Sonntag, 22. Mai 2016

Gran Fondo Magazin - Alles für die Story

Vor einigen Wochen ist die erste Ausgabe des Gran Fondo Magazins erschienen. Das erste Radsport Magazin das ausschließlich elektronisch erscheint. Ich habe das Magazin auf dem iPad gelesen und muss sagen: Wow, das ist wirklich State of the Art. Ohne den Balast einer parallelen Print-Ausgabe haben die Herausgeber alle technischen Möglichkeiten genutzt und ein zeitgemäßes, flüssiges, atemberaubendes und trotzdem unaufdringliches Layout erstellt, in dem online und offline Inhalte, Verlinkungen, Text, Bilder und Videos in einem einzigen Flow verschmelzen.

Natürlich ist die Crema auf meinem Espresso besser als es auf dem Bild den Anschein hat!

Ich habe auch andere Radsportmagazine im elektronischen Abonnement: Cyclist, Rouleur und das Peloton Magazin (Links siehe unten). Rouleur ist einfach eine 1:1 Übernahme der Printausgabe ohne irgendwelche Anpassungen am Layout. Das Peloton Magazin bietet neben der Magazin Ansicht eine Text Ansicht jedes Artikels, was das Lesen sehr vereinfacht. Cyclist hat eine spezielle elektronische Ausgabe, alle Artikel befinden sich auf separaten Panels zwischen denen man hin und her swipen kann und auf denen man hoch und runter scrolt um den Artikel zu lesen. Gran Fondo hat dies aber noch ein gutes Stück besser umgesetzt. Vor allem merkt sich Gran Fondo die Stelle auf der man auf dem Panel war, wenn man zum nächsten swipt. Cyclist springt da immer wieder an den Anfang.

Die technische Perfektion setzt sich beim Inhalt fort. Alle Bilder sind bis zum letzten Detail durchkomponiert, die Texte sprühen nur so vor Enthusiasmus. Für meinen Geschmack ist das alles zu viel, zu glatt, zu perfekt. Die Bilder sind gestellt und künstlich wie in Werbeprospekten. So sehen ja keine echten Leute aus. In der Strecke über den European Bike Award, eine Fahrrad-Industrieauszeichnung für Innovation und Design, stehen die Juroren in Tirol auf dem Balkon eines super-futuristischen Gebäudes, einer hält einen Tablett-Computer in der Hand, alle in gedeckten Farben, alle sehen cool und sportlich aus, in der Mitte ein rotes Trek Madone. Booaahhh, das als rapha-esk zu bezeichnen wäre noch eine Untertreibung. Die Radfahrer in anderen Artikeln sind ebenfalls makellos durchgestylt. Rapha und Isadore, gedeckte Farben, perfektes Styling. Puuhh, da liegt die Latte ganz schön hoch wenn man auch so ausehen möchte. Ein bißchen ist das wie mit den Mode Journalen. Wer läuft auf der Straße schon so rum wie die Mädchen aus der Vogue? Ich habe wirklich was übrig für Style und gut angezogene Radfahrer. Aber im Gran Fondo Magazin ist es mir viel zu inziniert, zu künstlich, zu gestellt.

Aber Bilder sind ja nicht alles, wichtig sind auch die Texte. Leider wird es da nicht besser. An manchen Stellen wird allzudick aufgetragen und simples Radfahren wird überhöht bis zum geht nicht mehr. Der Gesychäftsführer persönlich, Robin Schmitt, wird von Giant Alpecin eingeladen die Rad-Touristik-Fahrt am Vortag der Flandern Rundfahrt zu bestreiten. Mit Teamrad und in vollem Teamkit. Tolle Sache, keine Frage, kann man 'ne super Story drüber schreiben. Aber hey, es ist ein RTF. Ich weiss das, ich bin nämlich die Paris-Roubaix Variante gefahren. Es gibt einen offenen Start von mehreren Stunden und keinerlei Wertungen oder Ranglisten. Das unterscheidet diese Veranstaltungen von Gran-Fondos, die in der Tat in der Spitze Radrennen sind. Aber das hier ist eine RTF, auf berühmtem Pflaster mit einer Menge Startern, aber immer noch eine RTF. Und somit kann man nicht gewinnen. Daher ist es ganz und gar unnötig generös zu erwähnen, dass man "nicht mit falschem Ehrgeiz um den Sieg fahren" will. Und die Geschichte dass andere Fahrer attakieren und angreifen, nur weil da jemand in einem Profikit durch die Gegend fährt, naja, die waren wahrscheinlich einfach schneller.

Da aller guten Dinge drei sind, stellt sich noch die Frage nach der Trennung von redaktionellen und Werbeinhalten. Das Gran Fondo Magazin ist kostenlos. Aber natürlich kostet die Produktion eines solchen Magazines 'ne ganze Menge Geld. Irgendjemand muss also bezahlen. Klar, das wird durch Werbung gemacht, wogegen auch gar nichts einzuwenden ist. Das Magazin enthält einige Werbeseiten, interaktiv, mit Videos und mit weiterführenden Links. Darüber hinaus scheint das Heft aber eine ganze Menge Product Placement zu enthalten. In dem Artikel über Tirol ist zum Beispiel ein Foto, auf dem man nur das Oberrohr eines Rades aus Koblenz sieht, mit dem Modellnahmen in der unverwechselbaren Schrift. Ansonsten nichts, das ist der einzige Inhalt dieses Bildes. Klar, man möchte einen tollen Reisebericht machen, dazu benötigt man Bilder auf denen Radfahrer sein müssen, mit schicken Klamotten und auf schicken Rädern. Also fragt man Hersteller, ob die einem nicht etwas zur Verfügung stellen. Praktischerweise bekommt man auch noch ein Rad zur Verlosung. Das macht jetzt den Tip mal nach Tirol zu fahren nicht schlechter, aber ich frage mich ob die Hotel Tips tatsächlich Tips sind oder einfach die Hotels die am meisten bezahlt haben? Eine eigene Recherche erscheint mir sinnvoll.

Puh, jetzt habe ich aber 'ne ganze Menge gemeckert. Trotzdem werde ich das Gran-Fondo Magazin auch in Zukunft lesen oder zumindest mal durchblätternwischen. Wenn ich aber großartige Essays lesen und weltklasse Radsportfotos sehen möchte werde ich weiterhin zur Rouleur greifen (tolle Webseite und guter Newsfeed übrigens) , zur Cyclist für u.a. tolle Reiseberichte und Tests und zum Peloton Magazin für alles andere und den Blickwinkel von der anderen Seite des großen Teiches (kommt aus der USA). Ja, diese Magazine kosten Geld. Aber es scheint eine recht strikte Trennung zwischen Werbung und Redaktionellen Inhalten zu geben was für mich die Glaubwürdigkeit enorm erhöht. Und die Glaubwürdigkeit ist es mir wert.

Aber macht euch einfach selber ein Bild, verlieren kann man ja nichts dabei und ihr könnt gerne einen Kommentar hinterlassen und euren Eindruck teilen.

Links:
Gran Fondo Magazins
Rouleur
Cyclist
Peloton Magazin

Kommentare:

  1. Das GranFondoCycling-Magazin ist nur was für Steve Jobs/Apple jünger. Wieder einmal müssen die "Android"-User draußen bleiben.

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    1. Ich war mir nicht sicher, ob mir nur der iOS Link angezeigt wird, weil ich von einem Apple Device aus zugegriffen habe oder ob es tatsächlich keine Android Version gibt. Aber dann scheint das ja so zu sein. Wenn ich nichts übersehe gibt es auch keine Webversion.

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  2. Auf Twitter haben sie mal erwähnt, dass die Webversion des Magazins in der Mache sei.

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  3. Guter Artikel, ich möchte deine Eindrücke bestätigen. Etwas zu überhöht geschrieben. Und klar - Werbung etc. ist da ganz schön am Start, dessen muss man sich bewusst sein. Gute Fotografie hingegen, die kann es nicht genug geben. :)

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