Sonntag, 19. Juli 2015

Engadin Rad Marathon


Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und so fand ich mich nach Trois Ballons und dem GFNY Ventoux am vergangenen Sonntag im ersten Startblock der Jubilämsausgabe (Nummer 10) des Engadin Radmarathons wieder.

Der erste Startblock, da wären wir auch gleich bei einer Besonderheit im Engadin. Abhängig von der angegebenen Zielzeit wird man in einen Startblock eingeteilt. Die Schnelleren im ersten, die Gemütlicheren in Block 2, 3 oder 4. Für den ersten Block läuft die Zeit ab Startschuss, für die anderen ab Überfahren der Startlinie.

Eine weitere Besonderheit ist, dass es direkt vom Start in den ersten Pass, den Ofenpass geht. Trotz erstem Startblock (ich stand recht weit hinten) hatte ich so nie eine Chance die Spitze des Rennens zu sehen. Um Punkt sieben Uhr ging es los. Der Wetterbericht versprach allerbeste Bedingungen. Die Temperatur am Start betrug knappe 10 Grad, auf den ersten Pässen etwas darunter. Ärmlinge, Windlatz und Weste waren genug an extra Kleidung. Ohne Weste wäre es auch gegangen, aber in den Bergen weiss man ja nie.

Auf den ersten Kilometern des Ofenpasses konnte ich noch eine ganze Reihe von Fahrern überholen und Positionen gut machen. Dabei habe ich immer versucht nicht zu überziehen und mich nicht allzu weit von meiner FTP Schwelle zu entfernen. Nicht zu schnell starten! Das war ja eine der Lehren aus den Vogesen und der Provence. Vorne waren etwa 30 Fahrer, danach kam eine größere Gruppe mit vielleicht fünfzig Fahrerinnen und Fahrerern.

Eines der Highlights war die Durchfahrt des Munt-la-Schera-Tunnel  und die Passage über die folgende 130 Meter hohe Staumauer Punt dal Gall in Italien. Danach ging es in echtem Renntempo entlang des Lago di Livigno und nach Livigno hinauf zum Forcolapass. Inzwischen wieder in der Schweiz kam nach kurzer Abfahrt der Berninapass bevor es ganze fünfzig Kilometer abwärts bis nach Zernez ging, dem Start und Zielort. Für die Fahrer der kurzen Strecke (115km) war der Marathon dort beendet, die Fahrer der lange Strecke hatte noch zwei Hammer Berge zu meistern.

Nach Zernez war unsere Gruppe auf einen Schlag nur noch halb so groß und mit vielleicht 20 Fahrern haben wir den Flüelapass in Angriff genommen. Ich konnte einen erstaunlich guten Rhythmus fahren und bin mit den Besten unserer Gruppe bis etwa zur Hälfte gekommen. Dann wurde es etwas zu schnell oder ich zu müde oder vielleicht auch beides zusammen und mit dem Wissen, dass die schwierigste Prüfung erst noch kommen sollte, habe ich die kleine Gruppe ziehen lassen. Nach Davos sind wir zu dritt in vollem Tempo gekreiselt und konnten drei Fahrer vor uns auffahren. Zu sechst ging es dann immer noch voll Gas weiter bis zum Albula.

Von Fillsur aus, dem tiefsten Punkt des Engadin Radmarathons (1000m) geht es über 24 km hinauf bis auf 2315m, teilweise mit zweistelligen Steigungsprozenten. Das ist schon mal 'ne Hausnummer. Und es war wirklich schwer, auch weil das Temperatur inzwischen bei fast 30° angelangt war. Durch die Tunnel und Galerien hatte ich einige GPS Aussetzer und war mir daher nicht sicher, ob die Kilometer auf dem Radcomputer stimmen und wie weit es noch ist. Kilometer Angaben wie in Frankreich auf den Kilometersteinen waren Fehlanzeige, aber vielleicht war das auch gut so. So hatte ich wenigsten ab und an die Illusion, dass es nach der nächsten Kurve vorbei ist. Nach 90 Minuten war ich endlich oben, ein kurzer Stopp an der Verpflegungsstelle und dann die rauschende Abfahrt hinunter nach la Plunt und dann noch mal 20 km bis nach Zernez.

Den Albula bin ich alleine gefahren und auch die 30 km vom Gipfel bis ins Ziel habe ich in bester Verfolgermanier solo zurückgelegt. Nach der Schinderei am Albula ging das noch mal erstaunlich gut. Das Stück von La Punt bis Zernez sind wir ja zweimal gefahren und alleine war ich gut 90 Sekunden schneller als am Ende der ersten Runde mit dem Feld. Das hat für eine Strava Top 10 Platzierung gereicht (von 1142) !

Am Ende war ich 35., 13. bei den Masters und hatte rund 45 Minuten Rückstand auf den Sieger Helmut Trettwer. Hier geht es zu den Ergebnissen.

Was sonst noch zu erwähnen ist und Lessons learned:
  • Man sollte Bidons mitnehmen, die man getrost gegen andere Flaschen eintauschen kann. Am Albulapass haben mich freundliche Menschen mit vollen Flaschen versorgt. Das fand ich sehr nett und die Cola hat mir auch wirklich geholfen. Dankeschön!
  • Wenn wirklich, wirklich kein Regen gemeldet ist, braucht man keine Regenjacke! Besser am Anfang und in der ersten Abfahrt in bisschen frieren, als nachher nicht mehr wissen wohin mit dem ganzen Zeug.
  • Betreuer am Rand sind ein echter Vorteil, es geht aber auch ohne. Wie ich gelesen habe, hat auch Stefan Kirchmair zur Verpflegung angehalten.
  • Der Engadin Radmarathon ist prima organisiert, teilweise sind die Straßen voll gesperrt, teilweise fährt man aber auch im ganz normalen Verkehr.
  • Die Einteilung der Startblöcke aufgrund der gemeldeten Zeiten fand ich klasse.
  • Wenn man die Landschaft genießen möchte, sollte man alleine fahren, ohne Wettbewerb. Ich kann mich mehr an die Hinterräder und Trikots der anderen Fahrer erinnern als an die Landschaft, von der ich erstaunlich wenig mitbekommen habe. Obwohl, die Eisenbahnromantik am Albulapass (Roter Zug, kühne Brücken, Tunnel) habe ich noch wahrgenommen.
  • Abfahrten in den Bergen sind echt cool.
  • Ein Wattmesser und eine gute Einteilung der Kräfte sind das A und O bei einem Radmarathon, insbesondere in den Bergen.
  • Ich hatte die Gelegenheit einen der Stars der Szene,  Stefan Kirchmair kennenzulernen. Sehr sympathisch.
  • Gewohnt haben wir in der Jugendherberge in Scoul. Sehr zu empfehlen, einfach, neu, sauber, gute Betten, hervorragendes Essen, Preis o.k. (für Schweizer Verhältnisse).
Bilder gibt es so gut wie keine, im Rennen bin ich nicht mehr in der Lage die Fotomaschine aus der Trikottasche zu angeln. Start muss reichen:



Im nächsten Blogpost werde ich einen genauen Blick auf die Daten werfen und erklären, warum "Radfahren nach Zahlen" durchaus sinnvoll ist.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen