Dienstag, 20. Februar 2018

Do it yourself: Einen Fahrradrahmen lackieren

Vor einem Jahr stand ich bei der örtlichen Lackiererei, in der einen Hand ein Rahmen für ein 24" Kinderrennrad und an der anderen meine Tochter. Wir wollten schnell eine knallige Farbe aussuchen und den Rahmen zum Lackieren da lassen. Aber leider hatte der Meister keine Zeit oder auch keine Lust und so mussten wir unverrichteter Dinge von dannen ziehen. Auf dem Rückweg haben wir kurzerhand am Baumarkt gehalten und Sprühfarbe gekauft. Das knalligste (einzige) Rosa-Metallic dass es gab. Dazu Klarlack, Grundierung und Nass-Schleifpapier. Für eine ganze Weile war es das und der Rahmen stand in der Garage. Vor einigen Wochen habe ich die Arbeit dann aber endlich aufgenommen.

Zunächst wurde der Rahmen komplett angeschliffen bis die Aufkleber verschwunden und die Macken nicht mehr zu spüren waren, wenn man mit dem Finger drüber gefahren ist. Dabei ist es nicht notwendig, die Farbe komplett zu entfernen. Ich habe mir sagen lassen, das sich Aluminium eher schwierig lackieren lässt, die alte Farbe aber einen guter Haftgrund abgibt. Trotzdem war es unvermeidlich, dass das Aluminium teilweise sichtbar wurde.

In Ermangelung einer Lakierkammer habe ich die Werkstatt weitgehend ausgeräumt, den Rahmen kopfüber aufgehängt und drumherum mit normaler Abdeckfolie einen 2x1,5m grossen Raum abgetrennt. Die Folie wurde an den Wasserrohren kurz unter der Decke befestigt, oben waren vielleicht noch 10 cm Luft. Unten war die Folie festgeklebt und der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt.

Das war vergleichsweise staubfrei, aber auch schlecht belüftet. Mit Maler-Overall und Gummihandschuhen, einfachem Mundschutz und Brille habe ich mich an die Grundierung gemacht. Recht schnell musste ich feststellen, dass selbst für solch kleine Arbeiten eine richtige Atemschutzmaske und eine geregelte Zu- und Abluft feine Dinge sind. Die Schutzmaske mit Filter hätte im Baumarkt 50 Euro gekostet, ich habe dann zu dem besten Mundschutz gegriffen, der verfügbar war, besser als nichts.


Die besondere Schwierigkeit beim Lackieren eines Rahmens mit einer Spraydose liegt darin, dass die Dose möglichst senkrecht gehalten werden muss, der Rahmen aber auch "von unten" lackiert werden soll. Man muss den Rahmen also immer irgendwie drehen, kippen und anheben um an alle Seiten dranzukommen und darf dabei nicht die bereits lackierten Flächen berühren. Zwischen "die Farbe deckt" und "die Farbe läuft am Rahmen runter" besteht oft nur ein Unterschied von Sekundenbruchteilen. Da in dem kleinen Raum die Sicht durch den Farbnebel recht schnell eingeschränkt ist, lässt sich auch schwer abschätzen, wo wieviel Farbe ist.

Überhaupt ist das Lackieren in erster Linie eine Übung in Geduld. Nach der ersten Schicht Grundierung musste ich nochmal an einigen Stellen schleifen um die Farbnasen zu entfernen. Schleifen kann man aber erst, wenn die Farbe richtig getrocknet ist, etwa nach einem Tag. Schnell ist dann aber auch die umliegende, dünnere Farbschicht in Mitleidenschaft gezogen. Also muss man dort nochmal lackieren und immer so weiter. Und dann hier noch ein winziger Sprühstoß, und hier, und vielleicht da, ... und Mist, schon wieder zu viel. Also nochmal trocken, schleifen, lackieren.


Anschiessend kam die erste Schicht Farbe, danach eine zweite und zum Schluss noch 2 Schichten Klarlack. Ob man davon genug aufgetragen hat, spürt man erst, wenn der Lack getrocknet ist. Dann ist die Oberfläche glatter und der Lack glänzt schön. Als ich schon fast fertig war, ist mir eingefallen, dass der Vorbau in der passenden Farbe sicher auch schick aussehen würde. Gesagt getan, der Vorbau ist jetzt passend lackiert, wie bei teuren custom made Rahmen!


Nicht ideal war, dass es im Keller vergleichsweise kühl war und ich nach jeder "Session" ordentlich gelüftet habe, damit nicht das ganze Haus nach Farbe riecht (es war so schon schlimm genug). Die optimale Temperatur liegt um die 20°. Manche wärmen die Dosen sogar vorher auf, damit der Druck steigt und die Farbe dünnflüssiger wird.

Zwar findet man bei einem genauen Blick viele Stellen, die nicht perfekt sind, bei denen der Klarlack zu dünn oder die Farbe zu dick ist, für einen ersten Versuch im Keller mit Farbe aus der Spraydose ist das Ergebnis aber gar nicht so schlecht. Mit etwas Übung kann man glaube ich ganz gute Ergebnisse erzielen. Gekostet hat der Spaß neben der Zeit etwa 25 Euro.




Einige Dinge, die ich das nächste Mal (ich habe da schon eine Idee...) besser machen werde:
  • Geld für einen richtigen Atemschutz investieren
  • Im Sommer lackieren, wenn es draussen oder auch im Keller wärmer ist
  • Lieber mehrere dünne Schichten auftragen als eine die zu dick ist
  • Im Internet recherchieren und nach Tipps suchen (das habe ich gar nicht gemacht). Eine Suche nach "Lackieren mit der Spraydose" liefert immerhin 163.000 Treffer. 
Der nächste Schritt ist der Aufbau mit Teilen, die die Ergonomie von Kinderhänden berücksichtigen, dass ist gar nicht so einfach und ein Thema für einen weiteren Post.

Freitag, 16. Februar 2018

Video: Niemals ins Nirgendwo

Heute mal ein Musikvideo der belgischen Band yevgueni. Keine Ahnung über was sie singen. Der Song heißt "Nooit naar nergens", Google sagt mir, dass das Flämisch ist und "Niemals ins Nirgendwo" bedeutet. Das Lied ist von dem aktuellen Album "Tijd is alles" (Zeit ist alles).

Das Video dazu müsst ihr euch ansehen, ganz große Klasse, mit viel Gefühl und großen Emotionen:

 

Sonntag, 11. Februar 2018

Lektüre zum Blättern

Es gibt Bücher zum lesen und solche zum durchblättern und schmökern. Zwei der letzteren Sorte habe ich letztes Jahr von guten Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen. Vielen Dank dafür!

"Velopedia, The infografic book of cycling" versammelt auf 191 Seiten Infografiken zu allen möglichen Themen des Straßenrennsports mit einigen wenigen Ausflügen auf die Bahn. Andere Sparten des Radsports abseits der schmalen Reifen bleiben außen vor. Die Arbeit der Grafik-Designer in diesem Buch ist fantastisch. Hunderte von Informationshäppchen und kleinen und großen Fakten werden anschaulich präsentiert. Leider lag der Fokus des Autors Robert Dineen auf gutem Aussehen, die Korrektheit der Informationen hat nur eine untergeordnete Rolle gespielt. 

Auf der Seite "Tour de France in Numbers" etwa werden fünf Fahrer aufgezählt, die die Tour de France fünf mal gewonnen haben: Jaques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault, Miguel Indurain und Maurice Garin. Maurice wer? Genau, der Sieger der ersten Tour de France 1903. Garin hat zwar auch die Tour 1904 gewonnen, wurde aber disqualifiziert, so dass er nur ein einziges mal in der Siegerliste steht. 

Einige Seiten weiter werden die "Nearly-men of the Tour" aufgezählt, also die Beinahe-Sieger. Bei Raymond Poulidor besteht kein Zweifel, dass er in diese Liste gehört, immerhin ist er der "ewige Zweite". Aber Lucien van Impe (Sieger 1976),  Gustave Garrigou (1911), Joop Zoetemelk (1980) und Jan Ullrich (1997) haben die Tour de France tatsächlich gewonnen. In der Tat haben diese Fahrer eine beachtliche Anzahl an zweiten und dritten Plätzen gesammelt, aber eben auch einmal gewonnen. Letzteres wird einfach unterschlagen.

Auf "The calendar decoded" wird der Radsport Kalender mit den verschiedenen Rennkategorien erklärt, die Tour de France, Paris-Nice und Paris-Roubaix werden dort von der ASOS veranstaltet. Der ASOS? Dem Internet Modeversandhändler? Oder ASSOS, der Radsport-Bekleidungsfirma? Oder vielleicht doch der Amaury Sport Organisation, der A.S.O?

In dieser Art gibt es noch weitere Ungenauigkeiten und grobe Fehler. Alle zu entdecken dürfte schwierig sein, aber glauben kann man in diesem Buch gar nichts. So bleiben einfach hervorragende Infografiken, mit k(l)einer Info und großer Grafik. Schade.

Auch in dem zweiten Buch, "50 Bicycles that changed the world" von Alex Newson, einem Kurator des Design Museums in London, habe ich zumindest eine Ungenauigkeit entdeckt. Auf der Seite über "Old Faithful", dem legendären Rad von Graeme Obree, heißt es: "Obree's record stood for just one week before it was broken by the English cyclist Chris Boardman, prompting Obree to return to his workshop and develop a new riding position. Dubbed the 'Superman position' ... " Das ist natürlich totaler Quatsch, die Supermann Position wurde vielmehr durch eine Regeländerung der UCI provoziert und nicht durch den Versuch Obree's, die Aerodynamik zu verbessern. Ansonsten macht es aber großen Spass in dem Buch zu blättern und die Auswahl an Rädern ist tatsächlich gut getroffen. Es findet sich die ganze Bandbreite vom Laufrad, über das Hochrad, Alltagsräder, Liegeräder, Lastenräder. MTB's, Rennräder und bahnbrechende Komponenten wie Campagnolos Gran Sport Parallelogramm Schaltwerk oder Greg LeMonds Aeroaufsatz.

Beiden Büchern gemein ist übrigen das Lotus 108 auf dem Titel. Ich bin ja ein Anhänger des Damantrahmens, aber dieses Rad! Was für ein Geniestreich!





"Velopedia" ist auch auf Deutsch im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet19,90 Euro.

"50 Bicycles that changed the world" ist bei Octopussbooks erschienen und kostet original 26 USD, wird bei Amazon UK gebraucht ab 0.39 GBP gehandelt.

Freitag, 9. Februar 2018

#Festive500 Batch

Diese Woche habe ich meinen #Festive500 Batch Badge bekommen und bin begeistert. Der Umschlag ist "top notch", ganz große Klasse, dicke, tiefschwarze Pappe mit samtigem Griff und glänzend schwarzem Druck. Sehr edel. Dazu ist es bemerkenswert, wie Rapha es immer wieder schafft mit Worten einzufangen, was das Radfahren ausmacht.

We challenge ourselves every time we ride our bikes.
The distance travelled, the metres climbed, the conversations
shared - they all become a part of who we are.

Ja ja, ich weiß, das ist alles nur 'ne clevere Marketing-Masche, die ich auch schon mal heftig kritisiert habe (hier und hier). Aber was soll's, manchmal macht es auch Spaß, sich verführen zu lassen.


Montag, 5. Februar 2018

#Festive500 Preisträger und warum Rapha schuld am Unterlenker ist

Rapha Festive 500 bedeutet nicht nur zwischen Weihnachten und Sylvester viele Stunden auf dem Rad zu sitzen und im besten Fall die 500 Kilometer der Challenge voll zu machen, sondern auch darüber zu berichten und die Erlebnisse zu teilen. Manche schreiben, andere fotografieren oder drehen Videos. Wieder andere malen, zeichnen, basteln und lassen ihrer Kreativität freien Lauf. Die besten Einsendungen gewinnen fantastische Preise. Dieses Jahr hat der Sieger etwa eine Rapha Reise und eine Leica Kamera bekommen. Nicht schlecht. Der Aufwand und der Einsatz, der in den vielen Kleinoden steckt, ist allerdings auch atemberaubend. Etwa in dieser wunderbaren Animation, die den zweiten Preis gewonnen hat:

Rapha Festive 500 2017 from Gary Dumbill on Vimeo.

Auf der Rapha Homepage gibt es noch mehr tolle Arbeiten und Einsendungen über die Festive 500 zu entdecken.

Übrigens, der Versuch einen der Preise zu gewinnen oder doch zumindest eine ehrenvolle Erwähnung zu kassieren hat mich 2012 und 2013 über die Festive 500 bloggen lassen. Auf Boxingweekcycling könnt ihr meine ersten Versuche als Blogger nachlesen. Fünf Jahre ist das schon her! Gewonnen habe ich nichts, schon damals hingen die Trauben zu hoch, aber das Bloggen ist geblieben. Rapha ist also zumindest mitschuldig am Entstehen des Unterlenkers!

Samstag, 3. Februar 2018

Unterlenker Kit 2018

2018 wird Blau! Und Türkis! Viel Türkis, verschiedene Türkis. 

Das Unterlenker-Kit geht in die dritte Runde. Und dieses Jahr wird sogar noch besser. Nachdem die beiden ersten Versionen in Italien gefertigt wurden, kommen die Unterlenker Kits 2018 aus der gleichen Fabrik, in der auch Rapha fertigen lässt. Das Kit umfasst dieses Jahr Trikot, Hose, Langarmtrikot, Armlinge und Socken. Und vielleicht Radkappen. Radkappen sind ein Muss, oder?

Alle Teile sind aus der Aero Kollektion von Royalbikewear und gehören damit zu dem Besten, was man kaufen kann. Geordert werden kann bis Mitte Februar.

Die Größen fangen bei 5XS an, das entspricht in etwa Kleidergröße 140 und ist damit für Kinder geeignet, auch wenn es sich nicht um einen Kinder-spezifischen Schnitt handelt. Nach oben ist erst bei 5XL Schluss.

Preise und Ausstattung:

  • Trikot: Aero Schnitt, durchgehender, verdeckter Frontreißverschluss, gewebte Bündchen, zusätzliche Reißverschlusstasche hinten 5XS - 5XL, 80 Euro 
  • Hose: Trägerhose, Aero Schnitt, gewebte Bündchen, Multi-D-Anatomic-Carbon Sitzpolster 5XS - 5XL, 90 Euro 
  • Langarm Trikot: Super Roubaix Stoff extra dick, mit Reißverschlusstasche 5XS - 5XL, 85 Euro 
  • Armlinge: Superroubaix Stoff 5XS - 5XL, 20 Euro 
  • Socken: Coolmax, extra hoher Bund 2XS - XXL, 10 Euro 
  • Mütze: 15 Euro 
  • Porto: 8 Euro 

Grössen:

Auf der Royalbikewear Seite gibt es eine hervorragende Hilfe zur Bestimmung der Größe. Anhand eures Lieblingstrikots (oder dem, das am besten passt) könnt ihr die Royalbikewear Größe bestimmen. Erfahrungsgemäß fallen etwa Castelli Trikots ähnlich aus. Ich bitte um sorgfältiges messen. Die Teile werden auf eure Bestellung gefertigt. Da es sich hier um ein Hobby-Projekt handelt, kann ich die Teile nur im Ausnahmefall zurücknehmen.

Bezahlung und weiterer Ablauf:

Bis Sonntag, dem 18. Februar kann geordert werden. Die Bezahlung erfolgt mit Abgabe der Bestellung per Überweisung oder PayPal. Am 19. Februar gebe ich die Order auf und einige Zeit später (in der Vergangenheit 8 Wochen) sollte alles da sein.

Ihr seit dabei und wollt 2018 in Unterlenker türkis durch die Gegend fahren? Dann sendet mir eine email an Boris@unterlenker.com!

Sonntag, 28. Januar 2018

Strava Apps - Fürs Schummeln

Nach Strava Apps - Für Schön und Für Rückenwind heute eine fürs Schummeln. Velogram ist auf den ersten Blick erstmal eine App um alle möglichen Grafiken mit Statistiken der Strava Aktivitäten zu erzeugen. Die Konfigurationsmöglichkeiten sind begrenzt, die Beschreibung im App Store "Create brilliant infographics from your Strava data" halte ich für reichlich übertrieben, da habe ich schon besseres gesehen:


Die viel interessantere Funktion verbirgt sich aber hinter dem Menüpunkt "Choose Activity (inc. Clone & Boost)". Ein Wisch nach links auf der Liste der Aktivitäten bringt eine Rakete zum Vorschein. Dort lassen sich die Aktivitäten zwischen einem und zehn Prozent verbessern. Velogram kopiert die Aktivität, setzt die original Datei auf privat (=unsichtbar) und lädt die neue Datei hoch. Immerhin gibt es einen deutlichen Hinweis, dass es sich dabei um Betrug handelt und man es selbstredend nur mal zum testen machen sollte. Was man da testen will erschließt sich mir allerdings nicht so ganz.

Die Print Screens der verschiedenen Strava Aktivitäten sehen auf den ersten Blick ganz normal aus. Während ich für die 120 km tatsächlich 4:30 unterwegs war, waren es mit 1% Boost 4:22 und mit 10% Boost sogar unter vier Stunden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit stieg von 26,8 über 27,2 auf 29,9 km/h. Und hey, den KOM am Oberleukener Küppchen habe ich um satte 7 Sekunden auf 1:03 verbessert!


Das Webinterface gibt einen genaueren Einblick in die Manipulation der Daten. Die folgen Bilder zeigen das Original, 1% und 10% Boost. Zoomt man in die Aktivität herein, fällt recht schnell auf, dass die Geschwindigkeitslinie nach der Manipulation regelmäßige Spitzen hat. Die  Geschwindigkeit wird nicht gleichmäßig angehoben, sondern nur alle paar Sekunden. Bei einem Boost um 1% gibt es etwa alle 100 Sekunden einen Zacken, bei einem 10% Boost alle 10 Sekunden. Im Durchschnitt steigt die Geschwindigkeit dann genau um den gewählten Prozentsatz an. Dieser Ansatz der "punktuellen Beschleunigung" war seinerzeit auch bei DigitalEpo zu beobachten (via ScarletFire).

Nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass die verbesserten Dateien keine Leistungswerte mehr enthalten. Im Original ist die Kurve violett, stammt also von einem Powermeter, in den Fakes ist diese schwarz, also von Strava geschätzt und sehr viel volatiler.

Original Aktivität

1% Verbesserung, Spikes in der Geschwindigkeit alle 100 Sekunden und geschätzte Power

10% Verbesserung, Spikes alle 10 Sekunden

Strava KOM's lassen sich so mit Velogram ganz einfach und auf Knopfdruck erringen. Genauso leicht lässt sich die Schummelei aber auch entdecken, was die Funktion für die, die es tatsächlich notwenig haben ihre Strava Fahrten zu dopen, wertlos macht. Wer seinen hart erkämpften KOM verliert, sollte durchaus mal einen genauen Blick in die Fahrt des "Gegners" werfen und diese bei Auffälligkeiten auch an Strava melden.

Nun stellt sich die Frage, warum die Boost-Aktivitäten eine gezackte Geschwindigkeitskurve aufweisen und diese nicht einfach gleichmäßig angehoben wird. Dazu habe ich mir zunächst die Dateien angeschaut, die man von Strava zurückbekommt. Dabei besteht kein Unterschied, ob man diese über das Webinterface oder via API abfragt. In beiden Fällen handelt es sich um eine XML Datei mit der Endung gpx. Die Dateien lassen sich mit jedem Text Programm öffnen. Hier der Anfang der original Datei mit den ersten beiden Datenpunkten. Gespeichert wird die GPS Position (Längen und Breitengrad), die Höhe, die Zeit und einige Erweiterungen (Power, Temperatur, Puls, Trittfrequenz).

 <metadata>
  <time>2017-12-31T08:24:39Z</time>
 </metadata>
 <trk>
  <name>Festive 500 // 500 in - 0 to go</name>
  <trkseg>
   <trkpt lat="49.4549800" lon="6.6405450">
    <ele>188.8</ele>
    <time>2017-12-31T08:24:39Z</time>
    <extensions>
     <power>18</power>
     <gpxtpx:TrackPointExtension>
      <gpxtpx:atemp>14</gpxtpx:atemp>
      <gpxtpx:hr>118</gpxtpx:hr>
      <gpxtpx:cad>26</gpxtpx:cad>
     </gpxtpx:TrackPointExtension>
    </extensions>
   </trkpt>
   <trkpt lat="49.4549890" lon="6.6405750">
    <ele>189.4</ele>
    <time>2017-12-31T08:24:40Z</time>
    <extensions>
     <power>1</power>
     <gpxtpx:TrackPointExtension>
      <gpxtpx:atemp>14</gpxtpx:atemp>
      <gpxtpx:hr>119</gpxtpx:hr>
      <gpxtpx:cad>13</gpxtpx:cad>
     </gpxtpx:TrackPointExtension>
    </extensions>
   </trkpt>

Die Datei enthält also Paare aus Zeit und Position. Die Geschwindigkeit wird über die Positionsveränderung zwischen zwei Zeitpunkten berechnet. Die Zeitspanne zwischen zwei Datensätzen beträgt dabei eine Sekunde, da das Format offensichtlich keine Sekundenbruchteile vorsieht, ist dies die kleinste darstellbare Veränderung. Das stimmt mit der üblichen Datenaufzeichnungsrate von Radcomputern mit einem Wert pro Sekunde (1 hertz) überein.

Möchte man die Geschwindigkeit einer Fahrt erhöhen möchte, hat man grundsätzlich zwei Möglichkeiten:
  •  Man verringert die Zeit zwischen zwei GPS Punkten, verteilt also alle Punkte auf weniger Zeit. Die Anzahl an Datenpaaren würde dann gleich bleiben. Bei einer Verbesserung um 10% würde der Abstand 0,9 statt 1 Sekunde betragen.
  • Oder man verringert die Zahl der Datenpaare. Weniger Datenpaare bedeutet weniger Sekunden, wenn der Abstand weiterhin immer eine Sekunde beträgt. Weniger Zeit für die gleiche Strecke ergibt eine höhere Geschwindigkeit.
Möglichkeit eins scheidet aus, da das Dateiformat keine Sekundenbruchteile zulässt. In Möglichkeit zwei müssen die GPS Positionen neu zugeordnet werden. Der Anfang und das Ende der Aktivität müssen in der manipulierten Datei dem Original entsprechen, ebenso soll die Strecke weitgehend gleich bleiben, ansonsten würde die Geschwindigkeit ja nicht steigen. (Tatsächlich fehlen den beiden manipulierten Fahrten aber jeweils fast zwei Kilometer.)

Dazu ein einfaches Beispiel: Ausgehend von einem fliegenden Start und einer originalen Geschwindigkeit von 8 m/s (28,8 km/h) legt ein Fahrer in 10 Sekunden 80 Meter zurück. Der Einfachheit halber sind die Wegpunkte durch die zurückgelegte Strecke auf einer Geraden beschrieben statt durch GPS Koordinaten im zweidimensionalen Raum. Erhöhen wir die Geschwindigkeit um 10% benötigt unser Fahrer nur noch 9 Sekunden. Der erste Wegpunkt (8 m) ist bereits nach 0.9 Sekunden erreicht, bei Sekunde 1 sind 8,89 Meter zurückgelegt (80 Meter / 9 Sekunden). 8,89 liegt zwischen dem originalen Wegpunkt 1 (8m) und dem originalen Wegpunkt 2 (16m).  Der Punkt, an dem sich der 10% schnellere Fahrer nach einer Sekunde befindet, muss also berechnet werden. Würden so alle Punkte korrekt interpoliert werden, würde die Geschwindigkeit gleichmäßig steigen und es wären keine Auffälligkeiten festzustellen. Nicht trivial, aber auch nicht unlösbar.

Stattdessen kann man aber eine Abkürzung nehmen (passend für eine App zum Schummeln) und einfach alle 100 Sekunden (bei Verbesserung um 1%) bzw. alle 10 Sekunden (10%) einen Wegpunkt auslassen. In dem Beispiel fehlt der ursprüngliche Punkt 7 (56m). Während die anderen Punkte davor gleich sind, folgt nun auf Punkt 6 (48m) sogleich der ursprüngliche Punkt 8 (64m) jetzt schon bei Sekunde 7. 


Legt man die originale und die manipulierte Strecke in Golden Cheetah übereinander und zoomt so weit hinein, dass die einzelnen Datenpunkte sichtbar werden, sieht man, dass nicht einfach nur ein Punkt herausgenommen wird, sondern auch die beiden davor und danach manipuliert sind. Die Geschwindigkeitskurve (mit der grünen Legende) zeigt immer vier Punkte mit erhöhter Geschwindigkeit, wobei die originale violette Kurve für die gleiche Strecke fünf Punkte (bzw. Sekunden) hat. Danach folgen fünf Punkte, bei denen die originale und manipulierte Kurve aufeinander liegen. Die Aktivität mit dem 10% Boost hat also 9 Punkte (Vier manipuliert, fünf normal), während die echte Datei für die gleiche Strecke 10 Punkte hat. Der Rhythmus variiert leicht, in diesem Ausschnitt sieht man auch 3 zu 4 + 6. Es kommen aber immer 10 originale auf 9 manipulierte Punkte.



Man sollte also annehmen, dass man etwa die Hälfte der GPS Punkte aus der manipulierten auch in der originalen Datei findet. Das ist aber nicht der Fall. Auffällig ist hingegen, das in der manipulierten Datei die GPS Positionen an Genauigkeit verlieren, statt <trkpt lat="49.4494120" lon="6.6368520"> heißt es dann <trkpt lat="49.4494100" lon="6.6368500">. Darüber hinaus weicht auch die Höhe geringfügig ab und die Zeit ist um einige Stunden verschoben. Welche dieser Veränderungen durch Velogram und welche durch den Strava Algorithmus nach dem Hochladen der manipulierten Datei durchgeführt wurden, lässt sich natürlich nicht sagen.


Erstaunlich ist, dass eine App zum offensichtlichen aufmotzen von Strava Aktivitäten auf der Strava Webseite gelistet wird, dass sich solche Dateien hochladen lassen und von Strava nicht entfernt werden. Obwohl die Identifizierung relativ einfach sein sollte, führt Strava in dieser Richtung keine Prüfungen durch. Am Anfang meiner Recherche habe ich den Strava Support angeschrieben:

"Hello Strava Support, I’m in the process of writing a blogpost on my blog http://unterlenker.com about digital epo kind cheating. Usually the speed line is after the “improving” bumpy, every few points have a massivly increased speed, others looks normal. Is there a technical reason that these services don’t increase ALL speed points by the same amount? Attached a comparison of a ride before and after improving (Print screen from Golden Cheetah). What do you think? Is there a behind the scenes check in Strava to check these anormalies? Thanks in advance for your help and best regards from Germany Boris"

Hier die Antwort:

Wer trotz der leichten Entdeckung und der damit (hoffentlich) verbundenen Ächtung durch seine realen und virtuellen Sportkameraden seine Aktivitäten einmal "testweise" boosten möchte, der findet auf der Velogram Homepage Links zum Google Play- und Apple App-Store. Der Spaß kostet 1,99 USD.

Zum Schluss vielen Dank an meinen Freund Uwe von SRM und Mister VeloViewer Ben Lowe für den hilfreichen Einblick und die gute Tips.

Samstag, 20. Januar 2018

Brandneu: Strava Photo Upload via Webinterface

Heute entdeckt: Die Seite zum Bearbeiten von Aktivitäten im Strava Web-Interface ermöglicht jetzt den direkten Foto-Upload! Das ist insbesondere für die von Interesse, die Bilder nicht mit dem Smartphone, sondern mit einer "echten" Kamera machen. Dann wandern die Bilder nämlich in der Regel erstmal auf den Rechner in die Photo-Library und können jetzt ohne den Umweg über  die Mobile-App hinzugefügt werden. Eine lange überfällige Verbesserung!

Freitag, 19. Januar 2018

Snot, zweet en tegenwind!


Derzeit ist es ja gerade etwas windig. "Etwas" ist natürlich untertrieben, mit Sturm ist nicht zu spaßen, Radfahren sollte man da eigentlich nicht mehr. Es sei denn, es stehen gerade die Niederländischen Meisterschaften im Gegenwindradfahren an, die Nederlands Kampioenschap Tegenwindfietsen. Gefahren wird natürlich auf Hollandrädern, mit Rücktritt und ohne Gangschaltung auf dem 8,5 Kilometer langen Sturmflutsperrwerk an der Oosterschelde. Dem sportlichen Ehrgeiz steht dies aber in keiner Weise entgegen. Selbst Profis lassen sich blicken. 2016 ist etwa Johnny Hoogerland mitgefahren. Das Rennen wird als Zeitfahren ausgetragen, es geht entweder alleine oder als Vierer Mannschaft gegen den Wind.

Die 5. Edition wird in den nächsten Wochen stattfinden. Wer zu den ersten 200 gehört, die sich nach der Ausgabe der Parole "We kriehen sturm"auf der Facebookseite anmeldet, für den heisst es dann bald: "Snot, zweet en tegenwind" (Rotz, Schweiß und Gegenwind). Dieses Jahr wird auf einer 100 Meter langen Strecke der Wind sogar sichtbar gemacht!

