war so vermurkst, dass sich die entsprechende Schraube nur mit Kraft herausdrehen ließ. Rein ging es danach nicht mehr, zumindest nicht so, dass die Schraube bündig mit der Abdeckung gewesen wäre. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn dieses Gewinde nicht später den spezial Garmin-Halter aufnehmen sollte. Aber, das muss ich sagen, Canyon hat in diesem Fall sehr guten Service geleistet. Ich konnte wählen, ob ich mein Rad einschicken oder den Lenker selber tauschen wollte. Ich habe mich für letzteres entschieden und eine neue Lenker-Vorbau-Einheit und Lenkerband bekommen, habe den Lenker getauscht und den Defekten zurückgeschickt.

Auf der Straße

Genug der Schrauberei, ab auf's Rad und raus auf die Straße. Und dort zeigt sich das Aeroad von seiner besten Seite. Das Handling ist mit der Einstellung der Gabel auf agil (stabil habe ich nicht getestet) immer präzise, aber nie nervös. Das Rad lässt sich auch freihändig sicher steuern, abgesehen von Seitenwind-Situationen, die mit Hochprofilfelgen immer kritisch sind. Genau so muss eine gute Geometrie sein: Exakt in den Kurven, wie an der Schnur gezogen geradeaus.

Bergauf und beim Antritt steht das Rad wie eine Eins. Vielleicht liegt das auch nur an der lächerlichen Wattzahl die ich auf das Pedal bringe, aber bei mir bewegt sich da gar nix, kein schleifender Umwerfer, nix, alle Kraft voraus.

Der nächste Punkt ist der Komfort. Ein Aerorad sollte immer härter sein als ein "normales" Straßenrad. Das ist konstruktionsbedingt nicht anders zu erwarten. Mir ist das Canyon aber nicht als besonders hart aufgefallen. Im Gegenteil, das Rad liegt jederzeit satt auf der Straße, auch auf schlechter Wegstrecke. Gut, ich bin auf Alurahmen mit Oversize Sattelstützen groß geworden, danach ist alles andere komfortabel. Einen großen Anteil an dem komfortablen Eindruck hat der von Canyon entwickelte Aero-Lenker. Wenn man sich einmal an die große Auflagefläche für die Hand gewöhnt hat, will man diese nicht mehr missen. Ein Nachteil des Aerolenkers ist allerdings, dass sich Zubehör wie Computer oder Lampen nur mit etwas Bastelgeschick montieren lassen. Seit einigen Tagen gibt es zumindest einen extra Halter, mit dem sich Computer mit Garmin Mount vor dem Lenker platzieren lassen.

Die Reynolds Räder sind relativ schwer und wiegen ohne Reifen und Kassette über 1600 gr.. Die Räder sind tubeless ready, ohne Fehl und Tadel verarbeitet und laufen, dass es die reine Freude ist. Die Bremsleistung im Trockenen ist ohne Beanstandung, im Regen kann man es aber vergessen.  Da passiert gar nichts, trotz Original Reynolds Bremsbelägen.

Die Shimano Ultegra Di2 ist ein Traum. Das ist mein erstes Rad mit elektrischer Schaltung und ich möchte es nicht mehr missen. Ein kleiner Druck mit dem Finger und zack, sitzt der Gang. Die Einstellung ist auch relativ problemlos, nicht schwieriger, aber auch nicht einfacher als eine konventionelle Schaltung. Sehr gut gefallen mir die Direct Mount Bremsen. Zum einen lassen sich diese sehr genau einstellen und geben der Felge viel Platz. Es ist also nicht notwendig, die Bremsschuhe sehr eng an der Felge zu positionieren. Zum Anderen lassen sich die Bremsen sehr leichtgängig und mit gutem, deutlichem Druckpunkt bewegen. Ein weiterer Vorteil ist der enorme Platz für breite Reifen, 28mm sollten kein Problem darstellen. Das absolute Killerfeature, verglichen mit so manch anderem Aerorad, ist aber dass die Bremse leicht zu warten ist. Keine Fummelei unter der Kettenstrebe oder komplizierte Zugverlegungen. Sehr gut!

Was mir sonst noch aufgefallen ist:
  • Im Bestreben dem Ausfallende größtmögliche Steifigkeit zu verleihen, hat man den Abstand zwischen Schaltauge und Ausfallende auf das absolute Minimum verkürzt. Leider ist dadurch der Radeinbau etwas frikelig geworden. Ich bleibe jedes Mal mit dem Konus des Schnellspanners an der Schaltung hängen. Mich würde mal interessieren, wie die Profi-Mechaniker das Laufrad schnell montiert bekommen.
  • Die verstellbaren Gabelausfallenden neigen zum Knacken, mit etwas Fett ist das aber schnell behoben.
  • Speed Speed Speed Speed Speed .... (trotzdem muss man immer noch treten, Mist)

Fazit: Sehr schönes Rad, würde ich jederzeit wieder kaufen.


Canyon Aeroad CF SLX 8.0 Di2

Links:
Canyon Aeroad CF SLX 8.0 Di2
The numbers game (Tour Artikel, hier die englische Version von der Cervelo Seite, wer die deutsche Version sucht, findet diese hinter der Tour Paywall)
Lightweight versus Aero, Michael Hutchinson, CyclingWeekly
Cyclist Review
Bike Radar Review
Cycling Tips Review  (tolle Bilder)

Kommentare:

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  2. Kurze Frage:
    Ich bin am hin und her überlegen ob ich mir das selbe Bike holen soll. Als zweite Auswahl steht noch das Ultimate CF SLX 7.0 Di2 zur Verfügung.
    Ich bin Triathlet auf Mitteldistanz (70.3) und besitze bereits ein Zeitfahrrad (Triathlon Rad). Möchte aber gerne ein Zweitrad mir zulegen das mich im Training unterstützt.
    Was sind Deine 2 cent zu meiner Überlegung??? Danke

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    1. Hallo Bazi,
      das ist eine schwierige Entscheidung. Ich bin das CF SLX nicht gefahren und kann daher dazu wenig sagen. Ich glaube der aerodynamische Unterschied der Rahmen ist vergleichsweise gering, das SLX ist sicher etwas leichter und das aktuellere Rad. Ein normales Rad zu haben neben einem Zeitfahrrad ist auf jeden Fall sinnvoll, damit kannst du ganz anders Berge, lange Distanzen und in der Gruppe fahren und diese Sachen somit auch besser trainieren.
      Das einzige was du evt. beachten könntest, ist, dass du auf den Aero-Lenker von Canyon evt. keinen Aufsatz montieren kannst. Ich bin ja ein großer Fan der Lenker-Vorbau Einheit und finde, dass sich das prima greift, auch wenn die Auswahl bei den Abmessungen sehr eingeschränkt ist und man mal nicht eben den Vorbau tauschen kann. (Von dem Preis für das Teil mal ganz zu schweigen).
      Beider Räder sind eine gute Alternative wenn du an einem welligeren Triathlon teilnimmst, an einem Sprint- oder Teamwettkampf oder einem Rennen mit Windschattenfreigabe. Da Aero natürlich auch in den Rennen ausschlaggebend ist, benötigst du einen Aufsatz, und wenn es ein kurzer ist. Das solltest du auf jeden Fall berücksichtigen. Ansonsten: Beider Räder cool. Ich würde mir auch heute nochmal das Aeroad kaufen.
      Beste Grüße
      Boris

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    2. Und wenn du nicht mehr immer auf dem Zeitfahrrad fährst, kannst du natürlich einen agressiveren Set-Up wählen und musst weniger Rücksicht auf Komfort nehmen.

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