Samstag, 29. Oktober 2016

SportMedica 2016

Am vergangenen Wochenende habe ich die Sportmedica 2016 in Luxembourg besucht. Die Veranstaltung ging über einen Tag. Es gab sechs sehr interessante Vorträge von hervorragenden Dozenten rund um das Thema Wettkampfmedizin. Das hört sich im ersten Moment sehr speziell und schwierig an, allerdings richtete sich die Tagung nicht (nur) an Sportmediziner sondern auch an Physiotherapeuten, Trainer, Athleten und die weitere, interessierte Öffentlichkeit.



Der erste Vortrag hatte das Thema "Ernährungsberatung bei gewichtslimitierenden Sportarten". Jun. Prof. Dr. Anja Carlson von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch-Gmünd hat einen Einblick in das mir bisher weitgehend unbekannte "Gewicht machen" gegeben. Bei manchen Sportarten spielt das Gewicht des Athleten keine Rolle, zum Beispiel beim Curling oder Schießen. Bei anderen Sportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen ist Gewicht zwar wichtig, definiert aber nicht die Wettkampfklasse. Bei den meisten Kampfsportarten, beim Rudern oder auch Gewichtheben bestimmt das Körpergewicht des Athleten dagegen in welcher Klasse angetreten wird. Etwa 25 bis 30% der olympischen Sportarten fallen in diese Kategorie. Ein fester Bestandteil dieser Sportarten ist der Glaube, dass man mit einem Körpergewicht über dem Kampfgewicht trainieren muss, als sozusagen "Train heavy - Fight light". Athleten die in einer bis 60 Kilo Klasse antreten, wiegen dann im Training schnell 66 bis 68 Kilo. Das soll mehr Kraft und einen Vorteil im Wettkampf bringen. Beim Wiegen müssen diese zusätzlichen Kilos natürlich wieder runter sein. Mit teilweise abenteuerlichen und lebensgefährlichen Methoden werden die überflüssigen Kilos dann in den letzten Tagen vor dem Wettkampf "abgekocht". Dauerläufe in Schwitzanzügen, Ergometer in der Sauna, Erbrechen, Fasten, Diätpillen. All das geht mit einer deutlichen Dehydration einher. Eine gesunde Gewichtsreduktion liegt bei etwa 1% pro Woche. Diese Athleten nehmen teilweise 10% in wenigen Tagen ab! Krass! Wissenschaftlich belegen lässt sich dieses "Train heavy- Fight light" übrigens nicht.

Danach hat Prof. Dr. Tim Meyer von der Universität des Saarlandes über "Regenerative Maßnahmen im Leistungssport - nur der Glaube hilft" gesprochen. Im Prinzip eine Zusammenfassung des Kongresses über Regenerationsmanagement eine Woche vorher in Saarbrücken. Benjamin von Wattsbehind hatte darüber berichtet. Die Schwierigkeit bei der sportwissenschaftlichen Betrachtung der Regeneration ist diese überhaupt erst zu messen. Es gibt zwar Surrogatparameter (zum Beispiel Blutwerte (objektiv) oder Muskelschwere (subjektiv)) die zu Rate gezogen werden und teilweise positive Ergebnisse liefern, wenn aber die sportliche Leistung gemessen werden soll, wird es schon schwieriger. Wie misst man die Leistung eines Fußballers? Denn darauf kommt es ja an, eine Regenerationsmaßnahme soll ja zu besserer Leistung führen. Darüber hinaus ist auch schwierig bis gar nicht zu bestimmen welcher Teil der Ermüdung sich langfristig aufgebaut hat und welcher Teil von dem gerade abgeschlossenen Training stammt. Und schließlich ist Ermüdung auch ein Ausdruck des Trainingsreizes. Wenn man den durch Regeneration vermindert, kann man zwar früher wieder trainieren, muss dann aber umso härter ran. Es kann also durchaus sein, dass es in bestimmten Situationen zielführender ist die Regenration eben nicht zu beschleunigen.

Herr Meyer hat zu verschiedenen populären Regenerationsmethoden die Studienlage und Erfolgsaussichten vorgestellt:
  • Ernährung - effektiv
  • Kaltwasserimmersion - effektiv, aber fragliche Effektstärke
  • Schlaf - Effekt nicht belegt, allerdings ist ein Defizit leistungsmindernd
  • Aktive Erholung / Stretching - kein wissenschaftlich messbarer Effekt
  • Kompressionskleidung - kein wissenschaftlich messbarer Effekt
  • Massage - kein wissenschaftlich messbarer Effekt
  • Elektromyostimulation - kein wissenschaftlich messbarer Effekt
Die empirischen Erfahrungen sprechen aber oft eine andere Sprache. Kein Rennradfahrer wird bei der Tour de France auf die Massage verzichten! Placebo-Effekte sind daher nicht zu unterschätzen und wenn es einem Sportler hilft sich besser zu fühlen, kann man mit den oben genannten Methoden eigentlich nichts falsch machen.

Dr. Kathrin Steffen vom Oslo Sports Trauma Research Center hat über "Injurie Surveillance during Sport Events" gesprochen. Dabei geht es um ein Projekt des IOC, bei dem seit den Olympischen Sommerspielen in Beijing die Verletzungen der Sportler im Training und Wettkampf und die Erkrankungen während der Spiele erfasst werden. Aus den gesammelten Daten können dann zahlreiche Trends gezogen und Aussagen getroffen werden:
  • So hat das Verletzungsrisiko seit Beijing stetig zugenommen, nicht viel, aber es gibt einen leicht positiven Trend. Das könnte daran liegen, das viele Sportarten immer schneller und technischer werden, wodurch natürlich auch das Verletzungsrisiko steigt. Wenn im MTB Rennen die Steine im Rock-Garden immer höher und die Abfahrten immer steiler werden und gleichzeitig immer bessere Räder höhere Geschwindigkeiten zulassen, steigt natürlich auch das Risiko für die Sportler.
  • Winterspiele sind gefährlicher als Sommerspiele. Das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache, auf Eis und Schnee ist es nun mal glatt.
  • Sehr auffallend ist das generell stark erhöhte Verletzungsrisiko für Sportler aus Afrika. Woran genau das liegt und wie man dem entgegenwirken kann ist etwas, was sich das IOC sehr genau anschauen muss. 
  • Darüber hinaus können die Daten z.B. dazu verwendet werden Regeländerungen in einzelnen Sportarten anzustoßen oder zu kontrollieren. 
  • Oder man kann Informationen darüber gewinnen, ob es Mängel an den Sportanlagen gab.
Eines der besten Mittel, nicht nur für Radsportler, um Verletzungsrisiken zu minimieren ist ein gutes Coretraining. Das Oslo Sports Trauma Research Center hat im Auftrag des IOC eine App entwickelt mit den wichtigsten Ausgleichsübungen für alle möglichen Sportarten. Die kostenlose App heißt Get Set und es gibt sowohl eine iOS als auch eine Android Version.

Der nächste Dozent war ebenfalls vom Oslo Sports Trauma Research Center. Dr. Håvard Moksnes hat über "Practical Aspects of Sports Physiotherapie in Competition" gesprochen. Der Vortrag war sicher ganz interessant. Da Herr Moksnes viel zu leise gesprochen und sich in den nicht vorhandenen Bart genuschelt hat, habe ich nicht alles verstanden. Es ging darum, wie Sportler nach Verletzungen am besten zurückkommen. Eine wichtige Aussage war, dass man nicht zu sehr auf die Wissenschaft vertrauen darf, da der Umgang mit Sportlern in erster Linie auf praktischen Erfahrungen beruht. Die Sportwissenschaft ist zwar eine wichtige, aber trotzdem nur eine Information unter vielen, die man berücksichtigen sollte. Individuen sind nun mal individuell und die in einer Studie als effizient bewertete Methode kann für den einzelnen Sportler unpassend sein. Oder auch umgekehrt. Wo wir wieder bei dem Placebo Effekt der oben aufgezählten Regenerationsmethoden sind.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit "Juristische Aspekte der Sportbetreuung". Prof. Dr. Dr. Heiko Striegel ist nicht nur Sportmediziner sondern auch Jurist und hat einen sehr interessanten Vortrag über die Fallstricke gehalten, die der tägliche Umgang mit Hochleistungssportlern bereithält. Hier allen Parteien, den Sportlern, Trainern, der Vereinsführung, Beratern, der Presse und den Fans gerecht zu werden und dabei die ärztliche Sorgfalts- und Schweigepflicht zu beachten ist eine echte Herausforderung. Eine wichtige Komponente dabei ist, dass Ärzte ihre Unabhängigkeit wahren und nicht als Angestellte von Sportvereinen arbeiten sollten. Als freiberufliche Dienstleister, die nur einen Teil ihres Einkommens aus der Tätigkeit in einem Sportverein beziehen, fällt es sehr viel leichter einem eventuellen Druck (Doping, Fit-Spritzen, Gefälligkeitsgutachten) standzuhalten. 

Der für mich interessanteste Teil kam ganz am Schluss. Der Performance Manager / Trainer / sportliche Leiter des Teams Lotto NL Jumbo, Dr. MSc Louis Delahaije sprach über "Le Tour, physiological and Logistik aspects of the race preparation". Im Prinzip habe ich wenig Neues gehört. Wer dem Radsport folgt, dem ist der Aufwand und die Leistung, die die Fahrer und Betreuer vor und während der Tour erbringen nicht unbekannt. Das alles aber aus erster Hand zu hören, gemischt mit der einen oder anderen Anekdote war super. Was ich mir notiert habe:
  • Die Tour ist ein Recovery-Game
  • Es braucht einen hohen Power Output für die Zeitfahren und die Berge
  • Rennentscheidend ist aber die kurzfristige Spitzenpower um die Attacken mitgehen zu können 
  • Lotto NL Jumbo arbeitet mit einem Downhill Coach, Oscar Saiz (YouTube Video mit Giant Shimano)
  • Ein Fehler in der Tour Vorbereitung vieler Fahrer ist laut Delahije ein zu großes Gewicht auf Intensität und zu wenig Umfang. Der Umfang ist wichtig um die Erholungsfähigkeit zu verbessern. Erfolgreiche Fahrer haben 34 bis 38 Tausend Jahreskilometer.
  • Höhentraining, und zwar das echte, LHTH
  • Die Fahrer sind in der Regel so effizient, das sie vergleichsweise wenig Kalorien zu sich nehmen müssen und ohne Probleme ihr Gewicht halten können
  • Lotto NL Jumbo hat keinen Küchen-LKW wie andere Teams sondern bekommt das Essen vorgefertigt aus Holland geliefert. Das muss dann nur noch aufgewärmt werden. Im Vorhinein kann dann genau geplant werden wann was gegessen wird.  Qualitäts- und Hygiene Probleme lassen sich so ausschließen oder zumindest auf ein Minimum reduzieren.
  • Neben den zwei Matratzen-Jungs (Marginal Gains) gibt es auch zwei Personen die die Zimmer der Fahrer reinigen. Bevor diese einziehen wohlgemerkt, um alle eventuellen Bakterien zu beseitigen. Nichts ist schlimmer während der Tour als eine Magendarm Grippe.
  • Zu Kraft Training: Es gibt Responder und Non-Respondier, muss man herausfinden.


Alles in allem ein kurzweiliger und sehr interessanter Tag. Die Organisation war, wie nicht anders erwartet in Luxembourg, ohne Fehl und Tadel. Die Location in der Coque war perfekt, das Catering in der Frühstücks- und Mittagspause sehr gut. In den Pausen gab es Gelegenheit zum Austausch mit dem ein oder anderen Bekannten oder auch mit den Ausstellern von Produkten aus dem Physio und Sportmedizinischen Bereich. Ich hatte ein ganz interessanten Gespräch über Elektronische Muskel Stimulation und den Unterschied zwischen den teuren Compex Geräten und den günstigen Amazon Dingern. Vielleicht ergibt sich daraus mehr über das ich dann hier berichten kann. 

Die Sportmedica findet alle drei Jahre statt, die nächste ist also 2019.

Links:
Sportmedica Homepage / Facebook

1 Kommentar:

  1. Sehr interessant, vielen Dank für die kompakte und informative Zusammenfassung!
    Ich fasse die Zusammenfassung für mich zusammen:
    - lecker essen (Regeneration)
    - Afrikaner: learn to play ;-)
    - mehr Umfang ist gut (falls man mal die TdF fahren möchte, oder, realistischer: Tour Transalp ^^)
    - Krafttraining: testen ob ich Responder oder non Responder bin

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