Sonntag, 12. November 2017

BSX Insight - Von Raketentechnologie zum Muster ohne Wert in drei Jahren?

Über den BSX Insight habe ich hier schon einige Male geschrieben. Das erste mal im April 2014 als die Kickstarter Kampagne lief. Der BSX Insight wurde als nicht-invasives Laktatmessgerät beworben, zur Bestimmung des FTP-Wertes und zur kontinuierlichen Überwachung während des Trainings. Draussen wohlgemerkt, auf der Straße und nicht nur im Labor und auf der Rolle! Für die Kickstarter Kampagne war ich zu spät dran, aber zur Pre-Order hatte es gereicht. Die Auslieferung wurde mehrmals verschoben, im April 2015 war es dann endlich so weit und die Geräte wurden ausgeliefert.


Nun muss man festhalten, dass der BSX überhaupt gar kein Laktat misst, sondern die Sauerstoffsättigung in der Muskulatur. Licht-Impulse aus dem Infrarot-Spektrum werden unter die Haut gesendet und über einen Detektor wird die Reflexion gemessen. Abhängig von der Sauerstoffsättigung fällt die Reflexionsrate unterschiedlich aus. Bei steigender Belastung verbraucht die Muskulatur mehr Sauerstoff, die Sättigung nimmt ab, wogegen die Laktatkonzentration zunimmt. Die beiden Werte korrelieren also negativ. Dies nutzt der BSX Insight um über einen klassischen Stufentest (alle 3 Minuten plus 20 Watt bis zur Ausbelastung) den FTP Wert zu bestimmen.


Die Funktion der kontinuierlichen Überwachung der Sauerstoffsättigung stand bei Auslieferung noch nicht zur Verfügung, obwohl es in der Kickstarter Kampagne entsprechend dargestellt wurde. Man schaffte es auch nicht dies später per Firmware-Update nachzuliefern, statt dessen gab es eine zweite Generation, bei der Änderungen an der Hardware die kontinuierliche Messung erst ermöglichten. Der Austausch war leider nicht kostenlos aber mit 80 USD (plus Versand und Zoll) noch erträglich. Ende 2015 hatte ich somit endlich das Gerät mit allen Funktionen, die die Kickstarter Kampagne 2014 versprochen hatte, in der Hand.

Alles in allem hat der Spaß rund 620 Euro gekostet. (Der Kaufpreis für die erste und zweite Generation, internationaler Versand und rund 160 Euro Zoll, autsch!)

Das ist eine Menge Geld. Auf der anderen Seite konnte ich während dieser Zeit meine Trainingsfortschritte standardisiert messen und bis heute ganze elf Stufentests fahren. Das sind 56 Euro pro Test. So günstig und unkompliziert bekommt man das sonst nicht.

Der BSX Insight funktioniert allerdings nur im Zusammenspiel über die App auf dem Smartphone und der Webplattform (oder dem Wahoo ELEMNT BOLT). Die App ist notwendig um das Gerät zu starten, die Webplattform um die Daten auszulesen und auszuwerten. Ohne diese Webplattform taugt das Gerät mit seinen 27 Gramm  noch nicht einmal als Briefbeschwerer. Das wäre natürlich nicht weiter schlimm, wenn nicht der Ende des Supports und der Webplattform für August 2018 angekündigt worden wäre.

An der Stelle muss man etwas weiter ausholen. Im Oktober 2016 hat BSX eine weitere Kickstarter Kampagne gestartet, um die Finanzierung eines Hydration-Sensors (LVL, wird Level ausgesprochen) auf den Weg zu bringen. Damals habe ich geschrieben:

Das Armband soll Mitte 2017 verfügbar sein, das ist recht lange hin, aber nach den Verzögerungen mit dem ursprünglichen BSX-Insight ist zu hoffen, dass BSX mit der gesammelten Erfahrung das Ziel diesmal halten kann.

Der finanzielle Einsatz war vergleichsweise gering, ab 99 USD war man dabei. Die Kampagne war ein voller Erfolg und sammelte rund 1,2 Millionen USD ein. Ein Vielfaches des Ziels von 50.000 USD.

