Samstag, 11. Februar 2017

Nichts weniger als die Weltherrschaft!

Immer wieder heißt es, das böse Internet treibe die lokalen Radhändler in den Ruin. Dass Diese gegen die Direktversender und großen Versandhändler keine Chance haben. Und dass wir, die Radsport-Konsumenten, verpflichtet sind bei unserem Händler vor Ort einzukaufen.

Ich bin skeptisch. Kann es nicht auch sein, dass der ein oder andere lokale Händler einfach schlecht ist? Schlechte Beratung, schlechter Service und ja, auch das, schlechte Preise bietet? Mich befremdet es, wenn mir bekannte Radhändler Canyon als ihren Erzfeind bezeichnen. Oder die, wenn man es denn wagt mit einem Rad aus Koblenz zum Ersatzteilkauf vorzufahren, unmittelbar  zum Canyon-Bashing übergehen. Beides habe ich schon erlebt. Da denke ich mir: "Hey, das ist mein Rad, ich finde das super, ich habe mir was dabei gedacht. Wenn ich mich dafür rechtfertigen muss, komme ich gar nicht mehr!" In solchen Momenten stelle ich mir Roman Arnold immer mit Teufelshörnern, Dreizack und einem diabolischen Lachen, umgeben von schwefeligen Nebelschwaden vor. Der Antichrist aus Koblenz. Die Realität sieht wohl anders aus.

Mich hat es interessiert, ob ein kleiner, lokaler Radhändler gegen die Internetriesen bestehen und jenen vielleicht sogar Geschäft abjagen kann. Ist es am Ende nicht eher eine Frage der Servicequalität, des Einkaufserlebnisses, des ganzen Drumherums statt einfach nur des nackten Preises? Was ist das Erfolgsgeheimnis von Händlern, die dem Internet trotzen? Trotz Internet wachsen? Am Ende selber Internet sind und denen dann genauso Teufelshörner wachsen wie Roman Arnold?

Um das herauszufinden bin ich Ende letzten Jahres nach Weselberg gefahren, einem kleinen Dorf am Rande des Pfälzer Waldes und habe mich mit Frank Dressler getroffen, dem Inhaber von Wheelsports. Wer heute in dem Radladen steht wird mit Recht anmerken, dass das nicht eines der kleinen Geschäfte ist, das sich nur mühsam über Wasser halten kann. Auf zwei Etagen stehen Räder neben Räder, alle Klassen und Kategorien. Rennräder, MTBs, Crossräder, Gravelbikes, Fatbikes, Räder mit und ohne Elektromotor, für Jung und Alt. Die Auswahl setzt sich beim Zubehör und allem Drum und Dran fort. 1000 Quadratmeter und irgendwas zwischen 600 und 900 Rädern. Wow!



So war es aber nicht immer. Was man heute zu Gesicht bekommt ist das Ergebnis langer Jahre harter Arbeit und hat vor gerade mal 15 Jahren seinen Anfang genommen. Kurz nach der Jahrtausendwende hat Frank in einem kleinen Teil seines elterlichen Bauernhofes angefangen Fahrräder zu reparieren und ein paar Teile zu verkaufen. Ein Garagenladen eigentlich, mitten auf dem Land, fast im Nirgendwo, ohne Laufkundschaft, dafür mit einer Menge Improvisation. Da muss man schon mehr als ein wenig verrückt sein um an den Erfolg zu glauben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als mir ein Freund damals davon erzählt hat, mit verdrehten Augen, frei nach dem Motto: "Zum Scheitern verurteil." Es sollte anders kommen.

Da lohnt es sich etwas genauer hinzuschauen, was dieser Frank Dressler denn so für ein Typ ist. Jahrgang 1976 hat Frank nach wilden Jahren Ende der 90er mit dem Radsport angefangen. Erst auf dem MTB, dann auf dem Rennrad. Unsere Pfade haben sich damals kurz gekreuzt. Ein oder zwei Jahre sind wir in den gleichen Rennen gestartet, hatten gemeinsame Freunde und waren zusammen im Trainingslager. Bei mir kam dann irgendwann Beruf und Familie, für Frank ging es mit vollem Einsatz im Radsport weiter. Frank ist gelungen, wovon viele nur träumen können - mit Radrennen Geld zu verdienen. Für den Sprung in die höchste Klasse der Worldtour Mannschaften hat es zwar nie ganz gereicht, aber hey, sich mit Fug und Recht als Profi bezeichnen zu können, das ist doch was.

