Sonntag, 26. April 2015

Cutting Edge (Update)

Vor einigen Tagen habe ich Post aus den USA bekommen. Cutting Edge Technology! Das mobile, nicht invasive Laktat Messgerät von BSX Insight.


Laktat ist ein Stoffwechsel Abbauprodukt anhand dessen Konzentration im Blut verschiedene Zustände der Leistungsbereitstellung gemessen werden können. Fährt man gemütliches Grundlagenausdauer Tempo ist der Pegel sehr niedrig. Fährt man schneller, produziert der Körper mehr Laktat. Irgendwann wird das Laktat schneller auf- als abgebaut. Der Punkt, an dem sich Auf- und Abbau die Waage halten, wird als Laktat Threshold bezeichnet. Kennt man diesen Punkt, kann man die verschiedenen Trainingszonen ableiten und gezielt trainieren.

Der BSX Insight Sensor misst dabei nicht direkt das Laktat, sondern die Sauerstoffsättigung der Muskulatur. Bei niedrigen Belastungen ist dieser Wert hoch, da die Muskulatur wenig Sauerstoff verbraucht. Mit zunehmender Belastung steigt der Sauerstoffverbrauch der Muskeln. Die Sättigung nimmt ab, zunächst wenig, später sehr stark. Laktat verhält sich umgekehrt. Bei niedrigen Belastungen ist es niedrig und steigt bei höheren immer stärker an. Man könnte sagen, dass Sauerstoffsättigung und Laktat negativ korrelieren. Sehr viel genauer wird das in diesem Blogpost von BSX Insight beschrieben.

Ich habe über dieses Wunderwerk der Sporttechnologie schon mal hier geschrieben. Damals ist die Kickstarter Kampagne gelaufen. Bis ich mich endlich entschieden hatte zu ordern, war die Frist abgelaufen. Im Januar konnte ich der Versuchung dann nicht mehr widerstehen und habe eine Bestellung aufgegeben. Vor einigen Tagen kam dann Post aus der USA.

Unboxing

Die Kiste enthält den
  • Sensor, 
  • einen Kompressions-Sleeve, 
  • eine Dockingstation und 
  • ein USB Kabel. 
Notwendig ist ausserdem
  • ein iPhone oder ein Android Gerät
  • ein Pulsgurt (ANT+)
  • ein Wattmessgerät (ANT+)
  • eine Rolle, idealerweise mit elektronisch gesteuertem und definierbarem Widerstand
Ich habe Device Nummer 899. Es gibt vier Versionen des Gerätes, die sich durch den Funktionsumfang und den Preis unterscheiden. Der Funktionsumfang wird dabei m.E. nur durch die Software definiert. Ich habe die Vermutung, dass die Hardware in allen Fällen identisch ist.
  • Es gibt eine Laufversion für  299.99 USD,
  • eine Radversion für 369.99 USD und 
  • eine Multisportversion für 419.99 USD, die beides, Rad und Laufen kann. 
Die Geräte können immer nur von einem Sportler verwendet werden. Für Trainer gab es während der Kickstarter Kampagne eine spezielle Version die mehrere Profile handhaben konnte, aktuell aber scheinbar nicht zu haben ist.

Der Sensor selber misst lediglich die Daten, die Steuerung passiert über die iOS oder Android App, die Auswertung der Daten und Berechnung der Werte auf dem BSX Server. Dazu muss man selbstredend einen Account bei BSX anlegen, ein Device kann einem Account immer nur einmal zugeordnet werden. Das bedeutet, dass ich meinen Sensor zwar verkaufen kann und der Käufer ihn ohne Einschränkungen nutzen kann, ich ihn aber nicht ein zweites Mal meinem eigenen Account zuordnen kann.

Neben der Bestimmung des Laktat Thresholds kann der Sensor auch für eine kontinuierliche Messung verwendet werden. Diese Funktion ist derzeit allerdings noch nicht freigeschaltet. Auch der Download der bei der Messung generierten Daten in einer CSV Datei ist noch nicht möglich. Beides ist für die nächste Zukunft versprochen.






1. Versuch auf der Bahn

Der Test zur Bestimmung der Trainingszonen wird als klassischer Stufentest gefahren. Dabei ist es von entscheidender Wichtigkeit die vorgegebenen Parameter genau einzuhalten. Ein Trainer mit elektronisch gesteuertem Widerstand ist dafür ideal. Es geht auch auf einem Trainer mit manueller Widerstands Einstellung, allerdings ist es dann recht schwierig und verlangt viel Erfahrung die geforderte Wattzahl genau zu treffen.

Ich habe meinen ersten Versuch auf der Bahn unternommen. Der Sensor in der Woche vor dem Bahnlehrgang in Friesenheim angekommen und natürlich wollte ich das so schnell wie möglich probieren. Also bin ich am Samstag morgen, als alle andren noch beim Frühstück waren mit meinem Straßenrad auf die Bahn und bin den Test gefahren. Angefangen mit 3 Minuten und 100 Watt, dann 3 Minuten mit 140 und alle 3 Minuten 20 Watt mehr:

140/160/180/200/220/240/260/280/300/320/340/360 ..

Mir ist es auch recht gut gelungen die Leistung kontinuierlich zu steigern, was durch die Kurven und den Wind auf der offenen Bahn gar nicht so einfach ist. Aber vermutlich waren die Schwankungen dann doch zu starke und bei der Berechnung der Werte gab die App einen Fehler aus. Ob dieser Fehler tatsächlich auf dem nicht eingehaltenen Testprotokoll beruht, darauf dass ich in einem Zustand von äußerstem Laktat-Überschuss zu früh den "Done" Button gedrückt habe oder auf einem anderen Fehler, lässt sich nicht mehr bestimmen. Nachdem ich den Device mit dem Rechner verbunden hatte, wurden zwar Daten heruntergeladen, die in meinem Konto allerdings nicht erschienen.

Hier kann man gut sehen, dass die Leistungskurve ansteigt, aber keine "Sprünge" hat, wie man es bei einem Stufentest normalerweise erwartet.


Das ist natürlich mehr als doof. Da rackert man sich 40 Minuten ab und es war für die Katz!

2. Versuch auf dem Trainer

Also ein weiterer Versuch auf dem Trainer. Ich habe einen Tax Blue Motion verwendet. Der Widerstand ist hier einfach in der Weise geregelt, dass der Abstand zwischen zwei Magneten verringert wird. Wenn man in der gleichen Stufe schneller fährt, ist die Leistung höher. Wie auf der Bahn kommt es also auch hier darauf an, die Leistungsvorgabe selber möglichst genau zu treffen. Auf dem Trainer ist es allerdings einfacher wie in der "freien Wildbahn". 

Um den Test durchzuführen benötigt man die App. Da ich die Multisport Variante habe, kann ich zwischen Radfahren und Laufen wählen. Danach muss man einige Angaben zum Leistungsvermögen machen, worauf die Software den Test berechnet und auch die FTP Schwelle misst.


Danach koppelt man die Software mit dem Sensor (via Bluetooth) und mit dem Herzfrequenzgurt und dem Powermeter. Letztere funken via ANT+, was das iPhone ja nicht kann, daher werden deren Signale von dem Sensor aufgenommen and die Software auf dem iPhone weitergeleitet. Das ist auch so vorgesehen, Bluetooth HR und Power funktionieren nicht.

Danach geht es los. Die App gibt die Wattzahl und die Zeit vor und zeigt die Herzfrequenz an. All drei Minuten wird es schneller bis man wirklich nicht mehr kann. Danach berechnet die Software die Schwelle und basierend darauf die Trainingsbereiche, und zwar sowohl für Puls wie auch für Leistungswerte.


An der Kurve sieht man allerdings keinen Großen Unterschied zu der auf der Bahn, sieht eigentlich genauso aus. Ich könnte jetzt noch in Golden Cheetah ein Intervall auf jeden drei Minuten Zeitraum legen und die Durchschnittsleistungen vergleichen, aber das ist mir für den Moment zu viel Arbeit.

BSX sieht sechs Leistungszonen und fünf Pulszonen vor. Man kann jeweils weitere hinzufügen und auch die Untergrenze in Prozent der Schwelle verändern.


In meinem Fall sieht das Ergebnis dann so aus:


Die Schwelle iss höher als bei dem 20 Minuten Test den ich vor einiger Zeit gefahren bin. Das kann natürlich auch einfach daran liegen, dass ich inzwischen mehr Form habe oder dass durch den den zusätzlichen Parameter Sauerstoffsättigung / Laktat eine genauere Messung stattgefunden hat, die die "richtige" Schwelle nicht nur geschätzt, sondern genau bestimmt hat. Hier wird erklärt was die verschiedenen angezeigten Werte bedeuten.

Die Daten kann man noch nicht exportieren. Die Funktion steht noch nicht zur Verfügung. Der übrigens sehr schnelle und freundliche BSX Support hat mir eine Grafik meines Tests zur Verfügung gestellt.


Fazit

Mit dem BSX Isight hat man die Möglichkeit eine Leistungsdiagnostik zur Bestimmung des anaeroben Schwelle leicht selber und ohne jede Hilfe durchzuführen. Dazu bekommt man kontinuierliche Daten und nicht nur einen Wert am Ende der Stufe, wenn der Laborant Blut aus dem Ohr gequetscht hat. Grösste Vorteil ist aber, dass man den test alle sechs bis acht Wochen machen kann, ohne jedes mal einen Termin abstimmen und irgendwohin fahren zu müssen und vor allem, jedes Mal eine gute Stange Geld bezahlen zu müssen. 

Vielleicht werde ich mal noch einen Test bei den Profis von der Sportmedizin in Saarbrücken machen um die Werte des BSX Isight und auch die der Infocrank zu verifizieren.

Schade ist, dass noch nicht alle Funktionen des BSX Insight Sensors zu Verfügung stehen. Mich interessiert die Messung im "Daily Modus", also nicht nur die Verwendung im Stufentest. Vielleicht ist es mal ganz lehrreich zu sehen, wie sich das Laktat in einem Rennen entwickelt. Aber das soll ja, genauso wie der Datenexport bald kommen. Was auch immer bald bedeutet.

Es bleibt auf jeden fall spannend und ich werde vom weiteren Fortgang berichten.

Update 27.04.2015

Der freundliche BSX Insight Support hat mir heute die Leistungs-Protokolle der beiden Tests zur Verfügung gestellt. Die Grafiken zeigen die tatsächliche Leistung in Watt (blaue Linie) und die vorgegebenen Werte der jeweiligen Stufe (rote Balken). Man sieht deutlich, dass die Leistung auf der Bahn viel zu viel schwankt und daher keine Auswertung möglich war.

Auf dem Trainer war es schon sehr viel besser und mit etwas Übung sollte es gelingen das noch gleichmäßiger hinzubekommen. Ein programmierbarer Trainer würde die Sache auf jeden Fall bedeutend einfacher machen und ist insbesondere Anfängern zu empfehlen.



Kommentare:

  1. Danke für Deinen Bericht, einer der wenigen "echten" Erfahrungsberichte von "echten" Kunden.

    Konntest Du bisher weitere Erfahrungen sammeln? Sind die Ergebnisse weiterhin plausibel oder gibt es von Test zu Test große Streuungen?

    Überlege mir auch die Anschaffung, da ich keine wirklich gute Strecke für den 20 min Test habe. Da wäre so etwas auf der Rolle schon besser.

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    1. Hallo Stefan,

      in den nächsten Tagen will ich einen weiteren Test machen. Bisher waren es nur zwei. So ein Test muss ja auch immer in das Training passen. Ich denke schon das die Werte genau sind, da habe ich wenig Bedenken. Die Ergebnisse waren der beiden Tests waren plausibel zueinander.

      Ich werde irgendwann mal eine Leistungsdiagnostik an der Uni in Saarbrücken machen und die BSX Ergebnisse benchmarken. Bisher steht leider die Funktion zur kontinuierlichen Messung immer noch nicht zur Verfügung, auch der Export der Daten nach einem Test ist noch nicht ausgerollt. Aktuell bekommt man also "nur" die fertigen Werte der Schwelle und davon abgeleitet die Trainingsbereiche.

      Beste Grüße

      Boris

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    2. Hallo Stefan,

      du kannst den 20 Minuten Test aber auch auf der Rolle fahren. Von Sufferfest gibt es ein ganz gutes Video, das die Sache erleichtert.

      Beste Grüße

      Boris

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  2. Während ich keine Probleme habe, 3 bis 4 Stunden auf der Rolle zu sitzen (mit den richtigen Filmen), das mit dem 20 min "All-out" funktioniert bei mir mental nicht. VO2max Intervalle oder 90 min SST @90% FTP, alles kein Problem.

    Der Vorteil an einem Stufentest für mich ist, dass die "unangenehme" Phase kleiner 10 min ist. Das ist mental auf der Rolle machbar. Zudem bekommt man vielleicht über die Messmethode auch einen besseren Schätzer für die FTP. Persönlich glaube ich ja, dass 0.95 x CP20 zu optimistisch ist.

    Habe mir jetzt so ein Teil gekauft, bin nur leider gerade etwas erkältet, weswegen der erste Test warten muss..

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    1. Na dann viel "Spass" :-)
      Du kannst ja mal erzählen wie es gelaufen ist.

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  3. FTP ist wirklich "spot on" mit meinem aktuellen 0.95 x CP20 Straßenwert.

    Sehr nervig war das anfängliche Verbinden der Geräte. Hat fast eine halbe Stunde gedauert. Immer wieder die Verbindung verloren. Zudem: ich kontrolliere meinen Kickr über den Leistungsmesser am Rad. Ich habe also zwei funkende LM. Die App (bei mir Android) läßt aber einen nicht auswählen. Musste also den Kickr immer wieder aus- und einstecken. Mit den ganzen Verbindungsabbrüchen wahnsinnig nervig.

    Der Test an sich ist wirklich "angenehmer", wie ein 20 min Test. Die letzten 6 Minuten sind halt hart. Aber das kenne ich von früheren Laktattests.

    Etwas irritiert bin ich bei der Aerobic Threshold (LT1). Dies scheint doch etwas anderes zu sein, wie z.B. Friel beschreibt. Bei Dir ist sie ja auch recht hoch, also weit weg von den 60-80% FTP, wie sie Friel verortet.

    Aber anscheinend schwirren da wirklich viele verschiedene Interpretationen rum. Weiß jetzt nicht so genau, was ich damit anfangen kann. Wäre so die obere Sweet Spot Training Grenze.

    Na ja, so ganz reif erscheint mir das alles noch nicht so. Vielleicht ist aber auch nur die Android App absoluter Schrott.

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    1. Das mit der Verbindung ist in der Tat so eine Sache, vl. hast du es schon gelesen, ich musste drei Tests in einer Woche machen bis alles geklappt hatte!

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