Mittwoch, 4. Oktober 2017

Real Talent


Vielleicht kennt ihr die Podcast Serie "Real Talent" von Phil Gaimon, dem ehemaligen Cannondale-Drapac Profi, genau, der mit dem "Worst Retirement Ever". In "Real Talent" redet er mit Profis über das Leben im Radsportzirkus, ihren Werdegang und alles Mögliche und Unmögliche rund um den Radsport. Die Gemeinsamkeit seiner Gäste besteht darin, dass alle, im Gegensatz zu Gaimon, echtes Talent besitzen. Real Talent eben. 

Am vergangenen Wochenende habe ich meine Saison mit "Real Talent" beendet. Nein, ich bin nicht mit dem Podcast im Ohr trainieren gefahren, sondern habe zusammen mit Hannah Ludwig an einem Paarzeitfahren in Belgien teilgenommen. Ein letztes Hurra bevor endlich die Off-Season starten konnte. Das echte Talent in dem Team war natürlich nicht ich.

Das Paarzeitfahren "Gentlemen du Vélodrome" fand in Rochefort in Belgien auf einer welligen 50 km Runde mit einer perfekten Mischung aus technischen Passagen, kurzen Anstiegen und High Speed Strecken statt. Gentlemen Race ist dabei der übliche Ausdruck für ein Paarzeitfahren, bedeutet aber nicht, dass nur Männer am Start stehen dürfen. Tatsächlich fanden sich aber nur zwei Frauen unter den etwa 100 Teilnehmern. Am Ende also doch eine fast 100% GentleMEN Veranstaltung. Ziel des Rennens war auf der offenen 400m Asphalt-Radrennbahn in Rochefort, daher "Gentlemen du Vélodrome". Die Strecke war an den Kreuzungen und Abbiegungen nach links durch Streckenposten abgesichert. Abzweigungen nach rechts wurden nur durch Streckenpfeile angezeigt und tatsächlich habe ich die ersten beiden Abbiegungen fast verpasst. Ansonsten wurde im normalen Verkehr gefahren, was aber kein Problem darstellte, es waren nur wenige Autos unterwegs. Das Paarzeitfahren fand bereits zum elften Mal statt und ist eine Cyclosportif-Veranstaltung. In Deutschland würde man das als Jedermann-Rennen bezeichnen. Das Startgeld betrug 30 Euro pro Team. Dafür gab es eine Zeitmessung mit Transponder, vier Getränkegutscheine, kostenlosen, hausgebackenen Kuchen im Ziel und eine überaus entspannte Atmosphäre. So wurde die Zeitmessanlage am Start erst fünf Minuten vor dem ersten Start aufgestellt. In Deutschland undenkbar. Trotzdem (oder gerade deshalb) hat alles prima funktioniert und es gab im Ziel sogar einen Bildschirm mit Live-Ergebnissen. (Da stellt sich die Frage, warum sowas nicht bei einer DM im Zeitfahren funktioniert.)

Bei diesem nicht ganz alltäglichen Rennen bin ich mit einer nicht ganz alltäglichen Partnerin gestartet. Hannah Ludwig fährt für den RSC Stahlross Wittlich und ist einer der besten, wenn nicht die Beste deutsche Nachwuchsfahrerin. Erste Plätze in der Rose Rangliste und in der Bundesliga Gesamtwertung, Vize-DM Titel auf der Straße und im Zeitfahren, ein fünfter Platz bei der EM und ein vierter Platz bei der WM im Zeitfahren, dazu diverse Siege und reihenweise Platzierungen sprechen für sich. All das im ersten U19 Jahr wohlgemerkt. Ich war wirklich gespannt wie das Rennen laufen würde, besonders da wir noch nie zuvor zusammen gefahren sind. Wir haben das Rennen mit normalen Straßenrädern in Angriff genommen und uns aufgrund des strömenden Regens selbst das Warmfahren geschenkt. Unsere anvisierte Arbeitsteilung war recht einfach: Hannah sollte an den Ansteigen vorne fahren, ich bergab und auf den Flachstücken. 

Der erste Anstieg wartete bei etwa 15 km auf uns, bis dahin war es an mir vorne zu fahren. Ich versuchte etwa 300 Watt zu halten und möglichst gleichmäßig zu fahren, aber natürlich ist man am Anfang immer etwas schneller. Trotzdem hörte ich nie das Kommando langsamer zu fahren, Hannah klebte förmlich an meinem Hinterrad. An der ersten Welle übernahm sie die Führung und es war keinen Schlag langsamer, als wenn ich weiter vorne gefahren wäre, eher im Gegenteil. Spätestens da war klar, dass es kein einfacher Tag werden würde und mein Saisonabschluss nochmal nach einem "All-In" verlangen würde.

Bei der vierzig Kilometer Marke tauchten in einiger Entfernung endlich die vor uns gestarteten Brüder Thomas und Thibault Garnier auf, ein U23 und ein Jugendfahrer. Die Beiden hatten am Start wirklich gut ausgesehen, Zeitfahrräder, Aeroeinteiler und -Helme. Echte Rennfahrer. Das gab nochmal extra Motivation für die letzten Kilometer und kurz vor dem Ziel konnten wir vorbei rauschen.

In der Endabrechnung reichte es für einen Sieg in der Kategorie E (Mixed, Damen, <17 Durchschnittsalter) und einen vierten Platz in der Tageswertung (Ergebnis). Und all das ohne Zeitfahr-Schnick-Schnack. Für die 50 Kilometer benötigten wir 1:16,33, das entspricht einem Schnitt von 38,2 km/h und einer Durchschnittsleistung von 279 (Boris) bzw. 214 Watt (Hannah)  und einer NP von 298 bzw. 233 Watt. Mein Durchschnittspuls betrug 179, der von Hannah 168.  
Im Ziel hatten wir beide unsere Möglichkeiten ausgeschöpft, wie es in einem Paarzeitfahren ja auch sein soll. Unterwegs haben wir prima harmoniert, nie musste einer für den anderen langsam machen oder Tempo rausnehmen. Absolute Leistungsunterschiede konnten wir einfach über die Länge der Führungen ausgleichen. Das hat wirklich Spass gemacht. Ich bin gespannt wie es für Hannah 2018 weitergeht und drücke die Daumen! #GirlPower #RealTalent





Links:
Vorher auf unterlenker.com zu Phil Gaimon:
Hannah Ludwig bei Rad-Net

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