Freitag, 7. August 2020

Auf einen Espresso nach Italien

Radfahren und Kaffee gehören zusammen. Ein Espresso vor der Tour, danach und vor allem zum Kaffeestop dazwischen ist für viele Radsportler Teil des "way of life". Leider passiert es überraschend selten, einen wirklich guten Espresso serviert zu bekommen und interessanterweise stehen Preis und Qualität oftmals in umgekehrtem Verhältnis. Wenn der Blick auf die Karte einen Preis über zwei Euro für die 25ml Kaffee anzeigt, lässt man es am besten gleich bleiben. Zu oft wird ein Getränk aus einem Vollautomaten in dünnen Porzellantassen serviert, der nur durch die Beigabe von viel zu viel Zucker überhaupt erst genießbar wird. 

Meine letzte Radtour während des Urlaubes "in den Bergen" am Reschensee hat mich in das Langtauferer Tal geführt. Die teilweise neu asphaltierte Straße führt über 10 Kilometer vom Ufer des Reschensees auf 1570m bis auf knapp über 1900m hinauf. Nur kurz sind die Steigungsprozente zweistellig, ansonsten lässt sich der Anstieg bei durchschnittlich vier Prozent genießen. Wenn man bis ganz zum Ende der asphaltierten Straße nach Melag fährt, befindet sich rechts hinten auf dem Parkplatz Evi's Hittl. Die Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick in das obere Langtauferer Tal und auf die umliegenden Berge. Alpenpanorama Deluxe! Ich wollte nach einem kurzen Fotostopp schon wieder abfahren, entschied mich dann aber doch für einen Kaffeestop. Schnell kam die Bedienung und kurz darauf war aus der Hütte ein "Klock Klock - Brrrrrrrrrrrr" zu hören. Wunderbar! Musik in den Ohren des Kaffeeliebhabers. Das Ausschlagen des Siebträgers und das Geräusch einer Kaffeemühle. Und was soll ich sagen, der Espresso war ziemlich gut. Und der Preis von einem Euro fünfzig hat meine Theorie von Preis und Qualität dann nur bestätigt.

(Ich muss eingestehen, dass ich schon bessere Fotos gemacht habe. Aber naja, müsst ihr mir diesmal einfach glauben, dass es in Melag ein fantastisches Panorama zu sehen gibt!)






Sonntag, 12. Juli 2020

Bikepacker und Popstars

Bald soll es ja wieder so richtig los gehen mit den Radrennen nach der Corona-Pause. Erste Trainingsrennen haben bereits stattgefunden und die Worldtour steht in den Startlöchern, oder besser an der Startlinie, bereit ein Feuerwerk an Rennen abzubrennen. Mailand-Sanremo im August, die Tour im September, der Giro im Oktober, Paris Roubaix am Ende der Saison, die Vuelta soll im November enden (UCI Kalender) und die Weltmeisterschaft findet irgendwann dazwischen statt. Ich bin gespannt, ob das alles so kommen wird oder ob die Pandemie die Pläne wieder zunichte macht. Falls es aber doch funktioniert, ist es vielleicht an der Zeit, sich auf das anstehende Cycling-Binge-Watching vorzubereiten. Für den Anfang empfiehlt sich etwa eine zweieinhalb-stündige Vimeo Video Session mit zwei sehr unterschiedlichen Filmen.

And so we rode

Conor Dunne und Larry Warbasse sind als Profis bei Aqua Blue Sport unter Vertrag, einem irischen Pro Continental Team mit großen Ambitionen. Der irische Meister Conor Dunne, mit über 2m Körpergröße der Hühne des Feldes, soll für den Cycling Podcast von der Tour of Briten berichten und ein Audio Tagebuch führen. Nur das Conor genauso wenig wie sein Teamkollege Larry zur Tour of Britain fahren wird, denn das Team stellt mitten in der Saison seinen Betrieb ein und die beiden Rennfahrer sind von einem auf den anderen Moment ohne Rennprogramm. Schnell entsteht die Idee einer Bikepacking Tour durch die Französischen Seealpen. Über das Equipment und den Detailgrad der Planung werden so manche versierte Bikepacker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber das, was zählt, machen die Beiden ganz hervorragend: Radfahren und Spaß haben, Abenteuer und Freundschaft erleben. Es ist schön zu sehen, wieviel Spaß die beiden gestandenen Profis bei ihrer "No-Go Tour" haben. Der Film macht Lust ebenfalls zur Satteltasche zu greifen und einfach los zu fahren. 
Der Film kann für 4,44 Euro ausgeliehen oder für 7,72 Euro gekauft werden.

And so we rode from Cycling Podcast Productions Ltd on Vimeo.

In der Cycling Podcast Folge vom 19. Juni gibt es Hintergrund Infos zur Entstehungsgeschichte des Films. Hier entlang.


Popstars in Polen - Fast 900 Kilometer Asphalt

"Popstars in Polen" zeigt echten, unverfälschten Radsport abseits des mondänen Worldtour Zirkus. Für die Rennfahrer der deutschen Continental Mannschaft "Team P&S Metalltechnik" geht es um Etappensiege und darum, bei der Tour of Solidarnosc in Polen die geplante Taktik umzusetzen, Fahrer in Gruppen zu platzieren, bei Sprintankünften den schnellen Mann des Teams zu lancieren und ansonsten auf einen guten Tag zu hoffen. Statt einem Reisebus warten im Ziel Campingstühle auf die Fahrer, Taschen trägt man selber und oft muss improvisiert werden. Das vom Veranstalter vergessene Abendessen wird dann schon mal durch Pizza vom Lieferdienst ersetzt. Die Kamera ist ungewöhnlich nah am Geschehen, bei den Teambesprechungen und der Massage, vor dem Start und im Ziel, und vor allem während des Rennens im Auto. Dieser Film zeigt ungeschminkt was Radsport in den unteren Liegen bedeutet, am Übergang zwischen Amateur- und Profidasein und wie hart und steinig der Weg im Radsport für Fahrer ist, die nicht über die Gene eines Matthieu Van der Poel verfügen. 
Die Gewinne aus dem Film, den es für 6 Euro zu leihen und für 10 zu kaufen gibt, gehen wieder an das Team P&S Metalltechnik für zukünftige Projekte.  

Popstars in Polen - fast 900 Kilometer Asphalt from Sebastian Paddags on Vimeo.

Samstag, 6. Juni 2020

Alles wird gut

Design wird ja oftmals als die Gestaltung der Hülle eines Gegenstandes, die Bestimmung von Farben und Mustern wahrgenommen und damit auf ein Synonym für "gut aussehen" reduziert. Dabei ist Design so viel mehr. In der Wikipedia findet sich diese Definition:

Design beinhaltet eine Vielzahl von Aspekten und geht über die rein äußerliche Form- und Farbgestaltung eines Objekts hinaus ... Insbesondere umfasst es auch die Auseinandersetzung des Designers mit der Funktion eines Objekts sowie mit dessen Interaktion mit einem Benutzer. Im Design-Prozess kann somit unter anderem Einfluss auf die Funktion, Bedienbarkeit und Lebensdauer eines Objekts genommen werden, was im Besonderen beim Software- und Produktdesign relevant ist.

In der Neuen Sammlung ist an einer Stelle zu lesen:

Gestaltung ist nie unschuldig. Ob sie wollen oder nicht: Designer verhalten sich mit der Art, wie sie mit Materialität, Herstellungsbedingungen, Vertriebsformen umgehen, bewusst oder unbewusst immer auch zur gesellschaftlichen Ordnung. Als absichtlicher Gestaltungsprozess unserer Umwelt ist Design nie frei von Verantwortung.

Was es wirklich bedeutet, wenn Designer diese Verantwortung annehmen, freie Hand haben und von der Idee bis zum fertigen Produkt Entscheidungen treffen, habe ich im vergangenen Sommer in München erfahren.

Irgendwann Anfang Juli 2019 bekam ich Post: "ALLES IST GUT. Daher lade ich Euch ganz herzlich zum offiziellen Marken-Launch ein. ... 03.08.19 18:00 Uhr ... München ... Mit dem Lift in den 10. Stock. Dazu Pin-Code ... eingeben ... Anschließend dem roten Faden folgen. Ich freue mich, Sandra."

Nun muss ich vielleicht noch erzählen, wie es überhaupt zu dieser Einladung kam. Im April 2018 habe ich an dieser Stelle über Schönheitsideale geschrieben. Dabei ging es um Instagram Accounts, nach deren Konsum man die Realität der sonntäglichen Clubausfahrt nur schwer erträgt. Einer der genannten Accounts war der von Sandra aka Velo.Addicted. Seit dem haben wir gegenseitig unsere Instagram Posts geliked und 2019 brachte es mich auf die Liste der "Friends & Family", die zum offiziellen Start von Sandras eigener Marke eingeladen wurden. Details wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Irgendetwas mit Radfahren wahrscheinlich, aber was genau und selbst der Name der Marke waren eine Überraschung. Aber warum nicht, manchmal bin selbst ich für "Abenteuer" zu haben. Flug und Hotel waren schnell gebucht und Anfang August war ich in München und folgte tatsächlich dem roten Faden.

Nach dem Studium des Produktdesigns an der Hochschule München gründete Sandra Paul 2010 ihr eigenes Designbüro und war in den Folgejahren unter anderem für namhafte deutsche Großkonzerne tätig, bevor sie mit einem mutigen Schritt ihren Traum verwirklichte und "ihr ganz eigenes Ding" startete. Mit völliger Freiheit über den kreativen Prozess begann Sandra 2017 die Arbeit an VON BROKK. Herausgekommen ist eine Produktlinie von Alltagsgegenständen, die alles, aber nicht alltäglich ist. Das besondere Markenzeichen ist dabei der sprichwörtliche rote Faden, der sich in der ein oder anderen Form in jedem Produkt wiederfindet. Alle Gegenstände sind durch den Radsport inspiriert und fangen das Lebensgefühl des Lebens auf schmalen Reifen ein.




Während der Feier zum Launch von VON BROKK konnte ich mich eine Weile mit Sandra unterhalten und aus erster Hand erfahren, wieviele Überlegungen auch in kleinsten Details stecken und wie weit sich der Bogen des Produktdesigns spannt. Das beginnt bei der initialen Idee und dem Konzept der Marke an sich, geht weiter über den Entwurf einzelner Produkte, deren Gestaltung und Einbettung in das übergeordnete Thema, der Auswahl der Materialien, die Suche nach Herstellungsprozessen und Herstellern. Die Webseite, die Bilder, die verwendete Schriftart, das Firmenmotto "ALLES IST GUT", nichts ist beiläufig oder beliebig, alles fügt sich unter einer Formensprache zu einer Gesamtheit zusammen. Selbst die Verpackungen sind nicht irgendwelche Kisten, sondern bestehen aus besonders hochwertiger Kartonage, die zu schönen Schachteln gefaltet und von Hand genietet werden. Nach dem Auspacken des Produktes haben die Kartons noch lange nicht ausgedient und können zur Aufbewahrung genutzt werden. Alle Produkte werden in Deutschland gefertigt und genügen höchsten Standards an Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. Das alles hat natürlich seinen Preis. Berücksichtigt man aber Qualität und handwerkliche Güte, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass alles seinen Preis wert, also preiswert im besten Sinne, ist.

Wie vielen anderen hat die Corona-Krise auch Sandras Pläne für 2020 beeinträchtigt. Die geplante Teilnahme an der Cycling World in Düsseldorf ist ebenso ausgefallen wie die Eröffnung des Showrooms in Landsberg verschoben wurde. Auf einmal war nicht mehr alles gut. Die ganze Welt steht einer neuen, zuvor undenkbaren Realität gegenüber, der man trotz allem am besten mit Optimismus und der festen Überzeugung gegenüber tritt, dass (irgendwann) alles wieder gut wird.

Um dieser Situation Ausdruck zu verleihen gibt es derzeit eine Sonderserie an AWG ("ALLES WIRD GUT") T-Shirts. Die Linie auf der Rückseite ist übrigens die angedeutete Rückentasche, die es bei den 220er Shirts von VON BROKK in echt gibt. (Wie toll ist das denn bitte?) Und hoffentlich können wir dann alle in nicht allzu ferner Zukunft wieder sagen:

ALLES IST GUT



PS.: Die Rennräder, die im Hintergrund der Fotos auf der Webseite zu sehen sind, stammen übrigens alle aus dem Besitz der Designerin, die nicht nur mit Heldenkurbel Rad fährt, sondern auch Rennräder sammelt!

PPS.: Die Zeit in München habe ich auch zu einer ausgedehnten Tour (Viva Bavaria) im Voralpenland genutzt. Bei der Wahl der Strecke habe ich mich von den Lieblingstouren inspirieren lassen. Das Rad habe ich bei Bikedress gemietet, ein tolles Geschäft mit angeschlossenem Radsport Café. Exzellenter Espresso und sehr fairer Preis für ein Rad mit Powermeter. Darüber hinaus habe ich mir am Folgetag die volle Kulturdröhnung gegeben und sowohl die Alte Pinakothek als auch die Pinakothek der Moderne besichtigt. Bei letzterer ist im Zusammenhang mit diesem Post natürlich insbesondere die Neue Sammlung erwähnenswert, die als die größte Designsammlung der Welt gilt. Sonntags kostet der Eintritt übrigens nur einen Euro! Ach, noch ein "Fun-Fact" zum Schluss, habt ihr gewusst, dass die Redewendung vom roten Faden auf Goethe zurückgeht?

PPPS.: Das Shirt habe ich mir ganz alleine und selber gekauft. Nicht das hier Missverständnisse aufkommen. Nachdem ich am 1. Mai mit dem Rad ordentlich gestürzt bin und mir dabei zum ersten mal überhaupt das Schlüsselbein gebrochen habe, rede ich mir nämlich unablässig selber ein, dass alles wieder gut wird und ich bald, nun als richtiger Radfahrer (weil: Schlüsselbein gebrochen), wieder im Sattel sitze.

Montag, 1. Juni 2020

Recovery!

Training und Erholung sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Wer immer nur trainiert und den Körper belastet, wird früher oder später unter der Last zusammenbrechen und im schlimmsten Fall mit einem Übertrainingssyndrom enden. Wer sich immer nur erholt und auf dem Sofa sitzen bleibt, tut sich auch keinen Gefallen.

Während im Training nichts ohne harte Arbeit passiert, stehen Sportlern zur Verbesserung der Erholung unzählige Hilfsmittel und Methoden zur Verfügung. Kopfkissen, Matratzen, Kompressionskleidung, Eisbäder, Massagen, Infrarotsaunen, Nahrungsergänzungsmittel, Elektrostimulation, "Recoveryboots", Faszienmassage-Rollen, und und und. Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Noch länger ist nur die Aufzählung der versprochenen Effekte. Entzündungsprozesse sollen gestoppt werden, Laktat soll verschwinden, Nährstoffe sollen den Körper wieder aufbauen ...

Könnte man all die angepriesenen Effekte kumulieren, der Gewinn der Tour de France wäre ein Kinderspiel. Aber vielleicht wirkt es ja doch? Zumindest ein bisschen? Jeder benutzt doch das ein oder andere Revovery-Tool! Ich etwa habe eine ganze Batterie an Faszienrollen und -kugeln, ein EMS Gerät, eine Matte um den Schlaf aufzuzeichnen und auszuwerten, nehme nach harten Einheiten einen Recoveryshake, ziehe manchmal Kompressionsstulpen an und mache regelmäßig und mit Begeisterung Stretching.

Aber hilft es wirklich? Sind die wissenschaftlich klingenden Marketingtexte der Hersteller belastbar? Wo ist das Geld sinnvoll investiert und wo ist es aus dem Fenster geworfen?


Antworten auf diese Fragen finden sich in dem 2019 erschienen Buch "Good to go - How to eat, sleep and rest like a champion" von Christie Aschwanden. Die Wissenschaftjournalistin und Ausdauersportlerin hat hunderte von wissenschaftlichen Studien gelesen, mehr als 250 Interviews geführt und alle erdenklichen Recoverymethoden im Selbstversuch getestet. Das Buch hat dabei das Zeug, dem Leser in Zukunft viel Geld zu sparen. Denn das Wenigste, was die Recovery-Industrie den Sportlern verkaufen möchte, geht über den Placebo Effekt hinaus. Auf rund 250 Seiten wird insbesondere deutlich, dass viele von Herstellern zitierte "Studien" mit mehr als nur Vorsicht zu genießen sind. Schwaches Design und falsche Fragestellungen lassen Ergebnisse, manchmal unabsichtlich, in einem günstigen Licht erscheinen, sind am Ende aber nicht mehr und nicht weniger als ein Marketing-Gag.

Einen Vorgeschmack auf das Buch bietet das Gespräch zwischen Prof. Ross Tucker und Christie Aschwanden im "The real Science of Sport"-Podcast: Why everything you know about recovery may be BS Absolut hörenswert!

Das Buch ist derzeit nur in der Originalausgabe in Englisch verfügbar. Verlagseite

Donnerstag, 23. April 2020

Gegen die Regeln

Vielleicht kennt Ihr das das auch, der Wetterbericht verspricht strahlenden Sonnenschein und frühsommerliche Temperaturen zur Mittagszeit, der Renner steht bereit, Flaschen am Rad, Reifen aufgepumpt, Kette geölt und in aller Frühe soll es los gehen auf eine ausgedehnte Runde. Allerdings, die Nacht war kalt und das Thermometer zeigt gerade so eine zweistellige Temperatur. Da besteht die Wahl aus a) zu Beginn frieren, b) am Ende schwitzen oder c) irgendwann die Trikottaschen an ihre Grenzen bringen und nicht wissen wohin mit den Armlingen, Beinlingen oder der Windweste. Denn im Trikot ist ja bereits das Telefon, eine Banane, Müsliriegel, Geld, die Luftpumpe und was man sonst noch so unterwegs braucht.

Auch oder gerade wenn es ganz und gar gegen die Regeln ist irgendwelche Taschen am Rennrad zu befestigen, kann ein gelegentlicher, gepflegter Regelbruch ganz erfrischend sein. Ein bisschen Hipster-Gravel-Style im konservativen Rennrad-Business. Ein Kontrapunkt im aerodynamisch geformten Einerlei. Denn es kommt ja nicht immer auf das letzte Quäntchen Performance an.

Bisher habe ich meine Transportprobleme meist gelöst, in dem ich Arm- und Beinlinge bei steigenden Temperaturen mit dem Halstuch an den Vorbau gebunden habe oder auch unter den Sattel, was beides nicht wirklich elegant ist. Da stellt sich die Frage: Warum eigentlich keine Tasche? Meine Suche nach "kleine Lenkertasche Rennrad" hat mir leider nicht viele brauchbare Ergebnisse geliefert. Der Bar Bag von Rapha erschien mir etwas zu groß, schwarz war ausverkauft und überhaupt, Rapha ist sicher ausgezeichnet, aber schon lange nicht mehr hip. Die einzige Tasche, die mir zusagte, war der Burrito Bag von Road Runner. Für meinen Zweck die richtige Größe (Volumen 1 Liter, 20 cm lang, 8 cm im Durchmesser), mit Klettverschlüssen einfach zu befestigen, robust und in unauffälligem schwarz. Voilà: geklickt, bestellt, geliefert und montiert. Ob die Tasche an ein Rennrad gehört oder sogar gut aussieht, darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein. Praktisch ist sie aber auf jeden Fall und die vergleichsweise zurückhaltendste Variante, wenn es denn eine Tasche sein soll.


Die Griffmöglichkeiten am Oberlenker werden durch die Tasche nur minimal eingeschränkt.


Die Tasche während der Fahrt zu öffnen ist möglich, aber nicht empfehlenswert. Zu schnell fällt etwas raus. Ohne Computer vor dem Lenker kann man die Tasche aber nach oben drehen, so dass die Öffnung nicht nach vorne, sondern nach oben zeigt, dann lässt sich auch während der Fahrt auf den Inhalt zugreifen.



Das hat alles ohne Probleme in die Tasche gepasst. Ohne Banane, die ja nicht gerne gedrückt wird, wäre noch deutlich mehr reingegangen. 


Die Klettverschlüsse auf der Oberseite können auch eng montiert werden. Die Schlaufe auf der Rückseite ist zur Befestigung am Steuerrohr, wobei das nicht unbedingt notwendig ist.



Mittwoch, 1. April 2020

Breaking: 2020 Gemeinsame Austragung von Giro, Tour und Vuelta

Heute gab es sensationelle Radsport-Neuigkeiten! Gut unterrichtete, verlässliche Quellen berichten von fortgeschrittenen Gesprächen zwischen der UCI und den Veranstaltern der drei großen Landesrundfahrten, Giro d'Italia, Tour de France und Vuelta Espana über eine gemeinsame "Super-Rundfahrt" im Herbst 2020.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens im Zuge der Corona-Krise haben zu zahllosen Absagen jedweder Art von Veranstaltung auf der ganzen Welt geführt. Im Radsport wurden alle Rennen, von den kleinsten Jedermann-Events bis zu den Monumenten abgesagt. Der Giro wurde auf einen unbestimmten Termin im Herbst verlegt, die Tour de France ist derzeit mit dicken Fragezeichen versehen. Statt der im Gespräch befindlichen Austragung ohne Zuschauer erscheint eine Verschiebung wahrscheinlich. Leider wird die Zeit zwischen der anvisierten Wiederaufnahme der Saison im August und einem späten Ende der Saison im November  nicht ausreichen, um alle abgesagten Rennen nachzuholen.


Die einzige Grand Tour die nach jetzigen Stand "safe" scheint, ist die Vuelta. Eigentümer der Vuelta ist die ASO, was die Gespräche sicherlich vereinfacht haben dürfte, denn die Vuelta muss aus jetziger Sicht am meisten "abgeben".

Wahrscheinlichster Termin für die "Europa-Tour" ist der 4. bis zum 27. September. Die Weltmeisterschaft in der Schweiz wird auf das erste Oktober Wochenende verschoben. Danach sollen die italienischen Frühjahrs- und Herbstklassiker (Strade Bianche, Mailand - San Remo, Lombardei Rundfahrt) statt finden. Die belgischen Klassiker, Paris-Roubaix und die Ardennen Rennen könnten  dann im November gefahren werden.

Zu der Strecke der dann einzigen Gran Tour der Saison 2020 sind bisher nur wenige Eckpunkte bekannt, ein Start in Rom scheint wahrscheinlich. Nach einem Prolog im Vatikan und einer ersten Etappe rund um Rom und Ziel vor dem Kolosseum wendet sich das Rennen gen Norden. An der Adria soll es ein Mannschaftszeitfahren geben, bevor es weiter Richtung Mailand und in die Lombardei geht. Die Königsetappe der ersten Woche soll über das Stilfser Joch führen. Am Ende der ersten Woche werden die Fahrer dann in Frankreich zunächst zwei weitere Bergetappe bewältigen müssen, bevor der erste Ruhetag am 14. September ansteht. Dienstags folgt ein klassisches Bergzeitfahren auf den Mont Ventoux. Danach könnte das Rennen weiter durch das Zentral Massiv und an das Mittelmeer führen. Als möglicher Etappenort kommt zu diesem Zeitpunkt etwa Perpignan in Frage. Die dritte Woche des Rennens wird dann auf spanischem Boden stattfinden.

Die letzte Etappe wird, als Tribut und Zugeständnis an die größte der drei Rundfahrten, die Tour, traditionell in Paris auf den Champs-Élysées über die Bühne gehen.

Eine interessante und bis jetzt dem Vernehmen nach noch vollkommen offene Frage ist die Gestaltung des Trikots des Gesamtführenden. Eine kreative Kombination aus Pink, Gelb und Rot erscheint wahrscheinlich, obwohl dies eine überaus schwierige Farbkombination ist.

Der Vuelta Start in den Niederlanden fällt damit 2020 flach, soll aber 2021 nachgeholt werden.

Nun ist zu hoffen, das die derzeitigen Vorsichtsmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise im Sommer wieder schrittweise gelockert werden können und einem aufregendem Radsport-Herbst nichts zum Wege steht.

Donnerstag, 27. Februar 2020

Radfahren bleibt Radfahren

Im Herbst 2017 war hier unter der Überschrift Real Talent über ein Paarzeitfahren zu lesen, das ich zusammen mit Hannah Ludwig gefahren bin, damals am Ende ihres ersten Juniorinnen-Jahres. Nach dem Rennen war ich von Hannahs Leistung sehr beeindruckt und gespannt, was da noch kommen würde. Die titelgebende Einschätzung sollte sich als richtig erweisen. Hannah wurde 2018 Deutsche U19 Meisterin am Berg, im Zeitfahren und auf der Straße, dominierte die Rad-Bundesliga und brachte eine Silber- (Zeitfahren) und eine Bronzemedaille (Straße) von der EM in Brno, Tschechien nach Hause.

Foto by Thomas Maheux

Der Lohn der Mühen war ein Vertrag bei Canyon-Sram, dem vielleicht großartigsten Team der Woman World Tour mit einigen der coolsten Fahrerinnen, Legenden des Frauenradsports wie Tiffany Cromwell, Pauline Ferrand-Prévot oder Kasia Niewiadoma.

Aber wie ist es, wenn man plötzlich als eine der jüngsten Fahrerinnen bei den größten Rennen des Frauenradsports am Start steht? Um das herauszufinden bin ich vor einigen Wochen an die Mittelmosel gefahren und habe mit Hannah über ihr erstes Profijahr und den langen Weg dorthin gesprochen.

Als ich in Traben-Trarbach ankam wurde ich von Isa, Hannahs Mutter begrüßt. Wir haben am langen Esstisch der Familie in der ehemaligen Volksschule Platz genommen. Hinter mir knisterte der Bullerjan Ofen, vor mir reichte eine Bücherwand vom Boden bis an die beeindruckende, vier Meter hohe Decke. In meinem Blickfeld standen die Kinderbücher. Dutzende und aber-dutzende - was sich halt so ansammelt, wenn man vier Kindern immer etwas Spannendes vorlesen will. Nach einem kurzen Moment gesellt sich Hannah zu uns. Anders als ich die Radfahrerin Hannah kenne, war sie in “zivil”, die langen blonden Haare offen, mit Latzhose und blauem Longsleeve. Eine ganz normale junge Frau.

Also Hannah, wie hat es angefangen, das mit dem Radfahren?

Eigentlich war meine beste Freundin schuld. Wir waren in der fünften Klasse und Lea hatte von dieser Radtour gehört. Eine Woche mit dem Rad von Turnhalle zu Turnhalle, mit vielen anderen Jugendlichen und zugunsten von Kindern in Ruanda. Das Wichtigste dabei war aber für Lea 'Hey, Oberstufenschüler!' und für mich 'Hey, eine Woche keine Schule!'. Was daran sollte also verkehrt sein? Bis zu den Sommerferien wurde regelmäßig mit der Sport AG der Schule Rad gefahren. Das war schon nicht schlecht und ich konnte den teils deutlich älteren Schülern am Berg ordentlich Paroli bieten. Eine Woche vor den großen Ferien fanden wir uns dann mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen am Start der FairPlay Tour de l'Europe wieder. Mit einem einfachen, schweren Kinder MTB, dem mein Vater als einzige Erleichterung ein Satz Straßenreifen aufgezogen hatte. Auf der ersten Etappe bin ich zwei mal gestürzt, aber das konnte meine Begeisterung nicht dämpfen.

Dazu muss man sagen, dass die FairPlay Tour eine ernsthafte Herausforderung ist. Die Etappen sind zwischen 80 und 120 km lang und verlangen ordentlich Durchhaltevermögen. Selbst für geübte Rennradfahrer auf schmalen Reifen sind das nennenswerte Distanzen. Für Kinder auf schweren MTBs ist das eine mehr als beachtenswerte Leistung.

Im nächsten Jahr bei ihrer zweiten FairPlay Tour hat Hannah dann schon einen "Überholer-Posten" bekommen. Eigentlich den deutlich älteren Schüler vorbehalten, fährt man mit Warnweste und Fahne ausgestattet an der Gruppe vorbei bis zur nächsten Kreuzung oder Einmündung und regelt den Verkehr. Ein besonderes Talent zum Radfahren war nicht abzustreiten.

Radfahren war damals für Hannah vor allem eine Gelegenheit Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und die allmählich dazukommenden Radrennen Ausflüge, bei denen der Kuchen zumindest so wichtig war wie das Rennen selbst. Einen entspannteren, unaufgeregteren Beginn einer Sport-Karriere kann man sich nicht vorstellen. Wenn man durch Hannahs Ergebnisse in der Sportlerübersicht auf rad-net scrollt, fällt auf, dass dort alle Radsport-Disziplinen auftauchen. Neben Mountainbike Veranstaltungen auch Cyclo-Cross sowie Straßenrennen und Bahnwettkämpfe.

Dann ging es Schlag auf Schlag und ein Sieg folgte dem anderen. Ob beim Kriterium in der Pfalz oder bei Deutschen Meisterschaften. "Ludwig, Hannah - RSC Stahlross Wittlich" war eine Konstante auf den Siegerlisten. Insgesamt listet Rad-Net 56 Siege in den Nachwuchsklassen. Besonders der Kampf gegen die Uhr entwickelte sich zur bevorzugten Disziplin.

WM Innsbruck 2018 - Fotograf unbekannt

In der U19 wird es grundsätzlich ernst und es zeigt sich, wer die Schüler- und Jugendklasse aufgrund eines Entwicklungsvorsprunges vor seinen Altersgenossen dominiert hat oder wer echtes Talent und Trainingsfleiß besitzt. In gewisser Weise werden die Uhren auf Null gestellt und es gilt, sich wieder neu zu beweisen. Hannah gelang es, schon im ersten U19-Jahr sowohl auf der Straße wie im Zeitfahren Deutsche Vize Meisterin zu werden und im Trikot der Nationalmannschaft zur Europa- und Weltmeisterschaft zu fahren. Ein fünfter Platz gegen die Zeit bei der EM in Herning und ein vierter Platz bei der WM in Bergen, nur Sekunden am Podium vorbei, bestätigten, dass hier "Real Talent" am Werk war.

Dem olympischen Motto "citius, altius, fortius" und der scheinbar spielerischen Leichtigkeit der bisherigen Ergebnisse folgend, war eine gewisse Aufgeregtheit und Erwartung an das zweite U19 Jahr nicht zu vermeiden. Zumindest ich hatte mich insgeheim schon gefreut vielleicht bald einer Weltmeisterin gratulieren und tatsächlich ein echtes Regenbogentrikot mal aus nächster Nähe sehen zu können.

Und 2018 schien zu halten, was 2017 versprach. Mit Deutschen Meister Titeln am Berg, auf der Straße und im Zeitfahren und einer Silber- und Bronzemedaille bei den Europameisterschaften trat Hannah die Reise nach Innsbruck zur Weltmeisterschaft als eine der Favoritinnen an. Aber Radsport wäre kein Radsport, wenn man alles planen könnte und trotz aller Arbeit, Schweiss und Mühen, aller Erfolge im Vorfeld und guten Wünschen es manchmal einfach nicht zusammen kommt. Die Strecke des Zeitfahrens der Juniorinnen führte von A nach B durch das Inntal (im Gegensatz zu einer Runde). Am Tag des Rennens blies ein kräftiger Rückenwind. Was Hobbyradfahrer freut, nivellierte an diesem Tag zusammen mit der Übersetzungsbeschränkung die Unterschiede zwischen den Starterinnen und Hannah konnte ihre Stärken nicht ausspielen. Vielleicht war es auch einfach nicht der Tag der Tage, an dem einfach alles passt und den man trotz allem Talent haben muss, um sich das Regenbogentrikot überstreifen zu können. So schlug am Ende "nur" ein zehnter Platz mit 29 Sekunden Rückstand auf die Siegerin Rozemarijn Ammerlaan aus den Niederlanden zu Buche. Aber wie heißt es: “Egal, wie oft man fällt, man muss einmal öfter aufstehen”. Für Radsportler gilt das im Besonderen.

Foto by Ashley und Jered Gruber

Wenn schon der Wechsel zur U19 für junge Radsportler ein Meilenstein ist, so gilt dies erst Recht für den Wechsel in die Eliteklasse. Besonders wenn man direkt in der World Tour fährt. Was davor war, ist nur noch eine Randnotiz, die kommenden Jahre ein leeres Blatt, bereit für neue Ergebnisse und Heldentaten.

Wenn du keine Radsportlerin wärst, welche Sportart würdest du betreiben?

Schwierige Frage. Es gibt viele Sportarten die ich gerne mache, aber ich bezweifle, dass ich in irgendeiner Profi sein könnte. Vielleicht am ehesten als Trailrunnerin?

Also Radsport, was fasziniert dich daran?

Jedes Radrennen ist wie das Leben in Kurzfassung. Es gibt ein Anfang und ein Ende, Freude, Wut, Erschöpfung, Überraschungen, ... aber egal was passiert, man kann viele Dinge mit einer positiven oder negativen Einstellung massiv ändern, wenn man es denn möchte. Der Radsport lässt mich immer wieder Grenzen entdecken und überschreiten, die ich vorher nicht kannte. Faszinierend ist, wie individuell diese Grenzen für jeden einzelnen sind und trotzdem alle versuchen, diese zu verschieben.

Was war die größte Herausforderung in deinem ersten World-Tour Jahr?

"Geduld. Ohne Frage Geduld. Die Einsicht, dass nichts von jetzt auf gleich funktioniert und man Dinge nicht erzwingen kann, musste ich lernen. Dass ich schon mal recht stur sein kann, machte die Sache nicht unbedingt leichter. Ich musste lernen meine Kräfte einzuteilen. Zu oft habe ich in der ersten Hälfte der Rennen, im Versuch dem Team zu helfen, meine Kräfte vergeudet, in Phasen der Rennen, in denen das noch nicht notwendig war und wenig gebracht hat. Wenn es dann drauf ankam, war ich nicht mehr die Hilfe, die ich gerne gewesen wäre."

Nach einem recht guten Einstand bei den ersten Rennen in Spanien wurde Hannah in Italien bei der Strade Bianche auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. "OTL - Outside Time Limit", aber zumindest ins Ziel gefahren. Eine Woche später stürzte Hannah bei Drenste Acht van Westewald. Gehirnerschütterung! Vorbildlicherweise nimmt Canyon-Sram die Gesundheit der Fahrerinnen sehr ernst, vorbei die Zeiten, als Fahrerinnen nach Stürzen mit dem Verdacht auf Gehirnerschütterung nochmal auf's Rad gestiegen sind. Das bedeutete für Hannah erst mal Pause und Erholung. Ende April ging es beim Wallonische Pfeil und Lüttich - Bastogne - Lüttich weiter. Aber die Leichtigkeit der Junioren-Jahre war vorbei. Die Rennen gehen über die doppelte Distanz und sind so viel schneller und härter, dass Zweifel aufkamen ob es reicht, ob man den Erwartungen gerecht wird. Den eigenen, denen der Freunde, der Familie und des Teams. Sich trotzdem immer wieder zu fokussieren und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, ist nicht einfach.

Als glücklich hat sich dabei die Zusammenarbeit mit Holly Sears erwiesen, zu der Hannah erst im März 2019 wechselte. Unterstützt von ihrer Trainerin gelang es Hannah, nach vorne zu blicken und Schritt für Schritt verlorenes Selbstvertrauen zurück zu gewinnen. Ohne Druck und Erwartungen großer Resultate bereitete Hannah sich auf die Deutsche Meisterschaft im Zeitfahren vor. Zeitfahr-Intervalle, Motor-Training, bis zu 30 Stunden in der Woche auf dem Rad. Am 28. Juni war Hannah bereit "to put the Hammer down". Extra Motivation gab es von Erik Zabel, der im Materialwagen saß. Gestartet wurde alle 90 Sekunden und Hannah überholte ganze acht (!) Fahrerinnen. Acht!

Am Ende reichte es zwar "nur" für die Holzmedaille, aber zur drittplatzierten Lisa Brennauer, der ehemaligen Zeitfahrweltmeisterin, fehlten lediglich magere18 Sekunden. Teamkollegin Tanja Erath, die Fünfte wurde, hatte hingegen schon eine Minute Rückstand auf Hannah. Das war definitiv ein "Put the Hammer down" Moment!

Mit gestärktem Selbstvertrauen ging es weiter. Hannah gewann die Nachwuchswertung der BeNe Ladies Tour und in Alkmaar in den Niederlanden bei der Europameisterschaft den U23 Zeitfahrtitel!

Am Ende deines ersten Profijahres, wenn du zurückblickst, was entsprach deinen Erwartungen und was war unerwartet?

Viele Dinge waren wie ich sie erwartet hatte. Radfahren bleibt Radfahren und Herausforderungen bleiben Herausforderungen. Davon abgesehen war ich viel mehr unterwegs als ich mir das vorgestellt habe und das Nicht-Zuhause-Sein ist mir nicht immer leicht gefallen. Was mich wirklich überrascht hat, waren die eingefleischten Fans, die wirklich für den Frauenradsport brennen. Das habe ich so nicht erwartet. Eine andere Sache ist die Unterstützung der Fahrerinnen im Team. Da werden alle gleich behandelt, das Team macht keinen Unterschied zwischen Kasia Niewadoma und einem Neo-Profi. Das fällt mir manchmal immer noch schwer anzunehmen, als ob mir das nicht zusteht.

Wie hat dich 2019 verändert? Als Person?

Zu Beginn dachte ich, ich wüsste ziemlich viel über die Welt und wie es so läuft. Typisch Teenager! Ich habe dann ziemlich schnell gelernt, dass ich nur einen Bruchteil über die Welt und selbst über Radrennen weiss. Dort draußen ist so viel mehr, als ich mir das in meinem Zimmer in Traben-Trabach vorgestellt habe! Ansonsten ... Möglichkeiten zu schätzen wissen, Momente zu genießen, mir Fehler einzugestehen, dankbar zu sein, nie zu vergessen, dass alles, was ich habe, nur Dank meiner Eltern möglich war, mich nicht zu verbiegen und ehrlich zu sein, ... ja, das sind einige der Dinge, die mir dieses Jahr bewusst wurden und die ich gelernt habe.

Ah, und ich bin zum Reiseprofi geworden. Am Anfang habe ich einfach alles mitgenommen und war viel zu schwer unterwegs. Über das Jahr habe ich dann immer mehr aussortiert und Dinge zuhause gelassen und bin inzwischen oft nur noch mit Handgepäck unterwegs. Ich fahre auch Just-in-Time zum Boarding zum Flughafen. Das bringt meine Mannschaftskolleginnen regelmäßig auf die Palme, wenn sie mich vom Gate aus anrufen und ich noch auf der Autobahn bin. Einmal habe ich den Flug auch tatsächlich verpasst, das lag aber an einem Unfall und einer Vollsperrung. Mein Ersatzflug hatte dann sogar die bessere Verbindung!

Was motiviert dich?

Erstaunlicherweise nicht so sehr die Siege. Es ist mehr mein Bestes zu geben und immer wieder meine Grenzen zu testen, zu verschieben, dass kann dann auch sein dem Team zu helfen und zu dem Erfolg beizutragen. Das ist die sportliche Seite, was mich darüber hinaus aber noch sehr viel mehr inspiriert, ist andere Menschen nicht nur für den Radsport, sondern für das Radfahren an sich zu begeistern. Radfahren ist so viel mehr als Radrennen. Im vergangenen Herbst bin ich bei One More City mitgefahren. Das ist eine jährliche Radtour, die Aufmerksamkeit für sekundären Brust Krebs erreichen möchte und Spenden für dessen Erforschung sammelt. Dieses Jahr ging es in drei Tagen von Amsterdam nach Straßburg. Zu erleben wie wichtig diesen Frauen das Radfahren ist, wieviel Halt es geben kann trotz der Schicksalsschläge, dass hat mich wirklich motiviert.

Ich kann mir vorstellen, dass du für viele aus deinem Verein, deiner Schule und der Region jetzt ein Star bist, ein Idol! Kommt das so bei dir an?

Dieses Jahr war ich zu Gast bei einer Veranstaltung meiner Schule, den LebensLäufen. Dabei wird gelaufen, geschwommen, geskatet, Roller gefahren, Fußball gespielt und eben auch Rad gefahren und vor allem Geld gesammelt für Selbtshilfeprojekte der Welthungerhilfe in Afrika. Die Teilnehmer der Radtour trainierten für die FairPlay Tour 2019 und ich bin ein Stück mitgefahren. Am Start in der Schule gab es ein großes Hallo, die Kinder stürmten auf mich ein, wollten Autogramme, redeten durcheinander. Da denke ich mir dann schon: Hey, ich bin doch nur die Hannah, vor gar nicht langer Zeit habe ich hier selber die Schulbank gedrückt und jetzt soll ich Autogramme geben? Ich weiss nicht ob ich mich da je dran gewöhnen werde, dass andere Menschen was Besonderes in mir sehen und sich meine Unterschrift zuhause an die Wand hängen!

Inzwischen ist es dunkel geworden und es wird Zeit aufzubrechen. Aber eines will ich dann doch noch wissen: Wie ist das mit dem Material und den ganzen Klamotten? Ist das so wie wir Hobbyfahrer uns das in unseren Träumen vorstellen?

Das ist in der Tat wie Weihnachten und Ostern zusammen. Ich habe so viel bekommen, dass ich gar nicht alles anhatte und dieses Jahr (also 2020) hat sich das Design ja geändert, ich kann also noch nicht mal im Training die 'alten' Sachen anziehen. Dazu gab es auch über das Jahr immer mal wieder etwas neues. Jacken, Hoodies, Freizeitkleidung, extra Kit. Wenn ich zum Training starte und mich selber im Spiegel sehe, denke ich jedesmal: 'Wow, wie cool! Das bin wirklich ich! Ich darf dieses tolle Trikot tragen und habe sogar eine ganze Schublade voll.' Also wirklich wie im Hobbyfahrer Traum!" 

Auf der Heimfahrt gehe ich in Gedanken nochmal durch unser Gespräch. Ich bin sehr beeindruckt und freue mich für Hannah, dass sich all die Jahre des zielstrebigen und harten Trainings ausgezahlt haben. Hannah ist es gelungen, sich in ihrem ersten Frauen-Jahr nicht nur sportlich zu behaupten, sondern auch persönlich ihren Weg in einer neuen Welt zu finden. Sich nicht zu verbiegen, nachdenklich und kritisch zu sein, sich dabei selber zu reflektieren und trotz einiger Rückschläge nach vorne zu schauen, das muss man mit gerade 19 Jahren erstmal hinbekommen. 

Was ich auch gelernt habe ist, dass Profiradsport mehr als nur schnell Radfahren ist. Es reicht schon lange nicht mehr, im Rennen das Trikot des Sponsors zu tragen, im Ziel ein kurzes Interview zu geben und alles andere dem “Press-Officer” zu überlassen. Um die eigene Marke als Sportler in dem immer lauter werdenden Social-Media-Zirkus zu platzieren, wollen Instagram, Twitter, Facebook und Strava mit immer neuem Content bestückt werden. Ein eigenes Rennen um die Aufmerksamkeit der Medien und Fans. Wenn ich sehe, welchen Druck das ausübt, frage ich mich, ob die Radsportöffentlichkeit, deren Teil ich ja selber bin, nicht zu viel erwartet.

Inzwischen ist die 2020er Saison schon in vollem Gange. Hannah hat ihre Saison in Australien begonnen und wird Mitte März in Drenthe und Nokere wieder ins Renngeschehen eingreifen. Ich drücke die Daumen! Ride on, Hannah!

Links:
Hannah bei Pro Cycling Stats