Leider hat sich inzwischen herausgestellt, dass die Angaben über den Fortschritt des LVL zum Zeitpunkt der Kickstarter Kampagne nicht nur optimistisch sondern schlichtweg falsch waren. Es wurde der Eindruck erweckt, dass es funktionierende Hardware und Software gäbe und es weitgehend nur noch um die Minimierung der Bauteile ginge. Nachdem über Monate hinhaltende Kampagnen Updates veröffentlicht wurden, verschob man im August diesen Jahres die voraussichtliche Lieferzeit um ein ganzes Jahr auf Mitte 2018. Die einzige gute Nachricht war, dass sich mit Samsung Catalyst ein finanzkräftiger Riskiokapitalgeber an dem Projekt beteiligte.

Vor einigen Tagen hat Ray Maker einen langen und wie immer sehr detaillierten Artikel über die Misere und die falschen Versprechungen veröffentlicht. Die Situation lässt sich in einem Wort zusammenfassen: desaströs! Ob das Produkt jemals geliefert wird? Mein Erwartungswert tendiert inzwischen gegen null, aber vielleicht gibt es ja noch eine Überraschung. Das Ärgerliche bei der ganzen Sache ist dabei nicht das potentielle Scheitern einer Kickstarter Kampagne, das kann passieren. Schließlich handelt es sich um Risikokapital, um eine Investition in eine Idee, nicht um den Kauf eines fertigen Produktes. Ärgerlich ist, dass die Kampagne ganz offensichtlich auf Unwahrheiten basierte, auf falschen und unhaltbaren Versprechungen. Die Kommentare auf der Kickstarter Seite sprechen ganz offen von Betrug, es gibt sogar schon eine Petition für die Erstattung der Investments, die Erfolgsaussichten dürften aber gegen null tendieren.

Was hat das jetzt mit dem einzigen anderen Produkt der Firma zu tun? Nun, man hat sich scheinbar entschlossen, alle Kräfte auf den LVL zu setzten und den BSX Insight einfach eingestellt. Man kann das Gerät nicht mehr kaufen und ob die Webseite und die App nach August 2018 noch arbeiten werden ist derzeit fraglich. Und das ist wirklich eine herbe Enttäuschung. Der BSX funktioniert und hat mit dem Moxy Sensor nur einen einzigen Mitbewerber auf dem Markt, der aber eine etwas andere Zielgruppe anspricht.Warum um alles in der Welt stellt man ein solches  Produkt ein?

Ich habe BSX kontaktiert und einige Fragen zur Zukunft des BSX Insight gestellt aber nur eine generelle, ausweichende Antwort erhalten, dass auf der Webseite bald mehr Informationen veröffentlicht werden.

Moxy bietet übrigens für alle BSX Nutzer eine Inzahlungnahme ihrer Geräte an. Wer seinen BSX einsendet bekommt 150 USD Rabatt auf einen Moxy. Für Käufer aus Deutschland bedeutet dies aber immer noch einen Kaufpreis von rund 750 Euro inklusive Versand und Zoll (letzteres geschätzt). Dafür gibt es dann aber auch ein Gerät, dass ganz ohne App und Webplattform unabhängig von der Herstellerfirma und dem Internet funktionieren wird, dass nicht mehr an eine Person gebunden ist und das seine Daten ganz offen hergibt, dass allerdings auch sehr viel mehr Input verlangt um die Daten zu verstehen und auszuwerten. Der BSX Insight zielte mehr auf den Endnutzer, der Moxy richtet sich an Sportwissenschafter, Trainer und Sportler, die sich mit der Materie auf wissenschaftlicher Ebene auseinandersetzen wollen. Ray Maker hat in seinem Post auch dazu Stellung genommen.

In dieser Geschichte ist das letzte Kapitel sicher noch lange nicht geschrieben. Ob der BSX Mitte 2018 ein Muster ohne Wert sein wird und nach nur DREI Jahren das Ende seines Lebenszyklus erreicht hat? Oder ob sich doch noch ein Lösung findet? Man wird sehen. Ebenso ob der LVL tatsächlich seinen Weg an die Handgelenke der Nutzer finden wird. Zumindest eines wird deutlich: Crowdfunding ist ein Risikokapital Investment, dass man nicht tätigen sollte, wenn man nicht bereit ist das Geld auch abzuschreiben.


Vorher auf Unterlenker.com:
Mobile Laktatmessung, sehr cool
Cutting Edge
BSX Insight - Handling der Daten mit Golden Cheetah
LVL Kickstarter Kampagne

Weitere Links:
DC Rainmaker über die aktuelle BSX / LVL Situation
DC Rainmaker über das BSX Trade In Angebot von Moxy
BSX Trade In von Moxy Homepage
LVL Kickstarter Kampagnen Seite auf Kickstarter

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen