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Donnerstag, 14. September 2017

La Charly Gaul Strava Sieger!

Bei Gran Fondos ist das mit dem Start ja so eine Sache. Hunderte oder sogar tausende von Fahrern starten gleichzeitig. Manchmal gibt es Startblöcke, die die Fahrer nach avisierter Endzeit, nach Alter oder dem Ergebnis des Vorjahres einteilen. Eine gänzlich andere Möglichkeit ist nach dem Motto "Wer zuerst kommt, malt zuerst" zu verfahren, wie etwa bei der Cyclosportiv "La Charly Gaul" in Luxembourg. Wer vorne steht fährt zuerst los, wer hinten steht erst einige Minuten später. Und vorne steht wer früh da ist.


Als ich eine gute Stunde vor dem Start der Kurzstrecke über 106 km meine Nummer abholen war, standen die ersten schon an der Startlinie. Eine Stunden vorher! Bis ich zurück am Auto war, die Nummern am Rad und auf dem Trikot befestigt, die Reifen aufgepumpt, die Trikottaschen gefüllt hatte und endlich zum Start rollte, standen ein paar mehr da. Ungefähr 750 mehr, also alle die starteten. Ich stand ganz hinten. Im Bus und in der Schule ist es ja cool in der letzten Reihe zu sitzen, bei einem Gran Fondo bedeutet das vor allem Stress. Zumindest wenn man glaubt vorne mitfahren zu müssen, dann beginnt mit dem Startschuss ein Zeitfahren nach vorne. Sobald der Platz es zu lässt gilt es, so schnell es geht soviele Positionen wie möglich gut zumachen ohne dabei irgendjemanden zu gefährden. Das die Strecke des Charly Gaul direkt gute fünf Kilometer bergauf führt macht die Sache zunächst zwar einfacher, dann aber auch viel schwieriger. Einfacher, weil man langsamere Fahrer am Berg leichter überholen kann. Schwieriger weil die Spitze davon eilt. Oben angekommen war dann auch eine großes Feld vorneweg. Ich konnte mich gerade noch so in die letzte Gruppe hineinekeln, die dann Kilometer später kurz vor dem nächsten Berg noch den Anschluss herstellte.


Danach ging es zügig durch den Nordosten Luxembourgs. Insgesamt sieben klassifizierte Anstiege mit zusammen 1.400 Höhenmetern waren auf der Kurzstrecke zu bewältigen. Die Strecke ist nicht ganz einfach, aber auch nicht übertrieben schwer. So blieb dann trotz all der Renn-Action der ein oder andere Moment um die Landschaft in einer der schönsten Ecken Luxembourgs zu genießen. Sattes Grün, tolle Aussichten, kleine Dörfer, gute Straßen. Schokoladenseite halt. Kurz nach der letzten Abfahrt auf dem Flachstück zum Ziel bin ich meine einzige ernsthafte Attacke gefahren. Vorne waren nur zwei Fahrer (ich dachte allerdings es wären mehr) und es waren noch acht Kilometer bis zum Ziel. Schnell waren wir eine Gruppe von sieben Fahrern, die einigermaßen harmonierte. Was ich dann nicht wusste: Die Zielanfahrt ist so eng und verwinkelt und die Zielgerade noch dazu eine Zielkurve auf Kopfsteinpflaster, dass das eigentliche Ziel etwa 400 Meter vor dem Ziel ist. Wer dort vorne ist, hat beste Chancen den "Sprint" zu gewinnen oder doch zumindest weit vorne zu landen. Ich war natürlich hinten, Sechster von sieben plus die zwei vorne ergab einen achten Platz. Das war viel besser als ich erwartet hätte.

Verrückt ist aber, dass ich durch meinen hinteren Startplatz später als die meisten Fahrer vor mir gestartet bin und damit die beste Strava Zeit über die komplette Strecke habe! Ich bin sozusagen der Charly Gaul Kurzstrecken Strava Sieger! Yeah! Eine Minute vor dem offiziell Zweitplatzierten Jernst Tempelaar!


Ein Sieg bei der Charly Gaul Cyclosportiv ist übrigens sehr Prestige trächtig. In den Palmarés finden sich einige große Namen. Die Kurzstrecke wurde schon von Kim Kirchen (u.a. Sieger einer Tour Etappe und des Flèche Wallonne) gewonnen und die große Runde sah 1995 keinen Geringeren als Bjarne Riis auf der obersten Podeststufe!

Bemerkenswert ist, dass diese Veranstaltung nicht von einer kommerziellen Event-Agentur auf die Beine gestellt wird, sondern vom ACC Contern, einem ganz normalen Radsportverein. An der Organisation gab es nichts auszusetzen, die Strecke war gut abgesichert, die Verpflegung im Ziel gut und das Startgeld ist mit 21 bzw. 26 Euro (Kurz/Lang) bei Voranmeldung mehr als moderat. Der Start zur Kurzstrecke war mit 10:30 angenehm spät und das Wetter zeigte sich nach einem frischen, nebeligen Start später von seiner besten spätsommerlichen Seite.


Links:
La Charly Gaul Homepage (Bilder, Ergebnisse, Infos)
ACC Contern

Dienstag, 4. Juli 2017

Highway to Hell

Don't stop me
I'm on the highway to hell
On the highway to hell
I'm on the highway to hell
On the highway to hell

(highway to hell) I'm on the highway to hell
(highway to hell) highway to hell
(highway to hell) highway to hell
(highway to hell)

And I'm goin' down
All the way
I'm on the highway to hell


Aus den Boxen dröhnt in voller Lautstärke AC/DC's Klassiker. Einen passenderen Song kann man sich schwerlich vorstellen. Es ist kurz nach sechs an einem Sonntag Morgen in Nauders, das Thermometer zeigt gerade mal zehn Grad an, es regnet in Strömen, es gewittert und in weniger als einer halben Stunde startet der Dreiländergiro. Beide Strecken, die kurze Vinschgau und die lange Engadin Runde führen über das Stilfser Joch, mit 2745 m einer der höchsten Pässe Europas. Einige Wochen vorher wurde dort die Prima Coppi des 100. Giro d'Italia ausgefahren, der extra Bergpreis am höchsten Punkt der Rundfahrt. Dort oben sollen es gerade noch 4° sein. Highway to hell! 

Das schlechte Wetter hatte sich schon die ganze Woche angedeutet. Am Anfang überwog die Hoffnung, dass sich die Prognose noch mal ändert und das Tiefdruckgebiet erst am Montag oder noch besser gar nicht eintrifft. Je näher das Rennen rückte und je kürzer die Abstände zwischen den Blicken in die Wettervorhersage wurden, umso unausweichlicher war die Tatsache, dass es nass und ungemütlich werden würde.


Für viele zu ungemütlich. Von den weit über 2000 gemeldeten Fahrern fanden sich nur gut 800 am Start ein. Aber bekanntlich ist ja nichts so schlecht, dass es nicht für etwas anderes gut ist. Das schlechte Wetter erlaubte mir, fast aus der ersten Reihe zu starten. Der Beginn des Rennens, die Abfahrt vom Reschenpass,war recht verhalten. Kein Gedränge, kein Geschiebe, keine hektischen Manöver. Der Regen hingegen nahm weiter zu und es goss in Strömen, das Wasser stand nur so auf der Straße. In Prad war ich durchgefroren und froh, dass es endlich aufwärts ging. Zu Beginn des Anstieges schlug nur wenige Kilometer vor uns ein ziemlich massiver Blitz in den Berghang vor uns ein. Wow, das war spektakulär, was für eine Naturgewalt!

Bis kurz nach Gomagoi konnte ich gut mit der etwa 15 Mann starken Spitzengruppe mithalten. Zu meiner Überraschung war hinter uns erstmal keine weitere Gruppe in Sicht. Mir wurde es aber auch bald zu schnell, bis zum Gipfel waren es noch gute 17 Kilometer. Ich lies die Gruppe ziehen und fuhr stoisch mein Tempo. Weiter, immer weiter. Der Regen und die tief hängenden Wolken boten ein imposantes Panorama. Und es herrschte weitgehend Ruhe am Berg. Kaum Autos, noch weniger Motorräder, über Minuten nur die Straße, der Regen und gurgelnde Bäche in dieser grandiosen Berglandschaft. Wann kann man schon mal so ungestört das Stilfser Joch erklimmen? 



48 Spitzkehren sind es bis zum Gipfel. Und genauso wie die Zahl der noch vor uns liegenden Kehren abnahm, wurde es immer kälter. Nach 1 Stunde und 40 Minuten war ich oben. Der Garmin zeigte gerade mal noch 2° an und es regnete immer noch sintflutartig. Um die Regenjacke wieder anzuziehen musste ich anhalten, es war nicht so einfach die Jacke aus der Rückentasche zu ziehen und den Reisverschluss zuzumachen, fast hätte ich um Hilfe fragen müssen.

Dann ging es abwärts. Ich hätte ein Königreich für hydraulische Scheibenbremsen gegeben. Vor jeder Kurve das gleiche Schreckenszenario: "Mist, zu spät gebremst, es reicht nicht!" Dann setzte doch noch etwas wie Verzögerung ein und es ging ganz vorsichtig um die Kurve. Und nochmal und nochmal. Ich weiss nicht wie viele Kurven diese blöde Abfahrt hat, gefühlt waren es Hunderte. Die Hände wurden eiskalt und gefühllos, Bremsen ging nur aus dem Unterlenker. Irgendwann haben Hände, Arme, Nacken und Schultern genauso geschmerzt wie vorher bergauf die Beine. Dazu war es unglaublich kalt. Ich zitterte teilweise so, dass das Rad nur noch schwer zu beherrschen war. In Santa Maria zum Ofenpass abbiegen zu können kam einer Erlösung gleich. Alles, nur nicht weiter bergab. Es dauerte eine ganze Weile bis ich zumindest wieder ein wenig warm hatte. Im Schneckentempo und nur noch angetrieben von der Alternativlosigkeit des Weiterfahrens ging es aufwärts. Alles wurde schwierig, die Flasche zu greifen ohne dass sie auf den Boden fällt, den Reisverschluss der Regenjacke zu greifen und aufzuziehen, ein Gel aus der Tasche zu fischen, vom treten gar nicht zu reden. Eigentlich ist der Ofenpass nicht schwierig, an dem Tag wollte er aber nicht enden. Ein paar Fahrer überholten mich. Kurz vor dem Gipfel rief mir jemand zu, dass ich auf dem 15. Platz bin und drei Fahrer 90 Sekunden vor mir sind. Auf Platz 15? So weit vorne?! Beim Dreiländergiro? Da war das Weiterfahren erst recht alternativlos. 


Inzwischen ließ der Regen nach und die Straße trocknete ab. Die Abfahrt ging gut, auch wenn einige Autos und Motorräder im Weg waren und etwas Zeit kosteten. Ausgang Zernez konnte ich die Drei sehen,  40 Sekunden waren es noch. Alleine gegen drei und den Gegenwind dauerte es dann aber 30 Kilometern bis kurz vor Scoul bis ich an der Gruppe dran war und etwas Windschatten genießen konnte.

Bis nach Martina und zum Beginn der Norbertshöhe waren es noch 20 Kilometer. Diesen letzten Anstieg bin ich dann in meinem Tempo gefahren und war freudig überrascht, die drei Anderen hinter mir zu lassen. Das würde ja bedeuten ich würde 12. werden? Leider war der Berg länger als noch am Tag zuvor im Training und ich konnte die 300 Watt nicht halten. Zwei Fahrer aus der Gruppe holten noch mal auf, aus einer Gruppe vor uns kam einer zurück. In solchen Momenten werden ja einfachste Rechenoperationen zur Herausforderung: 15 - 3 + 2 - 1 = ??? ... 13?! (Platz 15 auf dem Ofenpass, drei Fahrer abgehängt, zwei kamen wieder von hinten, einer von vorne). Irgendwann war die Passhöhe da, eine kurze Schussfahrt, ich war endlich im Ziel und das auf einem vorderen Platz, mit dem ich im Traum nicht gerechnet hätte.

Die Ergebnisliste im Zelt führte mich sogar auf Platz zwölf und als dritter meiner Altersklasse! Da musste der Saunagang, auf den ich mich seit dem Start freute, doch noch warten. Ich muss zur Siegerehrung! Beim Dreiländer-Giro! Was ja nicht gerade irgendein x-beliebiger Radmarathon ist. Nur, es kam anders. Zu früh gefreut. Die Siegerehrung begann, meine Altersklasse wurde aufgerufen, nur ich nicht. Was war passiert? Das Ergebnis wurde korrigiert, im Internet war ich auf Platz 14. und vierter meiner Altersklasse. Schade, aber nicht weiter schlimm, der Pokal wäre ein schönes Andenken gewesen aber ich war zu langsam. Kann man nix machen. Zack, ab in die Sauna.

Nur, wenn ich jetzt in die Ergebnisliste schaue, bin ich wieder dritter meiner Altersklasse, auf der Gesamtliste aber immer noch 14ter. Auf der Liste im Zelt fehlte der fünft platzierte Fahrer, dessen Zeiten auf dem Stilfser Joch und im Ziel plausibel sind. Damit wäre ich auch wieder auf Platz 13 gewesen, dem Platz, auf dem ich mich aufgrund der Ofenpass Information wähnte. Auf dem zehnten Platz wird allerdings ein Fahrer gelistet, der erst als 109. und über eine halbe Stunde nach mir auf dem Stelvio war. Um auf eine Gesamtzeit von 6:02 zu kommen, hätte er die gut 100 km ab der Passhöhe fast 30 Minuten schneller als der Sieger Daniel Rubisoier zurücklegen müssen! Dieser Fahrer erscheint aber auch im Ergebnis der Schlechtwetter Klasse auf Platz 22. Dort werden die Fahrer geführt, welche die lange Strecke gemeldet haben, aufgrund des Wetters aber die Kurze gefahren sind. Normalerweise werden diese disqualifiziert, was in erster Linie an den Auflagen der Behörden liegt. Wegen des Regens und der insgesamt wenigen Starter machte man eine Ausnahme und führte ad-hoc diese Schlechtwetter Klasse ein. Bei der Auswertung ist allem Anschein nach etwas schief gelaufen. Hey! Ich will meinen Pokal!


ICH WILL MEINEN POKAL!

Neben der Sauna war dass die zweite Sache, an die ich während des ganzen Rennens denken musste!

Nachmittags schien übrigens wieder die Sonne in Nauders. Bestes Wetter. Die Schlechtwetterfront hat sich genau während des Dreiländer Giros ausgetobt. Eine Woche später war es dann aber nochmal sehr viel schlechter und es gab ordentlich Neuschnee auf dem Stilfser Joch, wie dieses Video zeigt. Es geht also immer noch schlimmer.

Bei solch schlechtem Wetter ist es natürlich entscheidend, was man an Kleidung dabei hat. Ich habe Fahrer gesehen, deren einziger extra Schutz aus einer Windweste bestand. Damit wäre ich nicht über das Stilfser Joch gekommen, vielleicht noch hoch, aber nicht runter. Ich habe angehabt:
  • Rennmütze und Helm
  • Normales Funktionsunterhemd mit kurzem Arm
  • Wiggle RainDefence Trägerhose
  • Kurzes Trikot
  • Castelli Nanoflex Armlinge
  • Café Cycliste Schlechtwetter Trikot (ähnlich Castelli Gabba)
  • Regenjacke
  • Dünne Regenüberschuhe
  • Dünne Handschuhe
  • Das Halstuch meiner Tochter (bringt Glück und hat genauere die richtige Größe)
Prinzipiell würde ich wieder das Gleiche anziehen. Wenn es so regnet und so kalt wird wie an diesem Sonntag in Nauders gibt es nichts, was einen über Stunden trocken und warm hält. Dazu muss man auch bei solch extremen Bedingungen damit rechnen, dass es später am Tag wieder besser wird und man dann überschüssige Kleider ausziehen und mitschleppen muss. Einzig bei den Handschuhen hätte ich die dickeren Castelli Strickhandschuhe anziehen sollen, die halten normalerweise ein gutes Stück wärmer als die dünnen Unterhandschuhe, die ich an diesem Tag anhatte.

Was bleibt? Ein unvergesslicher Tag, der zurecht das Attribut "episch" verdient. Jeder Fahrer, der gestartet ist, hat eine tolle Geschichte zu erzählen. Die, die im Bett geblieben sind aber auch. "Könnt ihr euch noch erinnern als 2017 der Dreiländer Giro fast im Dauerregen untergegangen ist? Boaahh, was habe ich gefroren / was habe ich mich da noch mal ins Bett gekuschelt / ...". Die Veranstaltung war super organisiert. Einzig ein Aufkleber für den Vorbau mit dem Profil und den Kilometern hat wirklich gefehlt. Ansonsten: Tipp topp und vielleicht bis 2018 zur 25. Jubiläumsausgabe, dann aber hoffentlich mit besserem Wetter.



Links:

Samstag, 17. Juni 2017

3 Ballons 2017: Anders als geplant

Der vielleicht beste Moment in einem Gran Fondo: Eine Gruppe von 50 und mehr Fahrern fährt in einen Berg. Die ganze Straße ist ausgefüllt von Radfahrern, jedes Gespräch verebbt und ausser dem Schnaufen aus zahlreichen Kehlen, dem gelegentlichen Geräusch einer Schaltung und dem "Wuschen" von Carbonfelgen im Wiegetritt ist nichts mehr zu hören. Keine Autos, keine Zuschauer, nur die Natur und ein Haufen Radfahrer, die sich den Berg hochschrauben. Faszinierend wie wenig Lärm ein Fahrrad macht, stellt euch mal 50 Autos vor, die dicht an dicht den Berg hinauf fahren: Krach und Gestank!

Und bergauf ging es beim 3Ballons in den Vogesen zuhauf. Auf der langen Strecke über 210 km standen 6 klassifizierte Anstiege und zwei kleine zum Aufwärmen im Weg, 4.356 Höhenmeter hat mein Garmin aufgezeichnet. Das ist schon mal 'ne Hausnummer. Im Vergleich zu den letzten Jahren hatte die Strecke eine ganze Reihe von Änderungen aufzuweisen. Die wesentlichste war die Bergankunft auf dem Planche des Belles Filles, dort endet dieses Jahr auch die fünfte Etappe der Tour de France. Als Folge dessen waren Start und Ziel nicht wie in den letzten Jahren nur gute 10, sondern ganze 50 Kilometer von einander entfernt! Obwohl die Höhenmeter etwa gleich waren und der Grand Ballons von der leichteren Seite gefahren wurde, fand ich die 2017er Strecke schwieriger. Dieses Jahr hat die Kletterei erst später angefangen, die Höhenmeter haben sich also auf weniger Kilometer verteilt.

Oben 2016, unten 2017

Viel besser als in den letzten Jahren war allerdings das Wetter. Nachdem es am Vortag noch Starkregen und Gewitter gab, strahlte am Samstag den ganzen Tag die Sonne und die Temperaturanzeige kletterte bis auf 28°. Nach Nebel und Regen und Sichtweiten von um die 100 Meter auf dem Grand Ballons 2016, konnte man dieses Jahr eine herrliche Weitsicht genießen. Wettertechnisch haben die Vogesen sich von ihrer besten Seite gezeigt.






Beste Voraussetzungen für ein großartiges Rennen, sollte man meinen. Ich hoffte trotz der neuen Strecke wie 2016 in etwas über 7 Stunden ins Ziel zu kommen. Letztes Jahr hatte das immerhin für Platz 53. insgesamt und Rang 11 meiner Altersklasse gereicht. Nur, es kam anders. Nach einer Nacht mit so gut wie keinem Schlaf (Es lag nicht am Wohnmobil, Stefan!) und vielleicht auch zu viel Training in den Beinen, war kurz vor der Verpflegung am Gran Ballons der Ofen aus. Bis dorthin befand ich mich genau in der sieben Stunden Gruppe. Das weiß ich deshalb so genau, weil dort die schnellste Frau unterwegs war und bergauf meist die Pace vorgab. Ils van der Moeren kam nach 6:58,47 ins Ziel!

Aber was nicht geht, geht nicht und in Erwartung der weiteren Schwierigkeiten, habe ich die Gruppe ziehen lassen und an der Verpflegung auf dem Grand Ballons erstmal in Ruhe angehalten. Bis zum nächsten Berg hatte sich dann wieder eine kleine Gruppe gefunden, die ich aber auch ziehen ließ. Inzwischen fing mein linkes Knie nämlich ziemlich an zu zwacken. Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas anders gut ist. Den Rest konnte ich dann wirklich ohne Stress fahren und habe sogar mehrfach an den Brunnen angehalten für eine anständige Erfrischung.

Unterwegs spielte ich mit dem Gedanken, mir den Schlussanstieg hinauf zum Planche des Belles Filles zu schenken, aber irgendwie kommt man ja doch nicht umhin immer weiter zu fahren, noch ein Stück und noch ein Stück und schon ist man am an Fuß des Anstieges und es sind ja nur fünf Kilometer, also schnell noch hoch. Und das war schon ein sehenswertes Spektakel! Trotz meines eigenen Schneckentempos bin ich an vielen vorbei, die ihr Rad geschoben haben oder noch langsamer waren, auf jeden Fall am Ende ihrer Kräfte. Aber viele sind auch mit grimmigen Gesichtern an mir vorbei, um jede Sekunde kämpfend, alles aus sich herausholend. Ich fand das gemütlich gar nicht so schlecht (von den Knieschmerzen abgesehen), wenn man sich mal damit abgefunden hat und einem das Ergebnis egal ist, ist das doch sehr entspannend.

Meine Zeit von 7:33 war für den 200. Platz insgesamt und den 49. meiner Altersklasse gut. Scrollt man durch das Ergebnis, fällt wieder einmal die Dominanz der Belgier auf. Interessanterweise ist der Medio Fondo über 125 km fest in französischer Hand gewesen.






Nach einer Pause im Ziel und dem Zuführen der Kalorien, die es für den Pasta-Gutschein gab, machte ich mich auf den Weg zurück zum Auto. 50 km! Nach der Abfahrt ging es nochmal bis zur Hälfte des Col des Chevrères hinauf, dann aber immer leicht bergab über kleine französische Departementstraßen. Trotzdem war das mit dem schmerzenden Knie und dem Gran Fondo in den Beinen kein Spaß. Wieder am Auto hatte ich 260 km. Ein Allzeit Distanz Rekord für mich.


Stellt sich natürlich die Frage, woran es gelegen hat, dass die Luft nach 100km raus war und das Knie zu schmerzen anfing? Nach der unfreiwilligen Pause in der zweiten Jahreshälfte 2016 habe ich das Training im Januar bei einem Allzeit-Tief des Chronic Training Loads (CTL) wieder aufgenommen. Ich konnte mein geplantes Training ganz gut umsetzen und bin auch tatsächlich gut in Form gekommen. Zur Landesverbandsmeisterschaft, dem "Ende der Frühjahrskampagne" war der CTL bereits wieder bei knapp 60. Danach ging es wie geplant weiter und nach dem Gran Fondo Schleck hat Golden Cheetah den höchsten ATL meiner Trainingsaufzeichnungen berechnet.

Trotz regelmäßiger leichterer Wochen mit reduziertem Trainingsload, ging der CTL doch konstant weiter nach oben und erreichte zum 3Ballons einen Wert von 84. Das ist absolut immer noch nicht besonders hoch (wirklich viel fängt bei über 100 an), aber immerhin fast so hoch wie 2015 vor der Deutschen Bergmeisterschaft. 

Die Kunst des Trainings besteht nun darin, dass es sich eben nicht nur anhand von Kennzahlen und Wattwerten berechnen lässt und sich die Gründe für eine gute oder auch schlechte Leistung nie ganz genau bestimmen lassen. Obwohl ich meine Trainingsinhalte, -abfolge und Pausen grundsätzlich immer noch als richtig ansehe, war es rückblickend vielleicht doch etwas viel. Denn neben dem Trainingsstress muss man auch den Stress durch das "echte Leben" (Beruf, Familie) berücksichtigen. Dieser beeinträchtigt nämlich meist eine ganz entscheidende Komponente des Trainings: Die Regeneration! Und gerade die benötigt im Alter etwas mehr Zeit. Am Ende kann man dies vielleicht doch in Zahlen ausdrücken, der Anstieg der CTL Kurve war, zumindest für meine individuellen Umstände, zu steil. Oder, auch das kann sein, es war einfach nur ein schlechter Tag mit zuwenig Schlaf in der Nacht zuvor.

Zum Knie: Eine Röntgenaufnahme hat eine leichte Arthrose offenbart, nichts Dramatisches, aber natürlich nichts, was man hören möchte. Dass sich diese während des 3Ballons bemerkbar gemacht hat, obwohl die Belastung bis dorthin an diesem Tag gar nicht so hoch war und ich in der Woche davor kaum gefahren bin, kann auch mehrere Gründe haben: Langzeit-Wirkung des Unfalls im letzten Jahr, kumulierter Trainingsreiz über Wochen oder auch ein viel zu kurz gekommenes Core-Training (=instabile Position auf dem Rad = Fehlbelastung). 

Seit dem 3Ballons habe ich daher nicht mehr auf dem Rad gesessen. Statt dessen war ich etwas schwimmen und habe verstärkt Core Training gemacht. Dieses Wochenende geht es wieder auf's Rad und ich hoffe dann, dass am kommenden Sonntag Form und Knie für den Dreiländergiro in Nauders nochmal in Ordnung sind.




Links:
Grand Trophée 3Ballons Homepage

Freitag, 26. Mai 2017

Gran Fondo Schleck

Üblicherweise erfordert die Teilnahme an einem Gran Fondo eine stundenlange Autofahrt, meist bereits am Vortag, eine durchschnittliche Nacht in einem Hotelbett, viel zu frühes Aufstehen, ein hastiges Frühstück, eine Startaufstellung im Morgengrauen, unterwegs die wiederholte Frage an sich selber, warum zur Hölle man das alles macht und nach dem Zieleinlauf gleich wieder die Heimreise. Da war der Gran Fondo Schleck doch eine sehr viel entspanntere Erfahrung. Ich konnte die Startunterlagen am Vortag ohne Eile abholen, im eigenen Bett schlafen, gemütlich frühstücken und um kurz vor acht mit dem Auto die etwa 30 km zum Start fahren. Im Expo Gelände gab es Kaffee und Kuchen und mit dieser letzten Stärkung konnte ich mir einen Platz in der ersten Reihe meines Startblockes sichern.





Der Gran Fondo Schleck war dabei nicht irgendeine beliebige Jedermann Veranstaltung, sondern ein Lauf in der UCI Gran Fondo World Series, der als Qualifikationsrennen der Gran Fondo World Championships zählt. Dieses Jahr findet die „Amateur“ Weltmeisterschaft Ende August in Albi (Südfrankreich) statt. Teilnehmen dürfen die jeweils besten 25 Prozent jeder Altersklasse jeder World Series Veranstaltung. Insgesamt umfasst die World Series 20 Rennen, davon 11 in Europa (Polen, Zypern, Griechenland, Schottland, Luxembourg, Frankreich England, Slowenien, Österreich, Italien, Dänemark).

Die Startblöcke waren nach Altersklassen eingeteilt, nicht wie bei manch anderen Gran Fondos nach der avisierten Endzeit, vielleicht um eine Chancengleichheit für die Qualifikation zur WM zu wahren. Das führte allerdings zu einer sehr hektischen und anstrengenden Startphase, da sich die besseren Fahrer und Fahrerinnen der älteren Klassen erst mal durch das Feld der jüngeren, aber langsameren Fahrer durchkämpfen mussten. Die ersten Kilometer waren so ein stetiger Wechsel zwischen Sprints und Vollbremsungen, jeder Zentimeter der Straße und teilweise der Bürgersteige und Radwege wurde genutzt. Nach gut 10 km und einer ganzen Reihe von Beinahe-Stürzen war ich endlich vorne und konnte mich für die nächsten 120 Kilometer auch in der immer kleiner werdenden Spitzengruppe halten.

Die Strecke führte zunächst flach entlang der Mosel bis nach 20 Kilometer der erste Hügel zu erklimmen war. Danach ging es Schlag auf Schlag. Bis zum Ziel der großen 160 km Runde folgten 12 weitere klassifizierte Anstiege. Diese als Berge zu bezeichnen wäre zwar übertrieben, das ständige Auf und Ab läpperte sich am Ende aber doch auf 2.400 Höhenmeter zusammen. Der kräftige Wind machte es auch nicht unbedingt einfacher.

Trotz dem annäherenden 40er Schnitt dauerte es bis weit nach der Hälfte bis die Spitzengruppe weniger als 100 Fahrer umfasste. Ab und an versuchten sich einzelne Fahrer oder Gruppen abzusetzen, wirklich weit kam aber niemand. Das Tempo machte es nebenbei total illusorisch an den Verpflegungsstellen anzuhalten, es sei denn man war bereit die Spitze ziehen zu lassen. Meine beiden 0,5 Liter Trinkflaschen waren für 160 km im Renntempo definitiv zu wenig, selbst bei den kühlen Temperaturen und dem bedecktem Himmel. Nimmt man diese Veranstaltungen ernst, kommt man um eine Begleit-Crew nicht umhin. Die zahlreichen belgischen Gran Fondo Teams überlassen in dieser Hinsicht nichts dem Zufall. Das aber vorauszusetzen, kann eigentlich nicht im Sinne der Veranstaltungen sein. Wenn nur jeder 10. Fahrer ein Auto voraus sendet, um einen Betreuer am Straßenrand zu haben, der Flaschen und Verpflegungsbeutel reicht, na dann Prost Mahlzeit, dann ist Verkehr. Dass es auch anders geht, zeigen die Gran Fondo New York Veranstaltungen. Dort werden den ersten 100 Fahrern Flaschen und Verpflegung gereicht, teils sogar vom Motorrad. Gleichzeitig wird private Verpflegung vom Straßenrand auf wenige ausgewiesene Zonen beschränkt. Das gewährleistet eine gewisse Chancengleichheit und schützt vor allem die Gesundheit der Fahrer - Mit Dehydration ist nämlich nicht zu spaßen.

Davon abgesehen wurde mir berichtet, dass die Verpflegungsstellen an sich mit Wasser und Apfelschorle, Obst und diversen Kuchenstücken ausgestattet und mit aufmerksamen Helfern besetzt waren.




An Hügel Nummer 10 nach 130 Kilometer musste ich das noch 60 Fahrer umfassende "Peloton" dann ziehen lassen. Schon am vorherigen Anstieg bin ich als einer der Ersten rein und ziemlich am Ende raus gefahren, solch ein "Durchsacken" ist schon mal für einige Sekunden gut, die man langsamer fahren kann als die Gruppe und trotzdem nicht den Anschluss verliert. Zwischen Bous und Mehdingen reichte die Zeit aber nicht mehr um nach vorne zu fahren und als Letzter am Fuß des Berges hatte ich keine Chance mehr. Game over. Die letzten 30 Kilometer bin ich dann mehr oder weniger alleine gefahren und konnte mich vor der nächsten Gruppe ins Ziel retten. Das war gut für einen 61. Gesamtrang, einen 11. Platz meiner Altersklasse, gut 6' 30'' hinter dem Feld und 90'' vor den nächsten Fahrern.

Interessant ist, wer bei so einem Gran Fondo vorne mit fährt und was es benötigt, um mitzuhalten. Unter den ersten 60 Fahrern, also vor mir, befanden sich 36 Belgier, 7 Niederländer, 6 Franzosen, 6 Luxemburger, 3 Deutsche, 1 Italiener und 1 Kroate.
  • Der Sieger Bjorn de Decker ist bis 2016 in einem Continental Team und regelmäßig 1.1 Rennen gefahren. 
  • Der Zweite,  Bart van Damme, hat letztes Jahr den GFNY Mt. Ventoux gewonnen und fährt mit seinen 41 Jahren immer noch vordere Platzierungen bei den Belgischen Eliterennen ein. 
  • Julian Woltering vom RSV Münster, als erster Nicht-Belgier auf Platz vier, fuhr dieses Jahr in Düren bei der Radbundesliga auf Platz 6.
  • Jurgen Van Goolen fuhr bis 2010 in der Worltour, u.a mehrere Jahre für Discovery Channel, CSC und Quick Step und beendete 10 Grand Tours, darunter die Vuelta 2008 auf Platz 16. und war 2003 Belgischer Vize-Meister.
  • Der Zweite meiner Altersklasse, der Luxemburger Christian Poos fuhr bis 2010 in einem KT Team und gewann noch 2011 die Bergwertung der Luxemburg Rundfahrt
Ich bin sicher, würde ich weiter suchen, da kämen noch einige Ex-Profis mehr zum Vorschein. Auch wenn es um nichts mehr geht, bei so einem Gran Fondo wird Rad gefahren, da kann einer sagen was er will.


Für die 161 Kilometer habe ich 4:17 benötigt, das ist ein Schnitt von 37,6 km/h. Die Normalized Power betrug 290 Watt, der Intensity Factor 0,964. Die Leistungen an den einzelnen Bergen (so wie von Golden Cheetah als Climb erkannt, Gewicht etwa 71 kg):
  1. 2:29 @411W
  2. 4:49 @376W
  3. 14:22 @294W
  4. 11:29 @293W
  5. 3:45 @354W
  6. 7:12 @358W
  7. 3:21 @351W
  8. 1:34 @345W
  9. 5:56 @322W
  10. 2:38 @346W
  11. 5:41 @295W (da habe ich den Anschluss ans Feld verloren)
  12. 6:28 @285W
  13. 3:00 @273W
dazu kamen noch 21 L7 Sprints, Belastungen zwischen sieben und 15 Sekunden und über 650 Watt.

Hier sieht man deutlich was die Spitzengruppe in einem Gran Fondo (=Radrennen) von den Fahrern weiter hinten (=Jedermann) unterscheidet (oder auch von Strava KOMs oder einer schnellen Trainingsrunde): In einem Radrennen kommt es darauf an einen Berg nicht nur einmal, sondern viele Male und besonders nach drei oder vier Stunden immer noch schnell hochfahren zu können. In dem Moment hilft auch kein Powermeter oder sonst irgendetwas, die einzige entscheidende Frage ist: Kann man dran bleiben oder nicht, hopp oder topp. In ausgeruhtem Zustand kann ich vielleicht jeden einzelnen Anstieg schneller hochfahren als die Spitzengruppe. 13 mal hintereinander ist aber eine ganz andere Geschichte. Und um wirklich vorne anzukommen, hätte ich statt einzubrechen nochmal eine ordentliche Schippe drauflegen müssen. Und DAS ist der Unterschied. 




Noch eine Anekdote zum Schluss: Fränk Schleck ist den Gran Fondo selber mitgefahren. Locker flockig ist er in der Spitzengruppe ständig nach Belieben von hinten nach vorne gefahren und hat sich wieder zurückfallen lassen, wahrscheinlich ohne ernsthaft ins Schwitzen zu kommen. Vor einer der Abfahrten kam er vor und hat gesagt, dass wir langsam fahren sollen, der Abschnitt wäre gefährlich. Als es dann abwärts ging sind wir auch alle angemessen gefahren, dachte ich zumindest. Ohne besonders Gas zu geben, bin ich als dritter oder vierter Fahrer am Feld vorbei gerollt. Auf einer gefährlichen Abfahrt fährt man am besten vorne, oder? Schnell wäre ganz anders gewesen. Naja, scheinbar war es immer noch zu schnell und als wir unten waren habe ich einen Anschiss vom Namenspatron des Rennens persönlich kassiert. Das konnte ich ja nun wirklich nicht wissen, dass das langsame Langsam gemeint war, ich dachte das normale Langsam würde reichen. :-)

Links:
Gran Fondo World Series
Homepage GF Schleck
Ergebnisse GF Schleck

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Eine Offline Verlinkung!

In der November/Dezember Ausgabe der RennRad ist eine lange und interessante Strecke über den Ötztaler Radmarathon, geschrieben von dem diesjährigen Sieger Bern Hornetz. Unter der Überschrift “Mein Tag” erzählt er wie er den Ötztaler erlebt hat und wie das Rennen gelaufen ist. Zusätzlich nimmt er auch reflektiert zu der Doping Diskussion Stellung und erklärt nachvollziehbar wie seine Leistung zustande gekommen ist.

Unter weitere Informationen wird auf den Bericht über den Ötztaler im Online Angebot der RennRad verwiesen, auf die Homepage des Radmarathons selber und zu meiner grossen Überrauschung auf Unterlenker.com! Wow! Mein Blog wird von der Print-Presse “verlinkt”, in der gedruckten Ausgabe der RennRad! Das ist doch mal was.



Und in der Tat ist der Post über den Ötztaler mit der Eyecatcher Headline “Mutanten im Ötztal” der mit weitem Abstand am meisten aufgerufene Artikel auf Unterlenker. Ich habe dort einen Blick in die Strava Daten von Bernd Hornetz geworfen und mich an einer Analyse versucht. Wohlgemerkt ohne jemals mit Bernd gesprochen oder irgendwelche über die Strava Daten hinausgehende Informationen gehabt zu haben. Seine FTP habe ich damals auf knapp über 5 Watt pro Kilogramm geschätzt. Er selber schreibt, dass er 2016 keinen Leistungstest gefahren ist, sein FTP aber auf 335 Watt geschätzt wird, also auf rund 5,3 Watt/kg.

Was ich damals nicht geschrieben habe: Die Überschrift nimmt auch die Kategorien auf, die Antoine Vayer zur Legitimierung der Leistungen bei der Tour festgelegt hat. Vayer sieht Leistungen über 410 Watt als verdächtig, über 430 als übernatürlich und ab 450 Watt als Mutant an. Diese Werte sind auf ein Fahrergewicht von 70 Kilo standardisiert. Auf 63 Kilo berechnet sind die Grenzen 369, 387 und 405 Watt. Egal was man von Vayer hält, 335 Watt FTP bei 63 Kilo Körpergewicht sind als Wert an sich absolut unverdächtig und mit Talent und hartem Training gut darstellbar.

Links:
Der Artikel in der Rennrad "Der Ötztal Sieger und die Doping Diskussion"
Not Normal e-Book von Antoine Vayer (Deutsche Version noch nicht verfügbar)
Vayers Ansatz findet allerdings durchaus heftige Kritik, z.B. im Outside Magazin “An abnormal Obsession with Doping
Cycling Tips: Can performance be used as an indicator of doping?

Samstag, 3. September 2016

Mutanten im Ötztal

Am vergangenen Wochenende fand der Ötztaler statt, die Mutter aller Radmarathons und Jedermann-Rennen. Sowas wie die Weltmeisterschaft der Hobby-Fahrer. Nur, die Besten dort sind alles, aber keine Hobbyfahrer. Der Sieger, Bernd Hornetz, hat sogar einen neuen Streckenrekord aufgestellt und ist erstmal in der Geschichte des Ötztalers unter sieben Stunden geblieben. Um genau zu sein 6:57,04 für 226 Kilometer und über 5000 Höhenmeter. Das entspricht einem Stundenmittel von über 34 Kilometern.

Die Diskussionsbeiträge unter der Facebook Meldung teilen sich grob in zwei Gruppen. Eine Hälfte gratuliert dem Sieger zu seiner tollen Leistung und freut sich, die andere Hälfte überbietet sich in Sarkasmus ob der für sie offensichtlich gedopten Leistung. Und tatsächlich ist es erstaunlich, dass ein Sportler mit 48 Jahren eine Zeit fährt, die die Leistung von jüngeren und dem Doping überführten Fahrern in den Schatten stellt.



2014 hat Roberto Cunico mit 35 Jahren in 7:05 gewonnen, Zweiter war Emanuel Nösig (33 Jahre) in 7:07. 2013 hat ebenfalls Cunico gewonnen, in 7:13, Nösig war in diesem Jahr Fünfter in 7:18. Der Sieger der Jahre 2006 (7:12), 2007 (7:03) und 2009 (7:07) , Emanuele Negrini (Jahrgang 74), wurde ebenfalls des Dopings überführt. Wohlgemerkt nicht beim Ötztaler, dort gibt es keine Kontrollen, sondern bei anderen Rennen.

Eine Serie fast wie bei der Tour de France! Daraus zu schließen, dass auch alle anderen Spitzenfahrer gedopt sind, ist natürlich so nicht zulässig. Wenn ein Fahrer gedopt eine bestimmte Leistung erbringt, kann ein anderer mit mehr Talent und besserem Training natürlich auch sauber schneller sein. Selbst wenn ich alle pharmazeutischen Tricks nutzen würde, wäre Chris Froom mit Pane e Aqua immer noch besser.

Im Leistungssport geht es darum den Besten zu finden. Den Sportler, der die verschiedenen Leistungsfaktoren wie VO2max, FTP, Effizienz, Verteilung der Muskelfasern, biomechanische Vorraussetzungen etc. in optimaler Weise kombiniert. Der Sportler der bei jedem in seinem Sport relevanten Leistungsfaktor das physiologische Optimum erreicht, also auch in der Kombination der Faktoren, wird mühelos seinen Sport dominieren. Ein Mutant!

Die Situation ist schon etwas paradox. Der Leistungssport verkörpert die Suche nach dem Mutanten. Es geht immer um ein höher, schneller, weiter.  Wenn aber ein Sportler auftaucht, der tatsächlich besser ist als alle anderen, hängt immer der Verdacht des Dopings über ihm.

Profis können zumindest noch ihren biologischen Passport und Wettkampf- und Trainingskontrollen anführen, auch wenn wir wissen, dass negative Dopingtests keine Garantie für eine saubere Leistung sind. "Jedermänner" haben diese Möglichkeit nicht. Schon alleine aus diesem Grund sollten Dopingtests auch bei Radmarathons und Gran Fondos zum Standard gehören.

Jetzt ist es im Straßen-Radsport ja so, dass die Geschwindigkeit relativ wenig über die Leistung aussagt. Selbst auf einer immer gleichen Strecke gibt es soviel Faktoren die die Zeit beeinflussen. War das Wetter besser? Stand der Wind günstiger? War eine Abfahrt neu asphaltiert? Fuhr die Spitzengruppe gleichmäßig im ersten Teil des Rennens oder gab es viele Tempowechsel? Das alles beeinflusst die Zeit am Ende. Mich haben daher die Leistungsdaten von Bernd Hornetz interessiert und wie so oft gewährt Strava hier einen tollen Einblick.

Die folgende "Analyse" ist natürlich mit Vorsicht zu genießen. Wir wissen weder ob die Power Daten verlässlich sind, noch das tatsächliche Gewicht des Fahrers. Bestenfalls bewegen wir uns auf dem Niveau der "Pseudo-Science" Analysen. Aber nichtsdestotrotz wird deutlich werden, welch enorme Leistung zum Gewinn des Ötztalers notwendig ist.

Das Google Chrome Add-On Stravistix macht die Zahlen Massage etwas einfacher. Bei einer durchschnittlichen Leistung von 239 Watt berechnet Stravistix 3,82 w/kg. Das entspricht einem Gewicht von 62,5 Kilo. Sollte Bernd sein Gewicht in Strava nicht pflegen, sind alle drauf beruhenden Berechnungen natürlich falsch. Bei dem Jedermann Rennen auf der Nordschleife bin ich eine Weile in seiner Nähe gefahren und vom optischen Eindruck sollte das hinkommen.


Wenn wir die w/kg auf die nach Coggan gewichtete Durchschnittsleistung berechnen, kommen wir sogar auf 4,32 w/kg. Dieser gewichtete Durchschnitt entspricht der Anforderung an den Organismus, die zur Erbringung einer konstanten Leistung (im Gegensatz zu der variablen Leistung im Rennen) notwenig gewesen wäre und gewichtet dabei höhere Wattzahlen stärker, da Leistungen über der FTP Schwelle den Organismus weitaus stärker fordern als niedrige Wattzahlen.

4,32 w/kg! Über sieben Stunden! Im Hochgebirge auf bis zu 2400 m! Das ist schon immens.

Ein Blick auf die verschiedenen Berge:


Der Anstieg hat fast eine Stunde gedauert. Der einfache Leistungsdurchschnitt und der gewichtete liegen recht nah beieinander, was bedeutet, dass es keine großen Tempovariationen gab. Bernds FTP Wert wird wahrscheinlich nicht weit über den 5w/kg liegen. Nach dem Power Profile Chart von Coggan befindet sich Hornetz damit im Bereich "Exeptional - Domestic Pro". Mit seiner Zeit von 56:29 liegt er auf Platz sechs des Strava-Leaderboards.


Am Brenner ging es scheinbar etwas "gemütlicher" zur Sache. Die Durchschnittsleistung ist immerhin 25 Watt niedriger als am Kühtai. Die Zeit reicht immer noch für die Top Ten bei Strava.


Wieder ein Anstieg von fast einer Stunde und einer Leistung nicht weit unter der vermuteten FTP Schwelle. Und das bis hinauf auf 2000 Meter.

Anstieg Nummer vier ist des Timmelsjoch. Nach fünf Stunden Rennen und 180 km begingt der vermutlich härteste Berg. 90 Minuten Kletterei bis auf über 2400. Dabei ist zu beachten, dass ab etwa 1500m die Leistung sinkt. Aufgrund des geringeren Sauerstoffgehaltes kann der Körper nicht mehr die gleiche Leistung erbringen wie weiter unter. 250 Watt auf dem Timmelsjoch sind dann wie, sagen wir 320 Watt im Flachen. Der Verlust variiert von Sportler zu Sportler und ich finde gerade nicht die Formel um den Verlust abzuschätzen, was wir aber sagen können ist, dass eine Leistung von 4.35 w/kg über 90 Minuten nach dieser Renndauer und auf dieser Höhe schon sehr beeindruckend ist.


Bemerkenswert ist dass Hornetz an allen vier Bergen auf ähnlich hohem Niveau fährt. 56 min mit 5 w/kg, 67 min mit 4,4 w/kg,  51 min mit 4,7 w/kg und 88 min mit 4,4 w/kg

Noch erstaunlicher wird es, wenn man zum Vergleich einen Blick auf die Daten von Tour de France Fahrern wirft. Auf Trainingspeaks gibt es detaillierte Analysen einer ganzen Reihe von Fahrern zu jeder Etappe 2016 (Woche 1, Woche 2, Woche 3). Natürlich kann man Etappen einer dreiwöchigen Rundfahrt schwer mit einem Rad-Marathon vergleichen. Aber um der Pseudo-Wissenschaft treu zu bleiben, mache ich es trotzdem. Hier was es über Michael Valgrens Fahrt auf der 17. Etappe von Bern nach Finhaut-Emosson (63., 26:15 min hinter Ilnur Zakarin) zu sagen gibt:


Bernd Hornetz hat beim Ötztaler also mit 3.82w/kg über sieben Stunden eine deutlich höhere Durchschnittsleistung erbracht als Michael Valgren mit 3,38w/kg auf der Königsetappe in den Alpen über fünf Stunden.

Das ist erstaunlich. Aber ist es auch verdächtig? Laut Strava hat Hornetz seit Januar schon über 20 Tausend (!) Kilometer abgespult. Das er erst spät, mit 30 Jahren, mit dem Radsport angefangen hat, muss nicht nachteilig sein. Radsport lässt sich auch jenseits der 40 noch auf sehr hohem Niveau betreiben. Die Regenerationsfähigkeit nimmt zwar ab, die Spitzenleistung kann aber noch lange gehalten werden. Der begrenzende Faktor ist oft eher eine psychische Müdigkeit. Noch eine Saison und noch eine, irgendwann reicht es halt. Fahrer die mit 10 Jahren anfangen haben ihre 18. Saison schon mit 28 Jahren in den Beinen.

Irgendwie hoffe ich ja, das entweder die Gewichtsangabe von Hornetz falsch ist oder der Powermeter  zu hohe Werte ausweist. Aber mit ein paar Kilo mehr und etwas weniger Watt gewinnt man keinen Ötztaler, das ist sicher (dann könnte ich nämlich um den Sieg mitfahren). Am Ende ist es eine reine Glaubensfrage, weder können die Skeptiker Doping nachweisen, noch können die Sportler beweisen, dass sie sauber sind.

Was soll man nun von der ganzen Chose halten? Und welche Lehren und Konsequenzen ziehen? Das muss am Ende jeder für dich selber wissen. 

Update 22.12.2016: 
In der RennRad 11-12/2016 hat Bernd Hornetz über den Ötztaler geschrieben und dieser Post hier wurde unter weitere Informationen referenziert! Dazu und nochmal ein wenig Hintergrund zu dem 'Mutanten-Titel' (ist ein Insider) findet ihr hier: Eine Offline Verlinkung

Links:
Bernd Hornetz' Strava Ötztal Aktivity
Im Interview auf Speed-Ville
Zum Thema Doping in seiner Kolumne auf RennRad
Ein interessanter Post von Jürgen Pansy über Doping im Amateurrennsport, insbesondere in Österreich und der Marathonszene