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Donnerstag, 24. September 2020

Der Kahle Berg

Vor ziemlich genau sieben Jahren, am 14. September 2013 ist der erste Artikel auf unterlenker.com erschienen. In Le Géant du Provence / An epic battle ging es um den Tag, an dem ich um die Aufnahme in den "Club des Cinglés du Ventoux" gefahren bin. Dazu muss man den kahlen Riesen an einem Tag von allen drei Seiten erklimmen. Mit dem Rad. 157 km, 4700 hm. Eine ganze Menge Typ 2 Spaß, der ein gewisses Maß an Beklopptheit erfordert. Daher Cinglés du Ventoux, die Verrückten vom Ventoux.

Aber egal wie unerbittlich und gnadenlos sich der Ventoux im Moment der Auffahrt gibt, viele Radfahrer kehren immer wieder zurück und suchen die Herausforderung ein weiteres Mal. Wer aber glaubt, eine schnöde Dreifach-Befahrung wäre irgendetwas besonders Verrücktes (es gibt aktuell 15.269 Cinglés!), der wird bei der Lektüre von Der Kahle Berg eines Besseren belehrt. Es gibt nämlich eine vierte Strecke, die ein MTB oder ein Gravelrad erfordert, damit wird man zum Galérien. Dann kann man natürlich jede der drei asphaltierten Straßen zwei mal an einem Tag hochfahren (Bicinglette). Vielleicht versucht man auch innerhalb von 24 Stunden den Berg so oft wie möglich zu bezwingen (derzeitiger Rekord 11 Mal). Oder man nimmt ein Liegerad. Falls man auch eine artistische Begabung hat, kommt auch ein Einrad in Frage! Es scheint, am Ventoux sind dem Vorstellungsvermögen der Radfahrer keine Grenzen gesetzt.

Rund ein Viertel der Absolventen der drei Prüfungen des Club des Cinglés du Ventoux kommen aus den Niederlanden. Damit stellen unsere Nachbarn die stärkste Nation unter den mehrfachen Ventoux-Bezwingern. Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem "Kale Berg" mit der totalen Abwesenheit echter Berge in den Niederlande zu erklären, die vergleichsweise verkehrsgünstige Lage mag ihren Teil dazu beitragen. 

Um die Aktivitäten ihrer Landsleute zu koordinieren, hat sich 2003 die Niederländisch-Belgische Genossenschaft de Kale Berg gegründet. Auf der Homepage des Vereins finden Radfahrer, die des Niederländischen mächtig sind, allerlei Wissenswertes über den windigen Berg in der Provence. Die beiden Gründungsmitglieder der NBG De Kahle Berg Lex Breunings und Willem Janssen Steenberg haben vieles, was sich auf der Homepage findet und zusätzliche Informationen in einem Buch festgehalten. Die inzwischen dreizehnte Auflage ist dieses Jahr im Covadonga Verlag auf Deutsch erschienen. Für alle, die den Ventoux schon gefahren sind, ihn "auf der Liste haben" oder auch nur dem Fernweh nachhängen wollen ist das Der kahle Berg eine ganz große Empfehlung. 

Auf 336 Seiten (plus 32 Seiten Fotostrecke) werden alle Facetten des Ventoux beschrieben. Der Leser erfährt etwas über die Herkunft des Namens, allerlei Interessantes aus der Geschichte des Berges, die unterschiedlichen Angaben zur Höhe, geologische Besonderheiten, die Wälder an den Flanken, die verschiedenen Straßen hinauf und das erstaunlich wechselhafte Klima. Breite Erwähnung findet der unvergessene Tom Simpson und alle anderen Helden der Landstraße. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit der Physik des Bergausfahrens. Ein anderes, einschließlich ganz brauchbarer Trainingspläne und Materialtips, der Vorbereitung auf den großen Tag. Empfehlungen zu Touren im Umland und zur kleinen Schwester des Mont Ventoux, der Montagne de Lure wecken Sehnsucht nach einem Trip in die Provence. Den breitesten Raum nehmen aber all die Verrückten ein, die es nicht nur bei einer Befahrung belassen haben, sondern mehrfach, mit den Rad oder in Laufschuhen, den Ventoux bezwungen haben. Zum Ende laden eine ganze Reihe literarische Erwähnungen des Ventoux zum Schmökern ein.

Die Informationen des Buches sind sehr aktuell und entsprechen dem Stand Frühjahr 2020, so findet etwa Nairo Quintanas fabelhafte Bestzeit für die Strecke zwischen Saint-Estève und dem Chalet Reynard von 28:12 im Rahmen der diesjährigen Tour de la Provence Erwähnung.


Das Buch wurde mir von Covadonga als Rezessionsexemplar zugesendet. Die ISBN Nummer ist 978-3-95726-046-8. Das Softcover Buch kostet 19,80 und ist auf Deutsch im Juni 2020 erschienen und ebenfalls als E-Book erhältlich.

A propos Ventoux: The Cycling Podcast hat im August eine Folge für Friends of the Podcast über den Ventoux gebracht. "... this episode looks at the mountain, its stories and its myth." Ebenfalls sehr zu empfehlen: Mont Ventoux: Heat, Wind & Fear

Samstag, 2. Juli 2016

GFNY Mt. Ventoux 2016

Am vergangenen Sonntag fand die zweite Ausgabe des GFNY Mt. Ventoux statt. GFNY bedeutet Gran Fondo New York, damit ist diese Veranstaltung Teil einer wachsenden Serie von Rad-Marathons rund um den Globus. Es gibt Rennen in New York, Argentinien, Kolumbien, Mexico (sogar zwei), Indonesien, Uruguay, Italien, Frankreich (Ventoux) und 2016 auch erstmals in Deutschland (dazu später mehr).

Einer der Unterschied zu anderen Veranstaltungen ist das im Startpreis inbegriffene hochwertige Trikot, dass während des Rennens auch getragen werden muss. Ich bin mir ja nicht so ganz sicher, ob ich das gut oder schlecht finden soll, denn natürlich hätte ich am Ventoux gerne mein neues Unterlenker Trikot getragen, aber so ist es recht einfach zu sehen wer zu dem Rennen gehört und wer nicht und es sieht schon cool aus wenn sich ein Feld von über tausend Fahrern im gleichen Trikot in Bewegung setzt.



Die Strecke der großen Runde war unverändert zu 2015. Von Vaison la Romain führte die Strecke hinter dem Ventoux vorbei über verschiedene kleinere Berge bis zu dem 1213 Meter hohen Col de l'homme mort, bevor es über Sault die Gorche de la Nesque hinab bis nach Bedoin ging. Von dort waren es noch 21 Kilometer bis zum Ziel auf dem Gipfel des Ventoux. Die kleine Runde ließ wie schon 2015 den Col de l'homme mort aus, bog in Sault aber direkt rechts zum Ventoux ab und nahm den Berg von der einfacheren Seite in Angriff.

Letztes Jahr war meine Renneinteilung ziemlich desolat, gelinde ausgedrückt. Damals bin ich am Col de l'homme mort aus der Spitzengruppe zurückgefallen und bin dann mehr oder weniger alleine bis zum Ventoux gefahren, wo ich dann ganz böse für die Anstrengungen bezahlen musste. Das sollte dieses Jahr besser werden. Am Start stand ich einigermaßen vorne, aber am Ende dauert es dann doch immer eine Weile bis man über die Startlinie fährt. Da die ersten Kilometer neutralisiert waren, konnte ich noch vor der ersten Steigung ohne allzu große Anstrengung bis in bis in die Spitze fahren. Bei Kilometer 19 kam der erste Berg und 13 Kilometer später schon der nächste. Beide Cols waren natürlich nichts im Vergleich zu dem was da noch kommen sollte, aber dafür wurde umso schneller gefahren, 300, 350, 400 Watt! Das Feld hat es dann auch ganz ordentlich zerissen. Vorne war eine Gruppe mit 23 Fahrern scheinbar auf und davon, dahinter sammelten sich die Verfolger, am Fuß des Col de l'homme mort waren wir etwa 25 Fahrer.

Das Tempo war ab da sehr gut zu ertragen, genau richtig für mich, ich konnte ohne Probleme mitfahren. Die Abfahrt durch die Gorche de la Nesque und weiter bis nach Bedoin wurde dann eher im Tempo einer zügigen Vereinsausfahrt gefahren. Trotz des verhaltenen Tempos sammelten wir einige zurückgefallene Fahrer auf, am Fuß des Ventoux waren nur noch 13 Mann vorne.

Der fast allzeit im Blick befindliche Ventoux ließ aber keinen Zweifel aufkommen, dass es nicht mehr lange so gemütlich weitergehen sollte. Im Gegensatz zu 2015 bin ich bis St. Estève ohne Probleme gekommen und auch nach der Kurve, wenn die Steigung richtig anfängt, ging es zunächst ganz gut. So in etwa hatte ich mir das vorgestellt. Der ein oder andere Fahrer überholte mich, das war ok. Aber was soll ich sagen, nach vielleicht 20 Minuten ging gar nichts mehr. Rien, niente, nothing. Nachdem ich bis dahin noch das 25er und 27er Ritzel benutzt habe, reichte auf einmal das 29er nur noch gerade so. Ich hätte auch noch mehr Zähne genommen. Und wie schon letztes Jahr bin ich ohne Gnade durchgereicht worden.

Unterwegs habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen einfach zu drehen und über Bedoin zurück zu fahren. Aber natürlich bin ich doch weiter. Ich bin mir nicht ganz sicher was den Ventoux so schlimm macht. Die durchschnittliche Steigung ist mit unter 10% ja eigentlich nicht beeindruckend, aber es gibt auch nie nur einen Meter, auf dem man sich etwas ausruhen kann. Keine Serpentinen, in denen man Schwung holen könnte. Immer nur hoch, hoch hoch, ohne Unterlass.




Letztes Jahr hat mich die erste Frau, Anna Kiesenhofer, am Ventoux überholt. Dieses Jahr kam es noch schlimmer. Etwa in der Hälfte ist ein Bub von vielleicht 13 Jahren an mir vorbei geschossen. Der ist den Berg hoch gesprintet!! Aber zu dem Zeitpunkt konnte mich selbst das nicht mehr schocken. Man muss einfach stoisch sein eigenes Tempo fahren, alles andere hilft nichts. Oben blieb die Uhr nach 4:50:56 stehen, damit war ich 49. insgesamt und 10. der Altersklasse 41-45, für den Ventoux habe ich 1:37:27 gebraucht (69 ges. / 16. AK). Somit war ich insgesamt fünf Minuten, am Berg 7:30 schneller als 2015.

Naja, nicht jeder Tag ist wie der andere. 2017 wird es für mich keinen GFNY Mt. Ventoux geben. Schließlich gibt es auch noch eine ganze Reihe andere Berge, die bezwungen werden wollen.

Noch ein paar Anmerkungen zu der Veranstaltung:
  • Wie schon letztes Jahr war der Gran Fondo hervorragend organisiert. Die Strecke war erstklassig ausgeschildert, die Verpflegungspunkte waren in genau dem richtigen Abstand und mit allem bestückt was man bei solch einer Veranstaltung erwarten kann inclusive diverser PowerBar Riegel, Gels und so weiter.
  • Das diejährige Trikot von Biemme war sehr hochwertig und macht die Startgebühr im Vergleich zu anderen Veranstaltungen vergleichsweise günstig.
  • Eine Neuerung dieses Jahr war, dass an den Verpflegungsstellen den ersten 100 Fahrern sowohl auf der kleinen als auch auf der großen Strecke Flaschen gereicht wurden. Es gab zwei explizite Zonen in denen private Betreuer verpflegen durften, ausserhalb diese war es verboten Verpflegung anzunehmen. Wenn man es trotzdem tat und erwischt wurde, gab es zwei Minuten Zeitstrafe. Ich weiß nicht ob jemand erwischt und die Strafe auch umgesetzt wurde, in jedem Fall ist das eine vorbildliche Idee und ein Beitrag zur Chancengleichheit. Die vorderen Gruppen bei diesen Veranstaltungen halten an den Verpflegungspunkten in der Regel nicht an, schließlich ist es mehr oder weniger ein Radrennen, da muss man unbedingt in der Gruppe bleiben. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch was trinken, essen kann man ohne Probleme mitnehmen. Wenn nun einige Fahrer exzessiv vom Rand aus verpflegt werden und nicht anhalten müssen, haben die einen echten Wettbewerbsvorteil. Das wurde beim GFNY unterbunden. Sehr gut, da können sich andere Veranstalter was abschauen.
Dieses Jahr findet zum ersten Mal eine GFNY Veranstaltung in Deutschland statt. Am 28. August geht es in Hameln über 167 km und 2200 hm oder 110 km und 1400 hm zur Sache. Bis jetzt sind etwa 500 Fahrer gemeldet, was eine übersichtliche Veranstaltung verspricht. Bei 1000 Fahrern ist übrigens die Obergrenze, mehr wird es auf keinen Fall. Die Startgebühr ist allerdings mehr als saftig, derzeit kostet der Start 155 Euro, am Tag selber 165 Euro. Ups, das ist teuer, trotz Trikot.



Update 07.07.2016:
Ein sehr gut geschriebener Post über den GFNY Mt. Ventoux von dem Kerl, der am Start neben mir stand, Jared aus den USA. Lesenswert!

Links:
Ergebnisse GFNY Mt. Ventoux 2016
GFNY Mt. Ventoux 2015

Mittwoch, 29. Juni 2016

Ventoux Time


Am 14. Juli werden die Fahrer der Tour de France den Mont Ventoux erklimmen. Eine Bergankunft, Ziel der 184 Kilometer langen 14. Etappe mit Start in Montpellier. Der Ventoux inspiriert dabei Radsportler und Nicht-Radsportler ungleich mehr als jeder andere Berg. Der kahle Gigant der Provence wird in fast jeder aktuellen Ausgabe diverser Radsport-Publikationen und darüber hinaus ge-featured.

Wie immer ganz besonders herausragend ist die Strecke in der Rouleur, dort heisst es unter anderem:

Radsport hat eine besondere Beziehung zur Landschaft, aber ich würde behaupten, dass von all den berühmtem Plätzen die wir kennen und lieben, nur der Ventoux Angst, Ehrfurcht und Freude auf solch instinktive Weise vereint. Nur Paris-Roubaixs Wald von Arenberg kommt dem nahe, er ist das Gegenteil des Ventoux, ein dunkler und feuchter Wald in den die Fahrer hineinstürmen, nicht wissend was sie erwartet und ob sie auf der anderen Seite ankommen werden. .... 

Der Ventoux ist, ganz im Gegenteil, offen, direkt und brutal. Der klassische Anstieg von Bédoin ist 21 Kilometer lang mit einer durchschnittlichen Steigung von 7,5%. Auf dem Papier hört sich das machbar an, aber es beinhaltet die 9 Kilometer von St. Estève bis zum Chalet Reynard durch den Wald mit einer Steigung von neun Prozent und Rampen bis zu 12 Prozent. Nachdem man diesen Test bestanden hat kommt man in den berüchtigten, verfluchten Hexenkessel der letzten sechs Kilometer.

Die Luft ist trocken und abschreckend. Der Seitenwind zwingt den Fahrer in Schräglage, nur um sich auf zwei Räder zu halten und die Hitze wird von den unbarmherzigen Felsen reflektiert. Ein Fahrer muss weder die Steigung, noch die Hitze oder den Wind alleine fürchten. Er oder sie sollte die Kombination aller drei fürchten. In einem Rennen ist die Taktik auf ein Minimum beschränkt. Auf den letzten Kilometern Richtung des treffend bezeichneten Col de Tempêtes, verengt sich alles auf die Straße, weiße Felsen, Wind und Schmerzen.

Sehr gut ist auch die Strecke in der Cyclist, hier nachzulesen. Dort wird unter anderem Roland Barthes zitiert, der in dem 1957 erstmals erschienenen Essay-Band "Mythen des Alltages" über "Die Tour de France als Epos" geschrieben hat. Über den Ventoux heisst es dort:

Die Etappe, die am meisten personifiziert wird, ist die des Mont Ventoux. Die hohen Alpen- und Pyrenäenpässe bleiben, so schwierig sie sein mögen, trotz allem Passagen, werden als zu überwindende Objekte empfunden; ... der Ventoux hingegen hat die Massivität des Berges, er ist ein Gott des Bösen, dem man Opfer bringen muss. Als wahrer Moloch, Despot der Radfahrer, vergibt er niemals den Schwachen, fordert ein Übermaß an Leid als Tribut. Schon von seiner Gestalt ist der Ventoux entsetzlich: er ist kahl, ... das Prinzip des Trockenen selbst; sein absolutes Klima ... macht ihn zu einem Terrain der Verdammnis, zu einem Ort der Prüfungen der Helden, gleichsam zu einer oberen Hölle, in welcher der Fahrer den Beweis seiner Erwähltheit erbringen wird: Er wird den Drachen besiegen, ...

Samstag, 4. Juli 2015

GFNY Mt. Ventoux



Erinnerungen verblassen, die schlechten meistens schneller als die guten, insbesondere beim Sport. Man schwitzt, man leidet, man schwört sich "Nie mehr" und will einfach nur noch dass es vorbei ist. Doch kaum im Ziel und wieder halbwegs bei Atem, fängt man schon wieder an Pläne zu schmieden, verblassen Schmerz und Anstrengung angesichts des Erreichten. Ob das nun ein Sieg über andere oder sich Selbst war spielt dabei keine Rolle.

Nur so kann ich mir erklären dass der Ventoux, der windige Berg der Provence, jedes Mal wenn ich ihn hochfahre steiler wird. Jedes Mal trifft mich die brutale Steigung nach der Kehre in St. Estève wie ein Hammer und jedes mal sind die Kilometersteine unendlich weit von einander entfernt. Irgendwie ging es das letzte Mal immer einfacher.

Vergangenen Sonntag bin ich die erste Ausgabe des Gran Fondo New York Mt. Ventoux gefahren. Was New York mit dem Mt. Ventoux zu tun hat? Gran Fondo New York, oder kurz GFNY, ist eine Eventagentur deren Ursprung in der Tat in der Ausrichtung des Gran Fondo New York liegt. Inzwischen gibt es Ausgaben rund um die Welt, neben NY auch in Italien, Mexiko, Puerto Rico, Spanien, Kolumbien und mit dem GFNY Mt. Ventoux auch in Frankreich.  Hier geht's zur Homepage von GFNY.

Der Startbogen war gar nicht so weit weg! 

Christian und ich, noch guter Dinge.

Das Starterfeld war etwas übersichtlicher als in den Vogesen, geschätzt nicht ganz 1000 Fahrer haben sich am frühen Sonntag Morgen in Vaison la Romaine versammelt um die kurze Strecke über 115 oder die lange Strecke über 135 km in Angriff zu nehmen. Der Start war neutralisiert und wurde erst ausserhalb des Ortes freigegeben. Die Neutralisation habe ich genutzt um möglichst viele Plätze gut zu machen und tatsächlich war ich nach wenigen Minuten ganz vorne. Das Temo war zunächst recht verhalten, aber schon am ersten Berg, dem Col de la Peyronière (640m, 5km, 311hm) zog das Tempo an und an der Bergwertung waren 26 Mann vorne. Der nächste Berg, der Col de Aires (646m, 3km, 176hm) splittete das Feld  in eine 14 Mann starke Spitze und eine 12 köpfige Verfolgergruppe. 

Das Motto von GFNY ist "Be a pro for one day". Und in der Tat, in der Spitze war das wie in einem echten Radrennen. Es gab ein Führungsfahrzeug, ein Auto mit dem Rennleiter, einen neutralen Materialwagen und ein Motorrad, das die Zeitabstände auf einer Tafel angezeigt hat. Fotografiert und gefilmt wurde natürlich auch. Wer nicht in der Spitzengruppe war hat davon aber nichts mehr mitbekommen. Kurz vor dem dritten Berg, dem Col de l'Homme Mort (1213m, 15km, 600hm) wurde die erste Verpflegung von der Spitzengruppe, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, ignoriert. Ich war der Einzige der anhielt. Die schon auf dem Rad aufgeschraubte Flasche war schnell gefüllt, zwei Riegel ins Trikot gesteckt und weiter ging es.



Nach etwa zwei Kilometern hatte ich die Spitzengruppe eingeholt und konnte den Col de l'Homme Mort tatsächlich mit den Besten in Angriff nehmen. Die Verfolger hatten zu diesem Zeitpunkt schon gut über eine Minute Rückstand. Not too bad. Ich hatte wirklich gehofft mit der Spitze über den langen, aber nicht besonders schweren Berg zu kommen und mich dann bis zum Ventoux im Windschatten schonen zu können, aber daraus sollte nichts werden. Das Tempo war einfach zu hoch. Um die Gruppe zu halten hätte ich mind. 350 Watt treten müssen. Das schaffe ich an einer kurzen Steigung, nicht aber über 15 Kilometer. Und es stand ja noch eine ganz andere Prüfung auf dem Programm. Lange Zeit war der Rückstand überschaubar und ich hatte die Hoffnung in der Abfahrt noch mal aufschliessen zu können, aber irgendwann waren sie weg, von den Verfolgern war auch nichts zu sehen und Ich war im Niemandsland. Vielleicht hätte ich besser gewartet. Andererseits ging es überwiegend runter, also bin ich in bester Zeitfahrmanier dem Ventoux entgegengeeilt.

Die Verpflegung in Sault ignorierte ich. Nach kurzer Bergauffahrt ging es durch die Gorges de la Nesque abwärts. Inzwischen waren die große und die kleine Strecke wieder zusammen. Die vielen Fahrer der 115 km Runde die ich überholen konnte waren zumindest eine psychologische Hilfe.

Die Gorges ist mit Sicherheit eine der reizvollsten und landschaftlich schönsten Straßen die man mit dem Rad fahren kann. Die Aussichten sind spektakulär. Um es zu genießen sollte man aber unbedingt Bergauf fahren. Die Strecke steigt zwischen Villes sur Auzon und dem Aussichtspunkt am Ende der Schlucht nur rund 400 Meter auf 18 km, das ergibt eine moderate Durchschnittssteigung von etwas über 2%. Bergab, so wie der Gran Fondo gefahren ist, ist man zu schnell um einen Blick auf die Landschaft zu werfen und zu langsam, um einfach rollen lassen zu können.

Etwa in der Hälfte der Gorges hatte ich Eduardo aus Chile eingeholt, der sich ebenfalls in er Spitzengruppe befunden hatte. Nur 12 Fahrer der großen Runde vor uns! Die Abwechslung in der Führung war mehr als willkommen. In Villes sur Auzon haben wir nochmal die Flaschen und Trikottaschen gefüllt und uns auf den Weg zum Ventoux gemacht. Nach gut 115 km ging es los. Alles bis dahin war nur die Ouvertüre vor dem Kampf mit dem kahlen Riesen. Eduardo musste ich schon vor St. Estève ziehen lassen und habe versucht in meinem eigenen Rhythmus weiter zu klettern. Das ging Anfangs noch ganz gut, aber bald war es nur noch ein mühsames Ächzen, Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung. Trotzdem konnte ich noch Fahrer der kleinen Runde überholen.



Bei der "Cinglé du Ventoux" Tour 2013 bin ich noch mit 39x53 und einem 28er Ritzel gefahren. Dieses Mal hatte ich immer hin ein 36er Kettenblatt zur Verfügung, aber auch das war noch zu groß. 2013 war die Bedoin Seite der erste Anstieg des Tages und ich habe 1 Stunde und 30 Minuten gebraucht. Dieses Mal war ich eine viertel Stunde langsamer. Mit 1:30 hätte ich den 14. Platz gehalten. Aber es ist eben ein großer Unterschied ob man einen solchen Berg ausgeruht oder nach 115 Kilometer Radrennen, davon 50 km als Solist, angeht. Was soll ich sagen, es war hart. Verdammt hart. Und heiss, weit über 30°. Wenigstens hat der Mistral nicht geblasen. Aber alles geht irgendwann vorbei. Es haben mich nicht ganz so viele Fahrer der großen Runde eingeholt wie ich unterwegs dachte, so dass es für den 25. Gesamtrang und den 5. Platz in meiner Altersklasse reichte. Was für ein Ritt. 130 km und 3.300 hm in 4:54, das ist ein Schnitt von 26,5.





Nach einer längeren Pause auf dem Gipfel habe ich mich die Abfahrt hinabgestürzt. Breite Straße, weite Kurven und 10% Gefälle sorgen für einen wahren Geschwindigkeitsrausch. Ich bin an Autos und anderen Radfahrern vorbei geschossen dass es nur so eine Freude war. Wäre das Ziel unten gewesen, hätte ich mit Sicherheit nochmal einige Plätze gut gemacht. Top Speed waren 93 km/h!

In Vaison la Romaine gab es dann eine dicke Medaille, was zu essen, eine (!) Dusche und eine ganze Reihe von Osteopathen / Physiotherapeuten, die die Fahrer wieder gerade gerückt haben. Später war dann die offizielle Zeremonie im antiken Amphitheater. Wie üblich eine endlose Veranstaltung mit Siegerehrungen für die besten Frauen und besten Männer auf der kleinen und der großen Strecke und für alle Altersklassen. Davor durften natürlich noch der Bürgermeister sprechen und der Veranstalter. Die Preise waren allerdings fett. Insgesamt wurden Sachpreise für 20.000 Euro ausgeschüttet. Die Sieger haben jetzt beste Laufräder von Mavic, Helme, Carbon-Lenker und was weiß ich noch.

Die Veranstaltung war professionell und ohne Fehl und Tadel organisiert. Für die 78 Euro Startgeld habe es einen realen Gegenwert. Was ist sonst noch zu erwähnen?
  • Bei GFNY Veranstaltungen müssen alle in dem offiziellen Trikot fahren, das im Startgeld inbegriffen ist.
  • Die Provence ist immer eine Reise Wert
  • Der Mt. Ventoux nicht ohne Grund "Hors Categorie"
  • Von den nicht ganz 1000 Startern kamen nur 650 ins Ziel, bzw. ins Ergebnis
  • Ich bin "ge-chickt" worden, Anna Kiesenhofer hat mich am Ventoux abgezogen.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen








Montag, 22. Juni 2015

Mal wieder: Mt. Ventoux

Kurz entschlossen geht es am kommenden Wochenende zum kahlen Riesen der Provence. Dort findet der erste Gran Fondo New York Mt. Ventoux statt. 135 km und 3600 hm durch die Provence und zum Schluß hinauf auf den Mt. Ventoux. Das Teilnehmerfeld ist auf 1000 Starter limitiert. Ich habe die Nummer 967, also tatsächlich noch kurz vor Schluss gemeldet.

GFNY (Gran Fondo New York) veranstaltet international Gran Fondos. Die Keimzelle ist in der Tat der Gran Fondo in New York, inzwischen gibt es aber auch Veranstaltungen in Italien, Mexico, Argentinien und Kolumbien und eben 2015 zum ersten Mal am Mt. Ventoux.

Start ist in Vaison la Romain, die Strecke führt dann hinter dem Ventoux vorbei bis nach Sault, hinunter durch die Gorges de la Nesque und dann von Bedoin hinauf zum Ventoux. Hey, dass wird ein Spass!

Ich am Ventoux vor fast 30 Jahren!

Hier geht es zu der Veranstaltungsseite und, das sollte vielleicht auch erwähnt werden, es gibt Dopingkontrollen (Artikel 16) und es gilt, zumindest sinngemäß, das WADA Reglement.

Vorher auf Unterlenker.com:
Le Géant du Provence / An Epic Battle

Dienstag, 3. Februar 2015

Videos 3-2015

Am 15. November 2014 fand die Taiwan KOM Challenge statt. Hier habe ich darüber geschrieben. Vor einigen Tagen ist das Race Recap Video erschienen. Ich muss sagen, das reizt mich.


Die Cyclocross Saison ist 2014/15 ist auch schon wieder vorbei. Hier eine sensationelle akrobatische Einlage, wenn auch unfreiwillig:


Was uns glaube ich nur selten bewusst ist: Good old Europe und insbesondere Frankreich und Belgien, zwei Länder die nur wenige Kilometer entfernt sind, sind das "Cycling-Homeland". Wer es ernst meint muss hier radfahren. Wie die Nachwuchsmannschaft des US Verbandes, die zum crossen nach Belgien kommt.


Vor einiger Zeit ist diese sehr interessante Dokumentation auf Arte gelaufen. Merckx, Bernard, Pantani, Virenque und Garate fahren gegeneinander am Ventoux. Virtuell natürlich. Sehr interessant. Beim Mont Ventoux muss ich immer an mein eigenes Abenteuer denken, alle drei Seiten an einem Tag. Der erste Post in diesem Blog.


Hier ein ganz nettes Fixie - Bike Messenger - Red Bull Video. Ein Rennen zwischen Taxi und Radfahrer durch Chicago. Natürlich wird fleißig Gummibären Brause getrunken und Busse gestreichelt, und ein Friseur Besuch wäre auch mal angesagt. Trotzdem ganz schön. 


Und Lucas Brunelle war in Mexico und hat eine Tour um und durch die Stadt gedreht. Gangschaltung, Bremsen, Freilauf, alles total überbewertet!

Sonntag, 22. Dezember 2013

Boris versus Ventoux

In den letzten Tagen hat ein Youtube Video recht breite Beachtung in der englischsprachigen Radsport Blogosphäre gefunden: Boris versus Vetntoux. Dabei geht es aber nicht um meinen glorreichen Kampf mit dem Mont Ventoux, was der Titel ja eigentlich nahe legt, sondern um ein paar Freunde die sich dachten, ob es nicht möglich sei mit einem Boris Bike zum Ventoux zu fahren (per Auto), mit dem Rad hoch und wieder per Auto zurück. Und das ganze in 24 Stunden. Wenn man ein Boris Bike (benannt nach Boris Johnson, dem Londoner Bürgermeister) nämlich länger als 24 Stunden ausleiht wird eine saftige Strafe fällig. Der Ventoux ist mit dem leichtesten Rennrad schon eine echte Herausforderung, mit einem drei Gang Cityrad das etwa 20 Kilo wiegt ist der "Spass" noch mal etwas grösser. Das Ganze ist aber nicht nur Jux sondern hat auch einen ernsten Hintergrund, es ging auch darum Aufmerksamkeit für eine Krebshilfe Organisation zu schaffen: macmillan.

Aber seht selbst:


Hier der Wikipedia Artikel zu den Boris Bikes.

Samstag, 19. Oktober 2013

Le Ventoux und die Regeln

Jim von velominati.com war im Urlaub in der Provence:

".. Rules! Hear me fools: The Rules mark the beginning of the path to enlightenment, not the end. There are higher planes, expanding dimensions. Beyond the color of your bar tape exists a man, a mountain, and a bike. This is where the world begins."



Samstag, 14. September 2013

Le Géant du Provence / An epic battle


Wo bleibt dieser verdammte Kilometerstein? Nr. 18 habe ich schon vor einer Ewigkeit passiert. Also noch 2 Komma irgendwas bis zum Gipfel. Ich bin am Ende, ich habe keine Lust mehr, meine Knie ächzen unter dem zu kleinen Gang (ich hätte nicht gedacht, dass 39x28 nicht reichen). Ich ziehe in Betracht, einfach umzukehren, hat halt nicht gereicht, ein anderes Mal. Komme aber zu dem Schluss, dass das keine Alternative ist, nicht so kurz vor dem Ziel.

Und wenn ich die letzten Kilometer schieben muss, ich werde diesen verdammten Berg bezwingen. Endlich, nur noch 2 lächerliche  Kilometer, dass wird ja wohl zu schaffen sein. Ich fange an mich zu beschimpfen, "Hol den Arsch aus dem Sattel", "Fahr du Pussy", "Stell dich nicht so an, du Lusche". Flacher wird's davon aber auch nicht. Also Zick-Zack, über die ganze Straßenbreite. Zum Glück kaum Verkehr, Rechter Rand - linker Rand - rechter Rand - Kein Auto zu sehen - wieder nach links - und nach rechts - immer noch frei - wieder nach links ... so schraube ich mich die letzen Meter zum Observatorium hoch. Noch ein Kilometer, .. noch fünfhundert Meter, der letzte Stich und ich habe es geschafft: Den Mt. Ventoux von allen drei Seiten an einem Tag. Drei mal hintereinander Hors Catergorie.

Das war bei weitem schwieriger als ich gedacht hatte.

Acht Stunden vorher:

Auf dem Weg zum Ventoux
Nach einer welligen 30 km Runde zum Einrollen geht es los. Bedoin - Mt. Ventoux, die schwerste Seite zuerst. 21 km, von 290 auf 1912 Meter. Das Wetter ist klasse, blauer Himmel, gute 20°, kaum Wind. Ich bin euphorisch und freue mich auf ein "Tänzchen mit dem Ventoux". Am Anfang steigt die Straße nur leicht, es geht durch Weinfelder bis nach St. Estève. Nach einer 180° Kurve fängt der Berg an. 10%, grober, französischer Asphalt, weiß-gelbe Kilometersteine, die die Entfernung bis zum Gipfel und die Höhe anzeigen, Pinienwälder. Es sind nur vereinzelt Radfahrer unterwegs. Ich bin nicht ganz so schnell wie gedacht und meine Trittfrequenz ist somit etwas niedriger wie sie sein sollte. Aber 39x28 sollten doch wirklich reichen. Und immerhin ist die Seite von Bédoin die schwierigste, wenn es hier reicht, wenn auch gerade so, wird der Rest ja wohl auch zu schaffen sein. So denke ich es mir zumindest.

Im ersten Anstieg, kurz nach St. Estève

Aber es macht Spass, ich fühle mich gut und komme gut voran. Mein Puls ist eigentlich zu hoch. Aber egal, ist ja am Berg, und die Zeit soll ja bitte auch stimmen, immerhin bin ich Ex-Radrennfahrer und nicht irgendsoein Touri!

Charlet Reynard
Nicht mehr so frisch
Nach einer Stunde bin ich am Chalet Reynard. Jetzt beginnt die "Mondlandschaft". Noch sechs Kilometer. Ha, das ist ja wohl ein Klacks! Aber der letzte Kilometer wird dann doch verdammt lang. Ich bin froh als ich nach 1 Stunde 33 Minuten endlich oben bin.

das obligatorische "Ich war oben Foto"

Die Sicht ist unglaublich. Ein paar Fotos. Ne Cola aus dem Kiosk. Ein kurzer Plausch mit anderen Radfahrern. Jacke an und los geht's. Die Straße nach Malaucene ist vom Gipfel bis zum Mt. Serein wegen Steinschlag gesperrt. Wobei nur auf den ersten Metern tatsächlich Steine auf der Straße liegen. Danach ist die Straße einfach nur leer. Herrlich. Ich fliege mit über 80 Stundenkilometern an einem Wohnmobil vorbei, die Straße führt in weiten Bögen ins Tal, es ist kaum nötig abzubremsen. Ich bin berauscht und fühle mich wie Superman.

Völlig high komme ich in Malaucène an. In einem der Radläden lasse ich die Karte abstempeln und "tanke" in der Bäckerei gegenüber Kohlenhydrate und Wasser.

Los geht's zum zweiten Anstieg. Recht schnell verfliegt die Euphorie der Abfahrt und die Kette klettert wieder auf den 28er. Aber gut, wird schon gehen. Nach einer Weile werde ich von zwei Radfahrern überholt. Eine Sekunde überlege ich, ob ich das Tempo mitgehen soll. Die beiden sehen nicht besonders sportlich aus. Rennräder zwar, aber haarige Beine. Na, denke ich mir, macht ihr nur mal wie die Wilden, wir sehen uns später und fahre in meinem Tempo weiter. Irgendwann sehe ich vor mir einen Radfahrer mit einem grünen Turnbeutel auf dem Rücken. Prima, ein Opfer! Aber der Abstand wird nur langsam weniger. Scheisse, das gibt's doch nicht. Ich bin fertig. Noch 12 km. Noch nicht mal die Hälfte. Und ich lasse mich von den Touris abhängen. Ich fange an Schlangenlinien zu fahren. Die Straße ist breit genug, dass es tatsächlich eine Erleichterung darstellt. Der Turnbeutel ist verschwunden. Mist. Auf der Bedoin Seite kommt spätestens noch 200 m die nächste Kurve, aber auf der Nordseite geht die Straße auch mal einen Kilometer geradeaus. Das gibt mir den Rest. Zu allem Überfluss wird es auch noch steiler. Diese Seite soll einfacher sein?

So schraube ich mich nach oben, Meter für Meter. Was würde ich jetzt für eine Kompaktkurbel geben. Aber nein, ich bin ja cool, ich fahre natürlich eine Männer Kurbel. Verdammt. Immer wieder sinkt die Geschwindigkeit unter 10 km/h. Die Trittfrequenz unter 50 Umdrehungen. Das ist nicht mehr gesund. Die Knie schmerzen.

Was soll's, noch sechs Kilometer. Am Mont Serain wird es kurz etwas flacher. Das letzte Stück. Kurz vor dem Gipfel überholt mich das Kehrauto. Nein, nicht um mich aufzukehren (obwohl ich im Besenwagen passend aufgehoben wäre) sondern um die Strasse vom Steinschlag zu befreien. Ich zögere nicht und halte mich fest. Nach 800 Meter ist es vorbei mit der Unterstützung und den letzten Kilometer schaffe ich ohne fremde Hilfe. Hinter dem Kehrwagen stauen sich die Autos. Die Straße ist wieder freigegeben. Gutes Timing!

Total ausgepumpt sitze ich vor dem Kiosk auf dem Boden. Nach einer Weile quäle ich mich hoch, fülle die Flaschen mit Cola, ziehe die Jacke an und los geht's. Runter nach Sault. Kurz nach dem Charlet Reynard kommt mir mein Vater entgegen. Er hat es gleich geschafft. Wir wünschen uns Glück. Die Abfahrt rollt schlecht, aber gut, dann wird es bergauf auch einfacher.

Die kurze Gegensteigung hoch nach Sault tut weh. Ich lasse die Karte ein letztes mal stempeln, fülle die Flaschen am Brunnen in der Dorfmitte und nehme den Ventoux zum dritten mal in Angriff. Mir kommt ein Anwärter auf die "Cinglés du Ventoux" entgegen. Ich bin also nicht der einzige Verrückte heute.

Aufgrund der Sperrung (Straßenarbeiten, neuer Asphalt) bin ich wieder alleine, nur einige wenige Radfahrer im Gegenverkehr, keine Autos. Es zieht sich. Bis zum Charlet Reynard geht es trotzdem ganz gut. Nach sechs Kilometer! Ein Klacks! Ich mobilisiere die letzte Reserve. Vor mir taucht ein Radfahrer auf. Ich ziehe vorbei. Ein Mountainbiker. Noch fünf Kilometer. Irgendwie ging das heute morgen besser. Noch vier. Meine Tankanzeige springt auf leer. Die Warnlampe leuchtet nicht nur, die blinkt wie verrückt. In der Bedienungsanleitung steht für solche Fälle wahrscheinlich, dass man sofort anhalten muss. Mich packt Panik. Ich sehe schon wie der Mountainbiker mich zurückholt und mich stehen lässt. Also weiter, ich versuche auszurechnen wie lange ich noch bis zum Gipfel brauche. ... Lange! Genauer bekomme ich es nicht mehr hin. Noch drei Kilometer ....








Lés cinglés du Ventoux