Samstag, 7. Februar 2015

Die unmögliche Stunde

Letzte Woche hat Jack Bobridge den Stundenweltrekord angegriffen. Nach einem furiosen Start lag er deutlich vor Voigt und Brändle, aber schon nach 15 Minuten konnte er die Geschwindigkeit nicht mehr halten und die Rundenzeiten wurden immer länger. Nach 60 Minuten standen 51,3 km zu Buche, damit war er zwar besser als Voigt, fuhr aber 500 Meter zu wenig um Matthias Brändle den Rekord zu entreißen.

Dabei hat der Mann wirklich alles gegeben. Da war kein einziges Körnchen mehr über. Voigt und Brändle sind ja noch vergleichsweise locker vom Rad gestiegen, was vielleicht an den Endorphinen  gelegen hat, die solch ein Weltrekord mit sich bringt. Bobridge hingegen war am Ende.

Versetzt auch mal in die Situation. All der Aufwand, die Vorbereitung, die Medien, Live Übertragung im Fernsehen und im Internet, die Zuschauer in der Halle, Freunde, Familie, Teamkollegen, Kommissäre, dein Trainer, der Sponsor, ein extra Rad. Wochenlange Anspannung kumuliert zu diesem Höhepunkt.  Eine Stunde, Runde um Runde. Und alle Augen sind auf dich gerichtet. Wahrlich die Stunde der Wahrheit. Du strotzt vor Energie. Spulst deine Aufwärmeroutine ab, gehst an den Start und holst ein letztes Mal tief Luft, umklammerst deinen Lenker und mit dem Schuss der Startpistole legst du los. Du fliegst. Gerade - Kurve - Gerade - Kurve - Gerade. Wieder und wieder. Du bist schnell. Und dann merkst du, dass du zu schnell bist. Du hast überzogen. Die Beine gehen nicht mehr rund. Die Euphorie der ersten Minuten verfliegt, das Leiden beginnt und du wirst immer langsamer, und langsamer. Du weisst du wirst den Rekord verfehlen. Aber du kannst nicht einfach aufhören. Du musst weitermachen. Am Ende hast du alles riskiert und restlos alles gegeben aber es hat nicht gereicht. Was für eine Enttäuschung. Was für eine Leistung.


Bobridge's Scheitern zeigt aber auch, dass der Stundenweltrekord nicht verschenkt wird. Das es sehr viel schwerer ist als es bei Voigt und Brändle den Anschein hatte. Das es immer im Bereich des Möglichen liegt, dass es eben gerade nicht reicht. Das sich nicht alles berechnen lässt. Gerade deshalb fand ich diesen Versuch den bisher interessantesten.

Bobridge ist nicht der erste Fahrer und wird auch nicht der letzte sein der am Stundenweltrekord gescheitert ist. Ein prominenter Vorgänger ist Ole Ritter, der dänische Zeitfahrspezialist der 1968 als erster Fahrer den Vorteil der dünneren Höhenluft genutzt hat und den Rekord in Mexico auf 48,653 schraubte. Das war der Rekord den Eddy Merckx 1972 ebenfalls in Mexiko zu schlagen hatte. 49,431 Kilometer standen für den Kanibalen am Ende zu Buche. Zwei Jahre später unternahm Ritter drei Versuche den Rekord zurück zu erorbern. Dabei konnte er seine eigene Bestleistung zwar zwei mal verbessern, blieb aber immer deutlich hinter Merckx zurück. Über diese Versuche gibt es einen Dokumentarfilm von Jørgen Leth, "The impossible hour". Leth ist der Regisseur von "A Sunday in Hell".


Morgen geht es übrigens mit der Jagd auf den Rekord weiter. Sonntag, 08. Februar 2015, 14:00 Uhr wird Rohan Dennis im Swiss Velodrom in Grenchen starten. Das gleiche Velodrom in dem auch schon Voigt gefahren ist. Ende Februar wird Thomas Dekor dann in Mexiko den nächsten Angriff starten. Beide Versuche werden live im Youtube Channel der UCI übertragen.

Hier die Teaser:



Ich bin gespannt.

Weitere Links zum Thema:
Grafik die die Rundenzeiten von Voigt, Brändle und Bobridge vergleicht.
Stundenweltrekord bei der Wikipedia

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen