Dienstag, 31. Mai 2016

Tour de l'Europe

Auf unterlenker.com geht es ums Radfahren, nicht um Politik. Trotzdem erscheint es mir notwendig Europa ein klein wenig Unterstützung zu kommen zu lassen. Denn Europa befindet sich gerade in schwerem Fahrwasser. In vielen Ländern der Europäischen Gemeinschaft haben rechte, europafeindliche Parteien Zulauf und den Europäischen Institutionen und Politiker wird allzu gerne der schwarzen Peter zugeschoben für alles was in den Nationalstaaten schiefläuft.

Meine persönliche Erfahrung mit Europa ist eine ganz und gar andere. Wenn ich 25 Jahre zurück gehe und mich an meine Trainingsfahrten erinnere, da fällt mir mehr als eine Gelegenheit ein, bei der ich eine leere Trinkflasche aber keinen französischen oder belgischen Franc in der Trikottasche hatte und auf dem Heimweg mit trockener Zunge an der Grenze genau gemustert wurde. Heute kann man an jeder Tankstelle oder Bäckerei halten und muss sich keine Gedanken um das richtige Geld machen, man kann die Grenze zig mal auf einer Tour überqueren ohne ein einziges Mal den Pass vorzeigen zu müssen. Nach Frankreich, Belgien oder Luxembourg zu fahren ist auch nichts anderes als vom Saarland nach Rheinland-Pfalz.

Wenn heute im Fernsehen und im Internet Bilder aus den Kriegsgebieten dieser Erde gezeigt werden, Bilder von zerbombten Städten, fliehenden Menschen, toten Kindern und all dem Elend, können wir uns in unseren Sofas zurücklehnen und schnell das Programm wechseln. Vor nur einem Menschenleben war Europa der Schauplatz von zwei unvorstellbaren Kriegen, in denen Millionen Menschen ihre Liebsten, ihr Hab und Gut und ihr Leben verloren haben. Heute fahre ich dort wo sich Deutsche und Franzosen unerbittlich gegenüberstanden und soviel Blut vergossen haben Radrennen. 


100 Jahre nach der Schlacht von Verdun bin ich in Buzy-Darmont Radrennen gefahren, nur wenige Kilometer westlich der damaligen Frontlinien. Einfach so, genauso wie wenn ich in Deutschland fahre. Oder zwei Woche davor in Luxembourg, das von Deutschland im zweiten Weltkrieg überrannt wurde und in dem die Deutschen wie überall nicht mit Kriegsverbrechen gespart haben. Oder Paris-Roubaix, das heute nicht nur deshalb die Hölle des Nordens genannt wird, weil es ein langes Rennen auf schlechten Straßen ist, sondern weil auch dort die Schlachten des ersten Weltkriegs tobten.

Das wir nach diesem unvorstellbaren Leid und Zerstörung heute in Europa so zusammenleben wie wir es tun, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sondern eine herausragende politische Leistung. Das wir innerhalb des Schengenraumes reisen können wie es uns gerade beliebt und uns prinzipiel überall niederlassen können ist ebenfalls eine große Errungenschaft. Im totalen Gegensatz zu der Bedeutung des Schengener Abkommens steht übrigens der namensgebende Ort, durch den ich bei meinen Trainingsfahrten des öfteren durchfahre. Schengen könnte man auch getrost als Kaff bezeichnen, herausragend ist nur die Lage am Dreiländereck Luxembourg-Frankreich-Deutschland und die große Auswahl an Tankstellen, an denen die Mineralölsteuerflüchtlinge aus Deutschland und Frankreich von den niedrigeren Steuersätzen in Luxembourg profitieren. Das Abkommen wurde damals auch auf einem Schiff auf der Mosel unterzeichnet, genau auf der Grenze zwischen den drei Ländern.


