Donnerstag, 29. Juni 2017

Bundesliga Junioren / Masters, ein Zwischenfazit

Dieses Jahr hat der Bund Deutscher Radfahrer aus der Junioren-Bundesliga eine Junioren/Masters-Bundesliga gemacht. Zunächst durften nur Senioren 2 Fahrer, dann auch Senioren 3 Fahrer an den Start, sowohl als Mannschaft als auch als Einzelfahrer.

Zu diesem Schritt sah man sich beim BDR durch die immer kleiner werdenden Startfelder genötigt. Nachwuchssorgen hat nicht nur der Straßen-Radsport. Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit und Zeit der Jugendlichen sind die Sportverbände mit einer immer grösseren Anzahl an Mitbewerbern (Internet, Videospiele, neue Sportarten) und einer knapperen Freizeit der Jugendlichen (G8) konfrontiert. Das in dieser Situation der absolute und auch der relative "Marktanteil" der einzelnen Wettbewerber (z.B. Sportverbände) sinkt, ist ein Gesetzt des Marktes. Hinzu kommt, dass es der Radsport in der auf Heldenverehrung fixierten deutschen Sportkultur nach den Doping-Skandalen der 2000er Jahre und dem Sturz von Ullrich und Co. besonders schwer hat.

Zunächst stellt sich aber die Frage, wie klein das Bundesligafeld tatsächlich ist und ob dies ein Problem darstellt. Dazu habe ich die Ergebnisse der vier Rennen 2017 (Frankfurt, Karbach, 2x Ilsfeld-Auenstein) einer kleinen Analyse unterzogen. Die Linien zeigen die Platzierungen und die jeweiligen Rückstände auf den Sieger in Prozent der Siegerzeit. Von der Main-Spessart Rundfahrt abgesehen, bei der eine Reihe von Fahrern das Rennen mit enormen Rückständen beendeten, kamen kaum mehr als 50 Fahrer ins Ziel. Nur etwa 20 Fahrer waren in der Lage auf den schweren Kursen halbwegs in die Entscheidung einzugreifen und unter 5% Zeitrückstand zu bleiben. Bei den vermeintlich einfacheren Rennen kamen etwa 45 Junioren zusammen an. Die Lücken in den Linien sind Masters Fahrer.


Die Daten für diese Grafik wurden etwas bereinigt. Plazierungen werden durchgezählt, auch wenn die Fahrer im offiziellen Ergenis auf dem gleichen Platz stehen. Im Ergebnis von Frankfurt stehen eine Reihe von Fahrern mit einer Zeit von über 16 Stunden im Ergebnis. Ich nehme an es handelt sich um die Gruppe, die nicht mehr auf die finale Runde gelassen wurde, ich habe diesen Fahreren ebenfalls eine Zeit von drei Stunden plus der im Ergebnis gezeigten Minuten gegeben (also 16 gegen 3 ersetzt). Das ändert nichts an der Reihenfolge, die "16 Stunden Gruppe" hat immer noch die langsamste Zeit.

Auch wenn ich keines der Rennen live gesehen habe und mir somit natürlich wesentliche Informationen zu Verlauf und Ausgang fehlen, kann man durchaus festhalten, dass 50 bis 60 klassierte Fahrer wenig ist.

Warum ist das aber überhaupt ein Problem? Ziel der Bundesliga ist es, die Nachwuchsfahrer auf internationale Rennen und den Wechsel in die Elite vorzubereiten. Es geht um Talentsichtung und -Förderung. Die Herausforderung dabei ist, dass der Straßen-Radsport nicht nur aus einer körperlichen Komponente, sondern ebenso aus taktischem Geschick besteht. Rennübersicht, Positionierung, Kräfte sparen, all das kann einen eigentlich schwächeren Fahrer über stärkere Konkurrenten triumphieren lassen. Kleine Felder von 50 und weniger Fahrern beschränken allerdings die taktischen Anforderungen und Möglichkeiten. Reine körperliche Stärke hat es leichter.

