Sonntag, 30. April 2017

Ein Verteilungskampf

Gerade werden mal wieder besonders verbissen Argumente für und gegen das elektrifizierte Geländefahrrad ausgetauscht, das E-MTB. Vor einigen Tagen hat Ralf Neukirch im Spiegel Online Fahrrad Blog "Radel verpflichtet" über seine Abneigung gegen E-MTB's geschrieben. Er erzählt wie befriedigend es ist, wenn man sich einen Berg ganz alleine aus eigener Kraft hinauf kämpft und wie großartig man sich fühlt, wenn man die entsetzlichen Leiden hinter sich hat. Und wie deprimierend es ist, wenn man dabei von schwatzenden E-Bikern überholt wird, die ihre Zivilisations-annehmlichkeiten die Berge hoch prügeln und diesen kostbaren Moment des Eins-seins mit der Natur zerstören. Der Artikel wurde verbunden mit derart herabwürdigenden Beschimpfungen von E-MTB Fahrern in meiner Timeline geteilt, dass ich mich doch wundern musste und obwohl mich das Thema selber nicht betrifft ein paar Sätze dazu schreiben möchte.

Die grundsätzliche Missbilligung, die Herr Neukirch beschreibt, kann ich dabei durchaus  nachvollziehen. Es ist in der Tat frustrierend, wenn man hart für ein Ziel gearbeitet hat und andere erreichen das Gleiche viel leichter über eine Abkürzung, egal ob im Beruf oder in der Freizeit. Das schmeckt nach Betrug. Der Wanderer, der einen Berg über schmale Stiege erklommen hat, wird missbilligend auf den MTBer blicken, der den Fahrweg genommen hat. Der MTBer wird dann missbilligend auf dem E-Biker blicken, der sich ja gar nicht richtig angestrengt hat. Der E-Biker wiederum wird sich dem Bike-Park Fahrer überlegen fühlen, der gar nicht selber hoch gefahren ist sondern den Lift genommen hat und alle zusammen belächeln die Touristen, die mit der Seilbahn hoch und runter fahren und in leichten Sommerschuhen auf dem Gipfelplateau spazieren gehen.

Allen gemein ist, dass sie ein Naturerlebnis suchen, dass natürlich umso besser und authentischer ist, desto weniger Menschen da sind. So ist es im Kern ein Verteilungskampf um die endliche Resource der Natur. Der technische Fortschritt erlaubt immer mehr Menschen in vormals nur schwer zugängliche Gebiete vorzudringen. Die Liste ist lang:
  • Bessere Straßen in den Bergen und bessere Autos bedeuten auch mehr Verkehr auf den Passstrassen. 
  • Bessere Funktionskleidung, Schuhe usw. erlauben mehr Menschen Wanderungen auch bei nicht mehr ganz so gutem Wetter
  • Klettersteige ermöglichen vielen Menschen ein alpines Erlebnis, dass vorher echten Alpinisten vorbehalten war.
  • Sesselbahnen bringen Menschen auf Gipfel, deren Aussicht vormals nur Bergsteiger genießen konnten
  • Moderne Full-Suspension Bikes lassen auch relativ ungeübten Fahrern schwierige Downhill-Trails fahren
  • und so weiter und so fort
E-MTB's sind da nur die jüngste Errungenschaft. Es erstaunt mich sehr, wenn nun E-Biker von reinen Muskelkraftfahrern auf's wüste beschimpf werden und ihnen ihre Existenzberechtigung abgesprochen wird. Man muss E-MTBs für sich selber ja nicht gut finden (ich für meinen Teil finde das etwa ziemlichen Käse), aber deshalb ist es noch lange nicht zielführend, eine ganze Gruppe pauschal zu verunglimpfen. Das Gefährliche dabei ist nämlich, dass man ganz schnell selber zu einer beschimpften Gruppe gehören kann, z.B. zu den gedopten Strassenfahrern, zu den Rambo-Radlern in der Stadt, zu den Jedermann-Hanseln, den GCC-Möchtegernrennfahrern, zu den RTF-Touris, zu den arroganten Lizenz-Fahrern oder eben zu den E-Bike-Spacken. Am Ende fahren alle Rad. Die Autofahrer und die Wanderer freut es bestimmt, wenn die Radfahrer sich verkloppen statt konstruktiv zur Lösung der in der Tat bestehenden Probleme beizutragen.

Daniel von Coffee and Chainrings hat sich ebenfalls über den Hass, der E-Bikern entgegenschlägt,  gewundert und darüber geschrieben.

Die beste Devise ist wie so oft: Leben und leben lassen.

Links:
Kampf den E-Bikes in den Bergen, NZZ
Argumente gegen E-MTB Rennen, sehr interessant, bringt gut auf den Punkt worum es beim E MTB geht und worum nicht

Kommentare:

  1. Charakterschwäche. Ganz einfach. 🤙

    Wenn ich lieber einen Berg zu Fuß (Wanderschuhe, Laufschuhe, Sandalen, Barfuß) erklimmen will, weil ICH das möchte (freier Wille und so), dann interessiert es mich nicht ob jemand anderes den Berg mit Seilbahn, E-MTB, 1fach oder oder erklimmt.

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  2. Vollkommen egal. An meinem "Hausberg" wurde ich von einer älteren Dame mit e-rad regelrecht zertreten als sei es Valverde höchstpersönlich... Aber das Ganze mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht und lächeln ihrerseits. ABER mit gegenseitigem Gruß... Natürlich ist es ernüchternd zu sehen, dass ich nicht mit der Leistung eines Motors mithalten kann, aber ich ärgere mich ja auch nicht über Autos und deren übermäßige Leistung.

    Einzig bei e-mtbs sehe ich gefahrenpotentiale,da hier Menschen ohne Fahrtechnik plötzlich andere Geschwindigkeiten fahren und dies vor allem auf Abfahrten und dies könnte die Kluft zwischen Mountainbikern und Wanderern noch größer werden lassen. Aber man bemerke den verwendeten Konjunktiv...

    Ansonsten soll jeder fahren was er möchte,solange er nachher auf der almhütte keine Siegerpose einnimmt. Aber dies habe ich bei diesen Leuten noch nicht gesehen... "awwer... Et gift et er vunn allen Sorten"

    Schönen radsonntag allerseits

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  3. Man siehst diese E-MTB schon in Massen auf dem Saar-Radweg rumfahren, der ja null Höhenmeter hat. Meisten recht untrainierte Leute im mittleren Alter. Heute habe auch ein Kind auf einem E-Bike gesehen. Oft fahren diese auch nebeneinander so das man mit dem Rad kaum überholen kann.
    Mein Vater (80) hat sich nun ein E-bike gekauft - damit er noch mit einem Rad unterwegs sein kann, das finde ich ok - Für mich wäre das nichts. Aber wenn junge untrainierte übergewichtige Menschen damit ihre Unsportlichkeit kompensieren gehört sich so etwas nicht.

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