Europa ist in der Tat viel zu groß und zu vielschichtig als dass man es wirklich und im Ganzen fassen könnte. Was aber auch gar nicht notwendig ist. Es wird treffender Weise vom Europa der Regionen gesprochen. "Meine Region" ist das Saarland, das angrenzende Rheinland-Pfalz, Luxembourg und Lothringen. Hier bewege ich mich jeden Tag, ich kann Grenzen überschreiten, überall mit dem gleichen Geld bezahlen, überall die gesetzliche Krankenversicherung in Anspruch nehmen und muss bald auch keine Roominggebühren mehr bezahlen. Das ist mein kleines Europa. Klar, was habe ich schon mit Spaniern, Italienern oder Skandinaviern zu tun? Aber genauso: Was habe ich mit Sachsen oder Bayern zu tun? Das das Saarland heute zu Deutschland gehört ist eine Laune der Geschichte, wir könnten genauso ein Teil Frankreichs oder unabhängig sein. Dann würde statt der AFD der Front National auf Stimmenfang in Saarbrücken gehen. 

Das eigentlich verbindende Element ist doch nicht der Nationalstaat, sondern die gemeinsamen Werte: Demokratie, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung, Trennung von Kirche und Staat, Reisefreiheit, Redefreiheit, Demonstrationsrecht. Diese grundlegenden, grenzüberschreitenden Werte sind Europa und viel stärker als irgendwelche nationalistischen Hirngespinste.

Ohne Frage ist Europa weit davon entfernt perfekt zu sein. Europa ist ein Projekt, und wie jedes Projekt wird auch Europa niemals fertig werden und es wird immer etwas zu verbessern sein. Denn Projekte laufen niemals reibungslos, immer wieder tauchen Schwierigkeiten auf, die nicht vorhersehbar waren, handelnde Pesonen die andere Vorstellungen haben und Sachzwänge, denen man sich unterordnen muss. Jeder wird wohl schon mal in seinem Beruf oder in der Familie die Erfahrung gemacht haben, dass es schwierig war sich zu einigen und das selbst das kleinste und einfachste Vorhaben nicht reibungslos umzusetzen war. Wie kann man da erwarten, dass es mit so vielen Akteuren wie in der europäischen Union ohne Probleme und Fehler vonstatten geht. 


Leider erklären viele Politiker dieses europäische Projekt schlecht oder gar nicht und machen es im Gegenteil für alle möglichen Schwierigkeiten verantwortlich. Das und die fehlende persöhnliche Erfahrung scheinen mir Gründe für die zunehmende Europaskepsis zu sein. Dabei brauchen wir mehr und nicht weniger Europa. Wenn nämlich die Europäische Einigung aufgegeben wird, der Euro wieder durch die Mark, die Lire, die Peseten, den Franc abgelöst wird, wenn Grenzkontrollen wieder eingeführt werden, dann wird man auch anfangen gemeinsame Vorhaben einzufrieren, es wird keine grenzüberschreitenden Feste mehr geben, man wird sich nicht mehr austauschen und irgendwann werden die Deutschen wieder glauben das Lothringen ja doch zu Deutschland gehört und es sich nehmen. So weit wird es schon nicht kommen? Hoffentlich nicht. Aber die einzige Garantie für Frieden und Wohlstand ist die Europäische Union. Wenn dieses Bündniss zerbricht, warum sollen dann die Starken in den Nationalstaaten nicht auch hier Glück in der Unabhängigkeit suchen? Die Basken, die Schotten, vielleicht auch die Bayern? Gab es ja schon mal alles, ein bayrischen Königreich, Kleinstaaterei und eine andere Währung alle paar Kilometer.

Wie beim Radrennen gilt auch für Europa: Nicht aufgeben, auch wenn es gerade ziemlich steil bergauf geht oder die Straße schlecht ist, immer weiter, irgendwann werden wir oben sein.

Daher: 
Hoch lebe Europa! Fahrt Rad, überschreitet Grenzen, entdeckt Neues, erlebt Europa!

Das ist die Anlegestelle an der das Schiff festgemacht war, auf dem das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde.



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Kommentare:

  1. Sehr schön, Boris! Sehe ich genauso. Punkt.

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  2. Christoph Hornig13. Juni 2016 um 23:20

    Ein sehr ehrenwertes und wichtiges Statement! Ich kann hier jeden Satz unterschreiben. Danke

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