Einige Beispiele:
  • Die entscheidende Gruppe geht aus einem 50 Mann Feld und der stärkste Fahrer ist ganz hinten. Kein Problem, der Fahrer fährt nach vorne und setzt nach. Wenn unser Favorit aber ganz hinten in einem 150 Mann Feld fährt, bekommt er wahrscheinlich noch nicht mal mit, dass ein Gruppe wegfährt. 
  • Aus unserem 50 Mann Feld löst sich eine Gruppe von fünf starken Fahrern aus fünf verschiedenen Mannschaften. Wer soll da noch Konterattacken fahren? Im Feld werden schlicht zu wenige Mannschaften ohne Fahrer in der Spitze sein, die ein Interesse an der oder die Fähigkeit zur Nachführarbeit haben. 
  • In einem großen Feld kann sich ein schwächerer Fahrer durch intelligente Fahrweise viel länger schonen und somit am Ende stärkere Fahrer schlagen. Es gibt mehr Windschatten, mehr Fahrer und Mannschaften, die die Verfolgung von Ausreissern organisieren usw. In einem kleinen Feld geht es in erster Linie darum, wer physisch der Stärkste ist.
Es ist also durchaus wichtig für die Talentsichtung Startfelder von deutlich über 100 Fahrern zu haben. Letzten Endes ist dies auch im Sinne der Veranstalter, die den Zuschauern ein interessantes Rennen bieten wollen. Grosse Überlandrennen wie am 1.Mai in Frankfurt sind teuer. Genehmigungen, Absperrungen, Polizei und Streckenposten müssen bezahlt werden. Auch wenn Juniorenrennen wohl kein Geschäft sind und viel Engagement voraussetzen, gibt es sicher eine Grenze, ab der sich solche Veranstaltungen nicht mehr darstellen lassen.

Es steht ausser Frage, dass das eigentliche Ziel sein muss, wieder über 100 oder sogar 150 Junioren in der Bundesliga zu haben. Nur, das passiert nicht von heute auf morgen. Zum Erreichen dieses Zieles wird man gute Ideen, Durchhaltevermögen, günstige Umstände, Glück und vor allem viel Zeit benötigen. Beginnt man heute, wird man frühestens in fünf bis zehn Jahren erste Ergebnisse sehen.

Um die Situation aber direkt zu verbessern, gibt es zwei nahe liegende Möglichkeiten: Öffnung für ausländische Fahrer oder eben Öffnung für die Masters Klassen. Die erste Möglichkeit hat ebenfalls Nachteile, da Mannschaften zum Beispiel aus Belgien oder Frankreich wenig Interesse an den Rennen in Ostdeutschland haben werden, da diese zu weit entfernt sind, dort werden Mannschaften aus unseren östlichen Nachbarländern starten, die aber wiederum nicht in den Westen der Republik fahren. Wenn es aber das Ziel ist, eine zusammenhängende, deutsche Rennserie zu haben mit mehr oder weniger den gleichen Startern in jedem Rennen, dann ist die Masters Variante zu bevorzugen.


Nur leider hat man beim Bund Deutscher Radfahrer die Rechnung ohne den Wirt, bzw. die Masters-Fahrer gemacht. Bei allen vier Rennen zusammen gab es lediglich 13 Senioren-Starts von sieben unterschiedlichen Fahrern. Zwei Fahrer sind je drei mal gestartet, weitere zwei je zwei mal und drei Fahrer haben es bei einem einmaligen Abenteuer belassen. Von diesen 13 individuellen Rennen wurden nur sechs beendet. Das ist eine DNF Quote von über 50%!



Man kann sicher behaupten, dass dies hinter den Erwartungen zurück bleibt. Ein Grund dürfte die späte Freigabe der Bundesliga für die Masters Klasse gewesen sein. Die amtliche Bekanntmachung erschien am 20. März, der offizielle Meldeschluss war am 1. April, das erste Rennen in Frankfurt am 1.Mai. Zehn Tage sind selbst unter besten Vorraussetzungen nicht genug, um eine Mannschaft aufzustellen (Fahrer, Betreuer, Auto, Ausrüstung, etc.) und zu melden. Sicher, einiges kann man auch nach Meldeschluss organisieren und der BDR hätte auch spätere Meldungen akzeptiert, aber eine solch späte Bekanntgabe erweckt eher den Eindruck einer Kurzschlussreaktion statt eines wohlüberlebten Planes.

