Donnerstag, 10. August 2017

Bessere Zeiten

Nach einer Woche in den Bergen hat mich meine Trainingsrunde heute mal wieder durch Lothringen geführt. In Kirschnaumen, einem der kleinen Orte nicht weit von der Deutsch-Französischen Grenze hat ein altes Restaurant meinen Blick im Vorbeifahren gefangen. Dort bin ich schon oft vorbei gefahren, aber erst heute ist mir der desolate Zustand des Gebäudes aufgefallen. Ich habe gedreht und angehalten um ein Foto zu machen. Von solch alten Hausern geht ja ein morbider Charme aus. Was für Geschichten könnte dieses Haus wohl erzählen, wenn es denn erzählen könnte? Von Hochzeiten und Besäufnissen, vom Kaffee nach Beerdigungen, von Familien beim Sonntagsessen, vom Feierabendbier und von Frühschoppen, von erster Liebe und zornigen Streitigkeiten, vom Lachen und Weinen, von Hochzeiten und ausbleibenden Gästen. Was mag in diesen Wänden schon alles passiert sein? Warum ging es zu Ende? Und heute? Fast eine Ruine, kurz vor dem Zusammenbruch. Die Farbe blättert, die Leuchtreklame ist kaputt, die Läden sind schief, die Fenster blind, das Unkraut sprießt.


Bevor das Haus in sich zusammenstürzt oder abgerissen wird schnell noch ein Bild machen, so viel Zeit muss sein. Ich drapiere mein Rad also auf der Treppe und will gerade ein paar Schritte zurück gehen, da öffnet sich die Tür und ein gar nicht so alter Herr in etwa dem gleichen Zustand wie das Haus steht auf der Schwelle und fragt mich etwas was ich nicht verstehe. Da wohnt noch jemand drin! Mein Gesichtsausdruck ist irgendwo zwischen erschrocken und erstaunt, mit einer Beimischung von ertappt. Damit hätte ich ja im Leben nicht gerechnet, hier noch einen Bewohner anzutreffen. Dann fallen mir doch noch ein paar Brocken Französisch ein und ich frage, ob ich ein Bild von dem alten Haus machen darf. Das ist ok, es gibt keine Einwände, die Tür schließt sich wieder, ich wechsle die Straßenseite, mache mein Foto und fahre weiter.

Wie es innen aussieht mag ich mir gar nicht vorstellen. Lothringen ist heute eine der ärmsten und wirtschaftlich schwächsten Regionen Frankreichs. Man vergisst das schon mal schnell, wenn man mit dem Rad durch die ruhige und meist leere Landschaft fährt und sich über den kaum vorhandenen Verkehr freut.  #whatyouseewhencycling



1 Kommentar:

  1. Merci for this post and the pics. Yes, not only in Lorraine, also in Haut-Rhin there are people who live in houses like this and they aren't so unhappy. Why?

    AntwortenLöschen