Die Palmares auf Pro Cycling Stats sind auf jeden Fall sehr beeindruckend. Eines der besten Jahre war 2010, nur wenige Kilometer vor dem Ziel wurde Frank von den Verfolgern eingeholt und wurde dann doch nicht Deutscher Meister. Zu früh attackiert und mit den Kräften nicht genug gehaushaltet. Das hätte ich sein können. Am Ende sprang dann immerhin noch ein sehr guter achter Platz raus. Nicht schlecht für eine Deutsche Elite Meisterschaft, gegen die Crème de là Crème der Deutschen Profis. Gewonnen hatte damals Christian Knees.

Neben sicherlich einer gehörigen Portion Talent hat Frank seine Erfolge im Radsport vor allem einem ungeheuren Arbeitsethos, Trainingsfleiß und unbändigem Willen zu verdanken. Eigenschaften, die heute seinem Geschäft zu gute kommen. Trotzdem ist es ein langer Weg von einer One Man Show zu einem mittelständigen Radsportgeschäft mit inzwischen acht Mitarbeitern. Wie Frank mir erzählt hat gab es genug Momente, in denen alles auf der Kippe stand. Erfolg ist nie ein Selbstläufer.

Was mich am meisten beeindruckte war die Leidenschaft mit der Frank sein Geschäft führt und darüber spricht. Wie früher auf der Rennstrecke so gibt es auch heute meist nur einen Modus: Kette rechts und Attacke. Toll wenn man seine Leidenschaft zum Beruf machen kann und rund um die Uhr darin aufgeht. Eine solche Passion hat natürlich nie Feierabend, nie Urlaub. In meinem beruflichen Umfeld würde so jemand als Workaholic gelten.

Das alles ist natürlich noch keine Garantie für Erfolg. Dass daneben Service, Auswahl, Kompetenz und die Mitarbeiter erstklassig sein und auch die Preise stimmen müssen versteht sich von selbst. Natürlich kann nicht jeder Radhändler dem allem entsprechen und nicht jeder wird am Markt bestehen können. Das ist Teil der Marktwirtschaft und gilt für Versandhändler genauso wie für den Radladen um die Ecke. Es wird immer Geschäfte geben, die neu dazu kommen und andere, die verschwinden. Wer hätte sich in den 80ern vorstellen können, dass "der Brügelmann" irgendwann mal zu machen muss.

Mir scheint es viel mehr eine Frage der Geschäftstüchtigkeit zu sein, der Fähigkeit sich selbst immer wieder neu zu erfinden, sich weiter zu entwickeln, den Kunden Neues zu bieten, Trends zu setzen oder doch zumindest zu erkennen. Ganz klassisches Unternehmertum eben.

Die Wenigsten haben etwas zu verschenken und müssen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln sorgsam haushalten. Da ist es nur folgerichtig, dies auch beim Radkauf und all dem Zubehör zu tun. Opportunistisch nach bestem Preis / Leistungsverhältnis einzukaufen ist durchaus in Ordnung, im Internet finden sich an jeder Ecke Schnäppchen. Dass man dann als Gelegenheitskunde im Fachgeschäft nicht mit besonderer Kulanz rechnen kann versteht sich aber genauso. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Oftmals können die Preise im Fachhandel mit denen im Internet aber auch mithalten. Fragen lohnt sich. Hingegen ist es nicht in Ordnung sich im Geschäft alles erklären zu lassen oder anzuprobieren und dann im Internet zu kaufen. Genauso wenig in Ordnung ist es aber auch, Kunden, die mit einem Direktversand Rad vorfahren, schlecht zu behandeln.

Ich bin der Überzeugung, dass beide, der kleine Radladen um die Ecke genauso wie die grossen Versandhändler und Direktanbieter, ihre Berechtigung haben. Kein Kunde ist wie der andere, jeder legt auf etwas anderes wert. Manche wissen genau was sie wollen und schauen nur auf den Preis, andere brauchen eine Beratung, schätzen den persönlichen Kontakt und sind bereit dafür auch einen Aufpreis zu zahlen. Warum soll sich diese Vielfalt nicht auch auf der Angebotsseite widerspiegeln? Viel wichtiger als in jedem einen Konkurrenten zu sehen, ist es zusammen mehr Menschen zum Radfahren zu bewegen. Ich habe keinen Einblick in die Lobbyarbeit der Radbranche, würde mich aber wundern, wenn da schon alle Register gezogen sind. In der "öffentlichen Liste über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern" beim deutschen Bundestag von Mai 2016 sind unter dem Suchwort Fahrrad ganze drei Einträge zu finden: der ADFC, der Verband Service und Fahrrad und der Zweirad Industrie Verband. In der Kategorie Kraftfahrzeug gibt es ganze 19 Einträge, dazu 14 Auto / Automobil Lobbyisten. Kein Wunder, dass das Fahrrad für die Verkehrspolitik in Deutschland nur eine klitzekleine Nebenrolle spielt.

Aber es muss ja nicht immer die große Politik sein, wie sieht es mit der Unterstützung des lokalen Radvereines aus? Frank Dressler und seine Frau Silke Lehnhof sind zum Beispiel sehr engagiert in "ihrem" Verein, dem RC Pfälzerwald. So pflegt man eine Gemeinschaft, kann die Freude am Radsport teilen und vermitteln sowie Nachwuchsarbeit leisten. Ein solches Engagement kostet Zeit und Geld, wird aber irgendwann zu mehr Leuten auf Fahrrädern führen. Wie will man mit Begeisterung Fahrräder verkaufen, wenn man mit Radfahrern nichts zu tun haben will?

Vielleicht ist das Problem ja auch gar nicht so groß, unter "Geschäftsaufgabe Fahrradgeschäft" findet Google 1.140 Treffer. Eingeschränkt auf das letzte Jahr und Deutschland und bereinigt um Werbung bleiben gerade noch eine Handvoll Treffer übrig.

Ich mache mir auf jeden Fall um den Radsporteinzelhandel an sich keine Sorgen, auch wenn ich selber einiges im Internet bestelle und auf einem "bösen" Canyon Rad fahre. Frank Dressler zeigt mit Wheelsports wie es geht. Ich kann nur jedem, der in der Nähe vorbei kommt, empfehlen dem Laden einen Besuch abzustatten und sich von der Begeisterung von Frank und seiner Mannschaft anstecken zu lassen. Aber Vorsicht! Es besteht die Gefahr mit einem sehr viel leichteren Geldbeutel den Laden zu verlassen, trotz oder gerade wegen der guten Preise, ich spreche da aus Erfahrung. Wem der Weg nach Weselberg zu weit ist, kann aber auch über die Homepage von Wheelsports bestellen. Soviel zum bösen Internet! ;-)


Auf seine weiteren Zukunftspläne angesprochen hat Frank eine klare Vorstellung: "Nichts weniger als die Weltherrschaft, zumindest im Fahrradhandel!" Das ist sicher noch ein weiter Weg, aber auch Canyon hat mal als Radsport Arnold mit dem Verkauf von Rad Teilen aus dem Kofferraum angefangen und Herbert von Karajan soll gesagt haben: "Wer alle seine Ziele erreicht, wird sie wahrscheinlich zu niedrig gewählt haben."

Zunächst wird in den nächsten Monaten aber ein Radsport-Caffee in Weselberg eröffnen. Radsport und Kaffee gehören ja bekanntlich zusammen. So lässt sich angenehm auf die Reparatur des Rades warten und es gibt eine tolle Kaffee-Pausen-Anlaufstation mitten in einer traumhaften Radsport-Region.

Wie lautet das Fazit? Macht "das Internet" die Radhändler nun kaputt? Nein, so per se kann man das nicht sagen. Es wird immer Unternehmen geben, in denen zu viele falsche Entscheidungen getroffen werden und die vom Markt verschwinden, unabhängig von der Größe. Es gibt viele, die Fahrräder verkaufen, neben dem Einzelhandel, den Versandhändlern und Direktanbietern gibt es auch noch Sportgeschäfte, Supermärkte, Baumärkte, Lebensmitteldiscounter, Kaffeeröster und und und. Wenn ein Händler nicht genug Kunden von seinem Angebot überzeugen kann, ist das nicht der Fehler der Kunden!
Der Bedarf an alternativen, umweltfreundlichen Verkehrsmitteln steigt. Das Rad ist als Verkehrsmittel und Sportgerät im Aufwind. Die Jedermann Szene boomt. Dieses Jahr startet die Tour de France wieder in Deutschland. Die heimischen Profis fahren vorne mit und der populärste Fahrer der Gegenwart, Weltmeister Sagan, fährt in einem deutschen Team. Rosige Aussichten! Die Händler mit gutem Service, attraktiven Angeboten und innovativen Ideen, die ihre Kunden begeistern können müssen sich keine Gedanken machen.





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Kommentare:

  1. "Wenn ein Händler nicht genug Kunden von seinem Angebot überzeugen kann, ist das nicht der Fehler der Kunden!"

    So sieht das aus.

    Internet vs. Einzelhändler. Eines meiner Lieblings-(Hass)-Themen. Nicht nur bei Radhändlern. Auch bei Computern oder Kameras. Nicht erst, seit es das Internet gibt, sondern schon vorher. Moment - schon vorher?

    Ja, das Problem des sogenannten Fachhandels ist halt älter als das Internet und von diesem auch unabhängig. Du führst es aus: Fachkunde, Motivation, eingehen auf den Kunden.

    Warum soll ich bei einem Händler vor Ort einkaufen? Vorausgesetzt, es gibt überhaupt einen vor Ort oder in normaler Nähe? Wenn er eh keine Auswahl hat. Wenn er eh weniger Ahnung als ein Enthusiast von seiner Handelsware hat? Wenn er darüber sogar noch arrogant oder verblendet ist (siehe deinen sehr korrekten Eingangsabsatz zum Thema Canyon-Fahrräder). Wenn er nicht mal ein Quentchen Einkaufserlebnis bietet?

    Die Liste liesse sich fortsetzen. Schon vor über 20 Jahren fuhr ich alle zwei Jahre gerne zur Photokina nach Köln. Da konnte ich das erfahren, was mir kein Fotofachhändler, soweit ich auch gefahren bin, bieten konnte: Marktübersicht, die Möglichkeit unterschiedliche Produkte zu begrabbeln, zu bewerten bzw. überhaupt erst mal kennen zu lernen. Da war Internet noch kein Thema.

    Heute allerdings. Je nachdem, was ich mir gerade bestellen mag, finde ich ja nicht mal alles zusammen beim gleichen Internethändler. Beim lokalen Händler? Hat er nicht. Kennt er vielleicht nicht mal. Wenn er's bekommen kann... Dann wälzt er Kataloge bzw. klickt sich in das Portal seines Großhändlers ein. Bis das Teil dann bei ihm im Laden ist, dauert das länger, als wenn ich das Teil direkt selbst bei einem beliebigen anderen Händler bestelle. Und das kommt dann zu mir nach Hause. Da muss ich mir nicht noch mal extra Zeit rausnehmen und wieder zum Händler hinfahren.

    Es geht also (zumindest mir und sicherlich vielen anderen) gar nicht mal um den Preis. Es geht um Marktübersicht, um Verfügbarkeit und um Geschwindigkeit und es geht um Gelegenheit. Ich müsste mir Urlaub nehmen, um zu üblichen Öffnungszeiten irgendwelche Händler abzuklappern... Und dann nochmal Urlaub nehmen, um so ein Teil abzuholen?

    Anderes Stichwort: Probefahrten... Habe ich auch schon ausführlich drüber geblogged... Warum soll ich z.B. bei einem deutschen Händler ein hochpreisiges Pinarello Dogma kaufen, wenn ich zum Testen eh nach Südtirol fahren muss? Dann kaufe ich es auch da. Bzw. bestelle es dort (über das Internet).

    Ich hätte liebend gern einen guten Radladen mit toller Auswahl und schöner Café-Ecke bei mir nebenan. In der Realität kenne ich nur ganz wenige interessante Radläden. Leider alle mehr als 100 km von meinem Wohnort entfernt. Support your local Dealer? My Ass... Nur, wenn sie's drauf haben.

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  2. Ich denke das Thema Canyon ist schwierig. Entweder mag man die Firma oder nicht- am Computer ankreuzen und bestellen ergibt nichts individuelles für mich.
    Wenn ich mich bei Canyon einlogge muss ich erst schauen nach der Sprache - Als Deutsch ist das oft nicht zu erkennen. Auch die Art der Internetseite spricht mich nicht an.Vielleicht bin ich auch dafür zu alt. Die hatten mal ein Rad das mir recht gut gefallen hat. Unibet mit dem grünen Streifen. Sonst war da bisher nichts dabei. Meine beiden Maßrahmen (beide neu) habe ich jeweils beim saarländischen Händler (Heini und Paul) hier vor Ort bestellt und gekauft. Aber wenn wir doch mal überlegen, könnten wir ohne Internet - nur angewiesen auf den Vor -Ort Händler uns die Räder die wir fahren leisten ? .
    Ich schaue bei jedem Rad das ich die Teile günstig bekommen kann und bringe den vollen Karton dann zum Händler. So baue ich nun Rad Nr. 10 auf.. ohne Internet hätte ich vieleicht 2 -3 Räder.

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