Meines Erachtens hat man versäumt, die besten deutschen Masters und die existierenden Renngemeinschaften vorab ins Boot zu holen, die Stimmungslage zu eruieren, vielleicht auch Überzeugungsarbeit zu leisten und sicherzustellen, dass in jedem Fall einige Mannschaften teilnehmen werden. Statt dessen hat man der Meinungsbildung entlang der Strecken und in den sozialen Medien freien Lauf gelassen und nach allem, was ich gehört und gelesen habe, ist diese verheerend ausgefallen. Weithin hält man die Öffnung der Junioren-Bundesliga für Masters Fahrer für eine ziemliche Schnapsidee. Das erzeugt neben den durchaus sachlichen Gründen, die gegen eine Teilnahme sprechen, eine gewisse Gruppendynamik, die es potentiell interessierten Fahrern nicht leichter machen dürfte.

Das ist schade. Ich halte die "Masters-Bundesliga" nämlich für eine interessante Möglichkeit, "richtige" Radrennen zu fahren gegen eine Konkurrenz, deren durchschnittliches Niveau dem der Masters Fahrer entspricht. Die einen sind auf dem aufsteigenden Ast, für die anderen geht es abwärts. Als Senior noch mal mit den jungen Kerlen zu fahren, ist das nicht wie ein Rennen gegen das eigene, jüngere Ich? Hängen wir Alten nicht alle ein wenig unserer Jugend nach? Als die Träume von einer Profikarriere noch nicht von der Wirklichkeit zurechtgestutzt waren? Dazu echte Straßenrennen auf großen Kursen und vor einmaliger Kulisse (Frankfurt), echte Mannschaften mit Begleitfahrzeug, günstiges Startgeld und ein vergleichsweise homogenes (=faires) Startfeld.

Was spricht dagegen? Die fehlende Übersetzungsbeschränkung für die Masterfahrer? Ja, das führt zu gewissen Ungleichheiten, auf der anderen Seite kann man die Beine mit 18 Jahren in der Regel auch noch schneller drehen wie jenseits der 40 und es kann für den Junior auch durchaus eine taktische Überlegung sein, den Senioren-Fahrer am Berg eben nicht abzuhängen um von seiner Hilfe im Flachen zu profitieren. Davon abgesehen halte ich den 11er, 12er und den 13er für überbewertet. Ausserhalb der Elite A und Profi Klassen dürfte kaum jemand diese Gänge wirklich treten können.

Was noch, die furchtlose Fahrweise der Junioren? Niemand stürzt gerne, auch nicht die Jungen. Diese mögen zwar eine teilweise riskantere Fahrweise an den Tag legen, auf grossen Straßenkursen halte ich das aber für zu vernachlässigen. Davon abgesehen rappelt es auch bei den Profis alle Nase lang.

Meine eigenen Erfahrungen mit den gemischten Rennen sind durchaus positiv. 



Ob das Experiment für die Saison 2018 fortgesetzt wird? Das bleibt abzuwarten, um es noch zu einem Erfolg zu bringen, wird der Bund Deutscher Radfahrer sich einiges überlegen müssen. Von alleine werden 2018 nicht dutzende Fahrer am Start stehen. Das es sich dabei nur um eine Überbrückungsmaßnahme handelt bis wieder ausreichend Junioren am Start sind, steht wie bereits geschrieben ausser Frage. Aber bis dahin könnte man es seitens der Masters auch als Nachwuchsförderung sehen, frei nach dem Motto: "Jetzt zeigen wir denen mal wie Radrennen gefahren werden!". Gut, so einfach wird es nicht werden, aber die alten Herren haben auch nichts zu verlieren, wir könnten das nur für den Spass machen und hinterher ein Bier trinken. In dem Sinne: Prost! 

Vielen Dank an Birgit Jung, die mir freundlicherweise die Bilder zur Verfügung gestellt hat.

Links:
Lila Logistik Rad-Bundesliga Startseite
Rad-Net Amtliche Bekanntmachungen (nach Bundesliga suchen, die einzelnen Bekanntmachungen lassen sich nicht direkt verlinken)

1 Kommentar:

  1. Wenn man schon wegen zu wenig U19 öffnen muss, sollte man besser allgemein für die C-Klasse (ohne BuLi Team) statt nur für die stärkeren Masters ABC öffnen. Schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe:
    - Ein Angebot für die ‘schwächeren‘ 20-39igjährigen, dass sie nicht mehr für Straßenrennen zu den Jedermännern abwandern müssen (und man sich hier nicht weiter sein eigenes Grab schaufelt). Für Späteinstiger (mit zB 20-25) auch sehr interessant. AB und Teamfahrer C haben ja Männer BuLi
    - vollere Felder

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