Montag, 15. März 2021

#AllianzDayOff

Am 14. März 2020 bin ich von Mallorca zurückgekommen. Meinen Radurlaub konnte ich gerade noch so zu Ende bringen. Mein letzter Tag mit dem Leihrad war Freitags, der Flug ging am nächsten Tag. Sonntags mussten die Vermieter die Räder einsammeln und die Bürgersteige wurden hochgeklappt. Wer noch auf der Insel war, musste bis zu seinem Rückflug im Hotel bleiben. Aus die Maus, nix mehr mit Radfahren! Ab dem folgenden Montag, dem 16. März war dann Home-Office angesagt. Wer hätte damals gedacht, dass das ein Jahr dauert und immer noch kein Ende in Sicht ist! Ein Jahr Corona-Pandemie! Nicht wirklich ein Grund zum Feiern (obwohl ich das mit dem Home-Office ja ganz große Klasse finde).

Vor einigen Wochen hat die Allianz allen Mitarbeitern weltweit, in allen Konzerngesellschaften einen Urlaubstag geschenkt. Egal ob in Teilzeit oder mit einem befristeten Vertrag, ob frisch eingestellt oder seit Jahren dabei. Jede:r durfte sich über den #AllianzDayOff freuen, als kleines Dankeschön für den Einsatz im zurückliegenden Jahr.

Mein #AllianzDayOff war heute, zweimal dürft ihr raten was ich gemacht habe: Genau, Rad gefahren bin ich, was auch sonst. Es war kalt, der Wind kräftig, die Sonne hat geschienen und geregnet hat es auch. Der Himmel war dramatisch und die Nussecke in Tawern sehr lecker.


Mein Weg zur Arbeit, damals, vor Corona, morgens rechts, abends links


Schengen! Europa!





Auf Regen folgt Sonnenschein!
Das gilt im übertragenen Sinn auch ganz bestimmt für dieses Corona Ding.

Sonntag, 14. Februar 2021

Haferbrei für Sieger

Eigentlich bin ich ja "Team-Müsli", knusprig muss es sein und am besten mit Schokolade. Allerdings kann so ein richtig gutes Vollkornmüsli schon mal schwer im Magen liegen und ist daher nicht unbedingt die beste Mahlzeit vor einer Radfahrt. Der gute alte Haferbrei aka Porridge ist da schon besser. Die an Schlotzigkeit kaum zu übertreffende Konsistenz stellt den Magen vor deutlich weniger Herausforderungen. Üblicherweise ist Porridge süß, meist irgendwas mit Obst. Das Rezept für "Wout's Champion Oats" in der Rouleur 20.7 hat dann sehr meine Neugierde geweckt. Ein herzhafter Haferbrei! Mit Käse, Gemüsebrühe und einem pouchierten Ei! Ausgefallen und ausgesprochen simpel zur gleichen Zeit. Und wenn Wout van Aert das zum Frühstück isst und damit so schnell fährt, dann mal her damit! 

Zutaten:

  • 50gr zarte Haferflocken
  • 150ml ungesüßte Mandelmilch (ich habe normale Milch genommen)
  • 100ml Wasser
  • 1 Messerspitze Gemüsebrühe (Vorsicht bei der Dosierung, weniger ist mehr!)
  • 1 Pouchiertes Ei (oder ein Spiegelei)
  • Salz und Pfeffer
  • Oregano (ich hatte nur Petersilie zur Hand)
  • 10gr geriebenen Parmesan
  • 1/4 Avocado (ähhh, nicht für mich)
Zubereitung:
  • Wasser und Milch erhitzen bis kurz vor den Siedepunkt
  • Gemüsebrühe unterrühren
  • Haferflocken dazu geben und bei niedriger Hitze und unter gelegentlichem Rühren bis zum Erreichen der Schlotzigkeit garen
  • Währenddessen das Ei pouchieren
  • Das Porridge in eine Schüssel geben
  • Den Parmesan kurz unterrühren, das Ei drauflegen
  • Etwas Salz, Pfeffer und Kräuter darüber
  • Die 1/4 Avocado in dünnen Scheiben dazu (oder auch nicht)
Wie bei Porridge üblich und leicht umzusetzen sind dem persönlichen Geschmack keine Grenzen gesetzt. Ich werde das nächste Mal vielleicht noch etwas Bacon dazu geben. Oder auch einfach nur etwas rohen, kleingeschnittenen Schinken. Oder ... ?



Mir sind schon bei weitem bessere pouchierte Eier gelungen, aber naja, so ist es halt, wenn es drauf ankommt.

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Strava Route Builder mit Personal Heatmap

Strava hat in aller Stille ein neue Funktion für den Route Builder ausgerollt: Die Karte kann jetzt auch die persönliche Heatmap anzeigen, also alle Straßen und Wege, die man selber schon gefahren ist und mit Strava aufgezeichnet hat. Bisher stand nur die Global Heatmap zur Verfügung, die eine gewisse Information über die Beliebtheit von Routen darstellt, mit der eigenen Historie aber wenig zu tun hat. Die persönliche Heatmap eignet sich dahingegen ganz hervorragend zum Entdecken neuer Routen und Wege. Das ähnelt dem Service von Wandrer, bei dem es ja auch darum geht, möglichst viele "neue Kilometer" zu sammeln.

In diesem Print Screen sieht man sehr gut den äußeren Rand der Strecken, die ich von zu Hause aus erreiche und auch die ein oder andere Straße, die ich seit dem Begin meiner Strava Historie 2013 noch nie gefahren bin.


Interessanterweise konnte ich keinerlei Ankündigungen von Strava über die neue Funktionalität finden und kann daher auch nicht sagen, ob es sich um ein Subscriber-only-Feature handelt oder allen Usern zur Verfügung steht und wie weit es schon ausgerollt ist.

Besonders für die Veloviewer "Kachel Sammler" ist die Personal Heatmap im Zusammenhang mit der Google Chrome Extension sicherlich eine nette Ergänzung, um auch noch das letzte Kästchen einzufärben.

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Donnerstag, 24. September 2020

Der Kahle Berg

Vor ziemlich genau sieben Jahren, am 14. September 2013 ist der erste Artikel auf unterlenker.com erschienen. In Le Géant du Provence / An epic battle ging es um den Tag, an dem ich um die Aufnahme in den "Club des Cinglés du Ventoux" gefahren bin. Dazu muss man den kahlen Riesen an einem Tag von allen drei Seiten erklimmen. Mit dem Rad. 157 km, 4700 hm. Eine ganze Menge Typ 2 Spaß, der ein gewisses Maß an Beklopptheit erfordert. Daher Cinglés du Ventoux, die Verrückten vom Ventoux.

Aber egal wie unerbittlich und gnadenlos sich der Ventoux im Moment der Auffahrt gibt, viele Radfahrer kehren immer wieder zurück und suchen die Herausforderung ein weiteres Mal. Wer aber glaubt, eine schnöde Dreifach-Befahrung wäre irgendetwas besonders Verrücktes (es gibt aktuell 15.269 Cinglés!), der wird bei der Lektüre von Der Kahle Berg eines Besseren belehrt. Es gibt nämlich eine vierte Strecke, die ein MTB oder ein Gravelrad erfordert, damit wird man zum Galérien. Dann kann man natürlich jede der drei asphaltierten Straßen zwei mal an einem Tag hochfahren (Bicinglette). Vielleicht versucht man auch innerhalb von 24 Stunden den Berg so oft wie möglich zu bezwingen (derzeitiger Rekord 11 Mal). Oder man nimmt ein Liegerad. Falls man auch eine artistische Begabung hat, kommt auch ein Einrad in Frage! Es scheint, am Ventoux sind dem Vorstellungsvermögen der Radfahrer keine Grenzen gesetzt.

Rund ein Viertel der Absolventen der drei Prüfungen des Club des Cinglés du Ventoux kommen aus den Niederlanden. Damit stellen unsere Nachbarn die stärkste Nation unter den mehrfachen Ventoux-Bezwingern. Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem "Kale Berg" mit der totalen Abwesenheit echter Berge in den Niederlande zu erklären, die vergleichsweise verkehrsgünstige Lage mag ihren Teil dazu beitragen. 

Um die Aktivitäten ihrer Landsleute zu koordinieren, hat sich 2003 die Niederländisch-Belgische Genossenschaft de Kale Berg gegründet. Auf der Homepage des Vereins finden Radfahrer, die des Niederländischen mächtig sind, allerlei Wissenswertes über den windigen Berg in der Provence. Die beiden Gründungsmitglieder der NBG De Kahle Berg Lex Breunings und Willem Janssen Steenberg haben vieles, was sich auf der Homepage findet und zusätzliche Informationen in einem Buch festgehalten. Die inzwischen dreizehnte Auflage ist dieses Jahr im Covadonga Verlag auf Deutsch erschienen. Für alle, die den Ventoux schon gefahren sind, ihn "auf der Liste haben" oder auch nur dem Fernweh nachhängen wollen ist das Der kahle Berg eine ganz große Empfehlung. 

Auf 336 Seiten (plus 32 Seiten Fotostrecke) werden alle Facetten des Ventoux beschrieben. Der Leser erfährt etwas über die Herkunft des Namens, allerlei Interessantes aus der Geschichte des Berges, die unterschiedlichen Angaben zur Höhe, geologische Besonderheiten, die Wälder an den Flanken, die verschiedenen Straßen hinauf und das erstaunlich wechselhafte Klima. Breite Erwähnung findet der unvergessene Tom Simpson und alle anderen Helden der Landstraße. Ein ganzes Kapitel beschäftigt sich mit der Physik des Bergausfahrens. Ein anderes, einschließlich ganz brauchbarer Trainingspläne und Materialtips, der Vorbereitung auf den großen Tag. Empfehlungen zu Touren im Umland und zur kleinen Schwester des Mont Ventoux, der Montagne de Lure wecken Sehnsucht nach einem Trip in die Provence. Den breitesten Raum nehmen aber all die Verrückten ein, die es nicht nur bei einer Befahrung belassen haben, sondern mehrfach, mit den Rad oder in Laufschuhen, den Ventoux bezwungen haben. Zum Ende laden eine ganze Reihe literarische Erwähnungen des Ventoux zum Schmökern ein.

Die Informationen des Buches sind sehr aktuell und entsprechen dem Stand Frühjahr 2020, so findet etwa Nairo Quintanas fabelhafte Bestzeit für die Strecke zwischen Saint-Estève und dem Chalet Reynard von 28:12 im Rahmen der diesjährigen Tour de la Provence Erwähnung.


Das Buch wurde mir von Covadonga als Rezessionsexemplar zugesendet. Die ISBN Nummer ist 978-3-95726-046-8. Das Softcover Buch kostet 19,80 und ist auf Deutsch im Juni 2020 erschienen und ebenfalls als E-Book erhältlich.

A propos Ventoux: The Cycling Podcast hat im August eine Folge für Friends of the Podcast über den Ventoux gebracht. "... this episode looks at the mountain, its stories and its myth." Ebenfalls sehr zu empfehlen: Mont Ventoux: Heat, Wind & Fear

Freitag, 7. August 2020

Auf einen Espresso nach Italien

Radfahren und Kaffee gehören zusammen. Ein Espresso vor der Tour, danach und vor allem zum Kaffeestop dazwischen ist für viele Radsportler Teil des "way of life". Leider passiert es überraschend selten, einen wirklich guten Espresso serviert zu bekommen und interessanterweise stehen Preis und Qualität oftmals in umgekehrtem Verhältnis. Wenn der Blick auf die Karte einen Preis über zwei Euro für die 25ml Kaffee anzeigt, lässt man es am besten gleich bleiben. Zu oft wird ein Getränk aus einem Vollautomaten in dünnen Porzellantassen serviert, der nur durch die Beigabe von viel zu viel Zucker überhaupt erst genießbar wird. 

Meine letzte Radtour während des Urlaubes "in den Bergen" am Reschensee hat mich in das Langtauferer Tal geführt. Die teilweise neu asphaltierte Straße führt über 10 Kilometer vom Ufer des Reschensees auf 1570m bis auf knapp über 1900m hinauf. Nur kurz sind die Steigungsprozente zweistellig, ansonsten lässt sich der Anstieg bei durchschnittlich vier Prozent genießen. Wenn man bis ganz zum Ende der asphaltierten Straße nach Melag fährt, befindet sich rechts hinten auf dem Parkplatz Evi's Hittl. Die Terrasse bietet einen atemberaubenden Blick in das obere Langtauferer Tal und auf die umliegenden Berge. Alpenpanorama Deluxe! Ich wollte nach einem kurzen Fotostopp schon wieder abfahren, entschied mich dann aber doch für einen Kaffeestop. Schnell kam die Bedienung und kurz darauf war aus der Hütte ein "Klock Klock - Brrrrrrrrrrrr" zu hören. Wunderbar! Musik in den Ohren des Kaffeeliebhabers. Das Ausschlagen des Siebträgers und das Geräusch einer Kaffeemühle. Und was soll ich sagen, der Espresso war ziemlich gut. Und der Preis von einem Euro fünfzig hat meine Theorie von Preis und Qualität dann nur bestätigt.

(Ich muss eingestehen, dass ich schon bessere Fotos gemacht habe. Aber naja, müsst ihr mir diesmal einfach glauben, dass es in Melag ein fantastisches Panorama zu sehen gibt!)






Sonntag, 12. Juli 2020

Bikepacker und Popstars

Bald soll es ja wieder so richtig los gehen mit den Radrennen nach der Corona-Pause. Erste Trainingsrennen haben bereits stattgefunden und die Worldtour steht in den Startlöchern, oder besser an der Startlinie, bereit ein Feuerwerk an Rennen abzubrennen. Mailand-Sanremo im August, die Tour im September, der Giro im Oktober, Paris Roubaix am Ende der Saison, die Vuelta soll im November enden (UCI Kalender) und die Weltmeisterschaft findet irgendwann dazwischen statt. Ich bin gespannt, ob das alles so kommen wird oder ob die Pandemie die Pläne wieder zunichte macht. Falls es aber doch funktioniert, ist es vielleicht an der Zeit, sich auf das anstehende Cycling-Binge-Watching vorzubereiten. Für den Anfang empfiehlt sich etwa eine zweieinhalb-stündige Vimeo Video Session mit zwei sehr unterschiedlichen Filmen.

And so we rode

Conor Dunne und Larry Warbasse sind als Profis bei Aqua Blue Sport unter Vertrag, einem irischen Pro Continental Team mit großen Ambitionen. Der irische Meister Conor Dunne, mit über 2m Körpergröße der Hühne des Feldes, soll für den Cycling Podcast von der Tour of Briten berichten und ein Audio Tagebuch führen. Nur das Conor genauso wenig wie sein Teamkollege Larry zur Tour of Britain fahren wird, denn das Team stellt mitten in der Saison seinen Betrieb ein und die beiden Rennfahrer sind von einem auf den anderen Moment ohne Rennprogramm. Schnell entsteht die Idee einer Bikepacking Tour durch die Französischen Seealpen. Über das Equipment und den Detailgrad der Planung werden so manche versierte Bikepacker die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber das, was zählt, machen die Beiden ganz hervorragend: Radfahren und Spaß haben, Abenteuer und Freundschaft erleben. Es ist schön zu sehen, wieviel Spaß die beiden gestandenen Profis bei ihrer "No-Go Tour" haben. Der Film macht Lust ebenfalls zur Satteltasche zu greifen und einfach los zu fahren. 
Der Film kann für 4,44 Euro ausgeliehen oder für 7,72 Euro gekauft werden.

And so we rode from Cycling Podcast Productions Ltd on Vimeo.

In der Cycling Podcast Folge vom 19. Juni gibt es Hintergrund Infos zur Entstehungsgeschichte des Films. Hier entlang.


Popstars in Polen - Fast 900 Kilometer Asphalt

"Popstars in Polen" zeigt echten, unverfälschten Radsport abseits des mondänen Worldtour Zirkus. Für die Rennfahrer der deutschen Continental Mannschaft "Team P&S Metalltechnik" geht es um Etappensiege und darum, bei der Tour of Solidarnosc in Polen die geplante Taktik umzusetzen, Fahrer in Gruppen zu platzieren, bei Sprintankünften den schnellen Mann des Teams zu lancieren und ansonsten auf einen guten Tag zu hoffen. Statt einem Reisebus warten im Ziel Campingstühle auf die Fahrer, Taschen trägt man selber und oft muss improvisiert werden. Das vom Veranstalter vergessene Abendessen wird dann schon mal durch Pizza vom Lieferdienst ersetzt. Die Kamera ist ungewöhnlich nah am Geschehen, bei den Teambesprechungen und der Massage, vor dem Start und im Ziel, und vor allem während des Rennens im Auto. Dieser Film zeigt ungeschminkt was Radsport in den unteren Liegen bedeutet, am Übergang zwischen Amateur- und Profidasein und wie hart und steinig der Weg im Radsport für Fahrer ist, die nicht über die Gene eines Matthieu Van der Poel verfügen. 
Die Gewinne aus dem Film, den es für 6 Euro zu leihen und für 10 zu kaufen gibt, gehen wieder an das Team P&S Metalltechnik für zukünftige Projekte.  

Popstars in Polen - fast 900 Kilometer Asphalt from Sebastian Paddags on Vimeo.

Samstag, 6. Juni 2020

Alles wird gut

Design wird ja oftmals als die Gestaltung der Hülle eines Gegenstandes, die Bestimmung von Farben und Mustern wahrgenommen und damit auf ein Synonym für "gut aussehen" reduziert. Dabei ist Design so viel mehr. In der Wikipedia findet sich diese Definition:

Design beinhaltet eine Vielzahl von Aspekten und geht über die rein äußerliche Form- und Farbgestaltung eines Objekts hinaus ... Insbesondere umfasst es auch die Auseinandersetzung des Designers mit der Funktion eines Objekts sowie mit dessen Interaktion mit einem Benutzer. Im Design-Prozess kann somit unter anderem Einfluss auf die Funktion, Bedienbarkeit und Lebensdauer eines Objekts genommen werden, was im Besonderen beim Software- und Produktdesign relevant ist.

In der Neuen Sammlung ist an einer Stelle zu lesen:

Gestaltung ist nie unschuldig. Ob sie wollen oder nicht: Designer verhalten sich mit der Art, wie sie mit Materialität, Herstellungsbedingungen, Vertriebsformen umgehen, bewusst oder unbewusst immer auch zur gesellschaftlichen Ordnung. Als absichtlicher Gestaltungsprozess unserer Umwelt ist Design nie frei von Verantwortung.

Was es wirklich bedeutet, wenn Designer diese Verantwortung annehmen, freie Hand haben und von der Idee bis zum fertigen Produkt Entscheidungen treffen, habe ich im vergangenen Sommer in München erfahren.

Irgendwann Anfang Juli 2019 bekam ich Post: "ALLES IST GUT. Daher lade ich Euch ganz herzlich zum offiziellen Marken-Launch ein. ... 03.08.19 18:00 Uhr ... München ... Mit dem Lift in den 10. Stock. Dazu Pin-Code ... eingeben ... Anschließend dem roten Faden folgen. Ich freue mich, Sandra."

Nun muss ich vielleicht noch erzählen, wie es überhaupt zu dieser Einladung kam. Im April 2018 habe ich an dieser Stelle über Schönheitsideale geschrieben. Dabei ging es um Instagram Accounts, nach deren Konsum man die Realität der sonntäglichen Clubausfahrt nur schwer erträgt. Einer der genannten Accounts war der von Sandra aka Velo.Addicted. Seit dem haben wir gegenseitig unsere Instagram Posts geliked und 2019 brachte es mich auf die Liste der "Friends & Family", die zum offiziellen Start von Sandras eigener Marke eingeladen wurden. Details wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Irgendetwas mit Radfahren wahrscheinlich, aber was genau und selbst der Name der Marke waren eine Überraschung. Aber warum nicht, manchmal bin selbst ich für "Abenteuer" zu haben. Flug und Hotel waren schnell gebucht und Anfang August war ich in München und folgte tatsächlich dem roten Faden.

Nach dem Studium des Produktdesigns an der Hochschule München gründete Sandra Paul 2010 ihr eigenes Designbüro und war in den Folgejahren unter anderem für namhafte deutsche Großkonzerne tätig, bevor sie mit einem mutigen Schritt ihren Traum verwirklichte und "ihr ganz eigenes Ding" startete. Mit völliger Freiheit über den kreativen Prozess begann Sandra 2017 die Arbeit an VON BROKK. Herausgekommen ist eine Produktlinie von Alltagsgegenständen, die alles, aber nicht alltäglich ist. Das besondere Markenzeichen ist dabei der sprichwörtliche rote Faden, der sich in der ein oder anderen Form in jedem Produkt wiederfindet. Alle Gegenstände sind durch den Radsport inspiriert und fangen das Lebensgefühl des Lebens auf schmalen Reifen ein.




Während der Feier zum Launch von VON BROKK konnte ich mich eine Weile mit Sandra unterhalten und aus erster Hand erfahren, wieviele Überlegungen auch in kleinsten Details stecken und wie weit sich der Bogen des Produktdesigns spannt. Das beginnt bei der initialen Idee und dem Konzept der Marke an sich, geht weiter über den Entwurf einzelner Produkte, deren Gestaltung und Einbettung in das übergeordnete Thema, der Auswahl der Materialien, die Suche nach Herstellungsprozessen und Herstellern. Die Webseite, die Bilder, die verwendete Schriftart, das Firmenmotto "ALLES IST GUT", nichts ist beiläufig oder beliebig, alles fügt sich unter einer Formensprache zu einer Gesamtheit zusammen. Selbst die Verpackungen sind nicht irgendwelche Kisten, sondern bestehen aus besonders hochwertiger Kartonage, die zu schönen Schachteln gefaltet und von Hand genietet werden. Nach dem Auspacken des Produktes haben die Kartons noch lange nicht ausgedient und können zur Aufbewahrung genutzt werden. Alle Produkte werden in Deutschland gefertigt und genügen höchsten Standards an Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung. Das alles hat natürlich seinen Preis. Berücksichtigt man aber Qualität und handwerkliche Güte, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass alles seinen Preis wert, also preiswert im besten Sinne, ist.

Wie vielen anderen hat die Corona-Krise auch Sandras Pläne für 2020 beeinträchtigt. Die geplante Teilnahme an der Cycling World in Düsseldorf ist ebenso ausgefallen wie die Eröffnung des Showrooms in Landsberg verschoben wurde. Auf einmal war nicht mehr alles gut. Die ganze Welt steht einer neuen, zuvor undenkbaren Realität gegenüber, der man trotz allem am besten mit Optimismus und der festen Überzeugung gegenüber tritt, dass (irgendwann) alles wieder gut wird.

Um dieser Situation Ausdruck zu verleihen gibt es derzeit eine Sonderserie an AWG ("ALLES WIRD GUT") T-Shirts. Die Linie auf der Rückseite ist übrigens die angedeutete Rückentasche, die es bei den 220er Shirts von VON BROKK in echt gibt. (Wie toll ist das denn bitte?) Und hoffentlich können wir dann alle in nicht allzu ferner Zukunft wieder sagen:

ALLES IST GUT



PS.: Die Rennräder, die im Hintergrund der Fotos auf der Webseite zu sehen sind, stammen übrigens alle aus dem Besitz der Designerin, die nicht nur mit Heldenkurbel Rad fährt, sondern auch Rennräder sammelt!

PPS.: Die Zeit in München habe ich auch zu einer ausgedehnten Tour (Viva Bavaria) im Voralpenland genutzt. Bei der Wahl der Strecke habe ich mich von den Lieblingstouren inspirieren lassen. Das Rad habe ich bei Bikedress gemietet, ein tolles Geschäft mit angeschlossenem Radsport Café. Exzellenter Espresso und sehr fairer Preis für ein Rad mit Powermeter. Darüber hinaus habe ich mir am Folgetag die volle Kulturdröhnung gegeben und sowohl die Alte Pinakothek als auch die Pinakothek der Moderne besichtigt. Bei letzterer ist im Zusammenhang mit diesem Post natürlich insbesondere die Neue Sammlung erwähnenswert, die als die größte Designsammlung der Welt gilt. Sonntags kostet der Eintritt übrigens nur einen Euro! Ach, noch ein "Fun-Fact" zum Schluss, habt ihr gewusst, dass die Redewendung vom roten Faden auf Goethe zurückgeht?

PPPS.: Das Shirt habe ich mir ganz alleine und selber gekauft. Nicht das hier Missverständnisse aufkommen. Nachdem ich am 1. Mai mit dem Rad ordentlich gestürzt bin und mir dabei zum ersten mal überhaupt das Schlüsselbein gebrochen habe, rede ich mir nämlich unablässig selber ein, dass alles wieder gut wird und ich bald, nun als richtiger Radfahrer (weil: Schlüsselbein gebrochen), wieder im Sattel sitze.

Montag, 1. Juni 2020

Recovery!

Training und Erholung sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Wer immer nur trainiert und den Körper belastet, wird früher oder später unter der Last zusammenbrechen und im schlimmsten Fall mit einem Übertrainingssyndrom enden. Wer sich immer nur erholt und auf dem Sofa sitzen bleibt, tut sich auch keinen Gefallen.

Während im Training nichts ohne harte Arbeit passiert, stehen Sportlern zur Verbesserung der Erholung unzählige Hilfsmittel und Methoden zur Verfügung. Kopfkissen, Matratzen, Kompressionskleidung, Eisbäder, Massagen, Infrarotsaunen, Nahrungsergänzungsmittel, Elektrostimulation, "Recoveryboots", Faszienmassage-Rollen, und und und. Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Noch länger ist nur die Aufzählung der versprochenen Effekte. Entzündungsprozesse sollen gestoppt werden, Laktat soll verschwinden, Nährstoffe sollen den Körper wieder aufbauen ...

Könnte man all die angepriesenen Effekte kumulieren, der Gewinn der Tour de France wäre ein Kinderspiel. Aber vielleicht wirkt es ja doch? Zumindest ein bisschen? Jeder benutzt doch das ein oder andere Revovery-Tool! Ich etwa habe eine ganze Batterie an Faszienrollen und -kugeln, ein EMS Gerät, eine Matte um den Schlaf aufzuzeichnen und auszuwerten, nehme nach harten Einheiten einen Recoveryshake, ziehe manchmal Kompressionsstulpen an und mache regelmäßig und mit Begeisterung Stretching.

Aber hilft es wirklich? Sind die wissenschaftlich klingenden Marketingtexte der Hersteller belastbar? Wo ist das Geld sinnvoll investiert und wo ist es aus dem Fenster geworfen?


Antworten auf diese Fragen finden sich in dem 2019 erschienen Buch "Good to go - How to eat, sleep and rest like a champion" von Christie Aschwanden. Die Wissenschaftjournalistin und Ausdauersportlerin hat hunderte von wissenschaftlichen Studien gelesen, mehr als 250 Interviews geführt und alle erdenklichen Recoverymethoden im Selbstversuch getestet. Das Buch hat dabei das Zeug, dem Leser in Zukunft viel Geld zu sparen. Denn das Wenigste, was die Recovery-Industrie den Sportlern verkaufen möchte, geht über den Placebo Effekt hinaus. Auf rund 250 Seiten wird insbesondere deutlich, dass viele von Herstellern zitierte "Studien" mit mehr als nur Vorsicht zu genießen sind. Schwaches Design und falsche Fragestellungen lassen Ergebnisse, manchmal unabsichtlich, in einem günstigen Licht erscheinen, sind am Ende aber nicht mehr und nicht weniger als ein Marketing-Gag.

Einen Vorgeschmack auf das Buch bietet das Gespräch zwischen Prof. Ross Tucker und Christie Aschwanden im "The real Science of Sport"-Podcast: Why everything you know about recovery may be BS Absolut hörenswert!

Das Buch ist derzeit nur in der Originalausgabe in Englisch verfügbar. Verlagseite

Donnerstag, 23. April 2020

Gegen die Regeln

Vielleicht kennt Ihr das das auch, der Wetterbericht verspricht strahlenden Sonnenschein und frühsommerliche Temperaturen zur Mittagszeit, der Renner steht bereit, Flaschen am Rad, Reifen aufgepumpt, Kette geölt und in aller Frühe soll es los gehen auf eine ausgedehnte Runde. Allerdings, die Nacht war kalt und das Thermometer zeigt gerade so eine zweistellige Temperatur. Da besteht die Wahl aus a) zu Beginn frieren, b) am Ende schwitzen oder c) irgendwann die Trikottaschen an ihre Grenzen bringen und nicht wissen wohin mit den Armlingen, Beinlingen oder der Windweste. Denn im Trikot ist ja bereits das Telefon, eine Banane, Müsliriegel, Geld, die Luftpumpe und was man sonst noch so unterwegs braucht.

Auch oder gerade wenn es ganz und gar gegen die Regeln ist irgendwelche Taschen am Rennrad zu befestigen, kann ein gelegentlicher, gepflegter Regelbruch ganz erfrischend sein. Ein bisschen Hipster-Gravel-Style im konservativen Rennrad-Business. Ein Kontrapunkt im aerodynamisch geformten Einerlei. Denn es kommt ja nicht immer auf das letzte Quäntchen Performance an.

Bisher habe ich meine Transportprobleme meist gelöst, in dem ich Arm- und Beinlinge bei steigenden Temperaturen mit dem Halstuch an den Vorbau gebunden habe oder auch unter den Sattel, was beides nicht wirklich elegant ist. Da stellt sich die Frage: Warum eigentlich keine Tasche? Meine Suche nach "kleine Lenkertasche Rennrad" hat mir leider nicht viele brauchbare Ergebnisse geliefert. Der Bar Bag von Rapha erschien mir etwas zu groß, schwarz war ausverkauft und überhaupt, Rapha ist sicher ausgezeichnet, aber schon lange nicht mehr hip. Die einzige Tasche, die mir zusagte, war der Burrito Bag von Road Runner. Für meinen Zweck die richtige Größe (Volumen 1 Liter, 20 cm lang, 8 cm im Durchmesser), mit Klettverschlüssen einfach zu befestigen, robust und in unauffälligem schwarz. Voilà: geklickt, bestellt, geliefert und montiert. Ob die Tasche an ein Rennrad gehört oder sogar gut aussieht, darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein. Praktisch ist sie aber auf jeden Fall und die vergleichsweise zurückhaltendste Variante, wenn es denn eine Tasche sein soll.


Die Griffmöglichkeiten am Oberlenker werden durch die Tasche nur minimal eingeschränkt.


Die Tasche während der Fahrt zu öffnen ist möglich, aber nicht empfehlenswert. Zu schnell fällt etwas raus. Ohne Computer vor dem Lenker kann man die Tasche aber nach oben drehen, so dass die Öffnung nicht nach vorne, sondern nach oben zeigt, dann lässt sich auch während der Fahrt auf den Inhalt zugreifen.



Das hat alles ohne Probleme in die Tasche gepasst. Ohne Banane, die ja nicht gerne gedrückt wird, wäre noch deutlich mehr reingegangen. 


Die Klettverschlüsse auf der Oberseite können auch eng montiert werden. Die Schlaufe auf der Rückseite ist zur Befestigung am Steuerrohr, wobei das nicht unbedingt notwendig ist.