Mmmh, bis an die Oosterschelde sind es nur 400 km! Da muss ich mal drüber nachdenken.







Links:
Wikipedia
Facebook

Mittwoch, 17. Januar 2018

Strava Apps - Für Rückenwind!

Die meisten Radfahrer verbindet mit dem Wind eine Hassliebe, als Rückenwind ist er ganz wunderbar, als Gegenwind, nun ja, da macht er nicht mehr so viel Spass. Aber was wären Radrennen ohne Wind, ohne Windschatten, ohne Windkante, ohne all die taktischen Möglichkeiten, die der Wind eröffnet und die Radrennen erst zu Radrennen machen? Also, Wind muss her, man muss nur verstehen ihn zu seinem Vorteil zu nutzen. Dazu muss man wissen, aus welcher Richtung er kommt, bei der nächsten Ausfahrt genauso wie bei dem nächsten Rennen. Mit der richtigen Vorhersage greift man nur noch mit Rückenwind nach Strava Krönchen. Oder man wählt die Runde so, dass man mit Gegenwind raus und mit Rückenwind rein fährt. Vor Radrennen lassen sich das Material dem Wetter anpassen und taktische Überlegungen anstellen.

Wetter-Apps und Services gibt es ja wie Sand am Meer. Interessant dabei zu wissen: Die eigentlichen Wetterdaten und die Ergebnisse der Vorhersagemodelle kommen in Deutschland überwiegend vom Deutschen Wetterdienst. Tausende von Messungen werden von Großrechnern in komplexen Modellen bewertet, bevor am Ende eine Prognose erstellt werden kann. Über  entsprechend potenten Rechner verfügen aber nur die Wenigsten, also werden die Prognosen der meist staatlichen Wetterdienste lizensiert und finden so ihren Weg in Wetter-Apps jeglicher Couleur. Den Unterschied macht dann im wesentlichen, wie die verschiedenen Prognosen bzw. Wettermodelle gewichtet werden. Wer dazu mehr erfahren will, dem kann ich diesen Artikel bzw. Podcast des Deutschlandfunks empfehlen: "Wem gehört das Wetter"?


Warnwetter

Die Warnwetter App des Deutschen Wetterdienstes ist vielleicht nicht ganz so elegant wie andere Angebote, bietet aber sehr viele Informationen, unter anderem diese animierte Karte zur Vorhersage des Windes. Mehr gibt es über die Wetteraussichten eigentlich nicht zu wissen. Seit einiger Zeit kostet die App in der Vollversion 1,99 Euro. Mitarbeiter in Rettungsdiensten und im Katastrophenschutz bekommen die App weiterhin kostenlos.
Radsport spezifische Informationen findet man hier natürlich nicht.



KOMinator - Für die spontane Suche nach Rückenwind Segmenten

Die für iOS und Android verfügbare App sucht Segmente in dem aktuellen Kartenausschnitt und zeigt mit verschiedenen Farben an, ob der Wind für einen Rekordversuch gerade günstig steht. Die Suche nach bestimmten Segmenten gestaltet sich allerdings schwierig. Wie auch auf der Strava Segment Explore Seite tauchen nicht immer die erwarteten Segmente auf. Warum dem so ist hat sich mir bis heute noch nicht erschlossen.
Die App greift nur auf die öffentlichen Strava-Segmente zu und erfordert keine Verbindung mit dem eigenen Account, kann somit aber auch nicht auf Routen oder private oder eigene Segmente (die mit Stern) zugreifen.
Gegen eine Gebühr von 2,29 Euro wird die Werbeanzeige ausgeblendet, die App wird nicht mehr nach fünf Segment-Suchen geschlossen und es können Abfragen für zukünftige Zeitpunkte gestellt werden.



Epic Ride Weather - Für die Planung der nächsten Ausfahrt

Eine andere Zielrichtung verfolgt Epic Ride Weather, ebenfalls für iOS und Android erhältlich. Hier geht es nicht so sehr um die Windverhältnisse auf einzelnen Segmenten, sondern um das Wetter auf der nächsten Tour. Man kann auf vergangene Aktivitäten oder geplante Routen zurückgreifen, die Startzeit und die Durchschnittsgeschwindigkeit eingeben oder Teilbereiche einer Strecke markieren. Die App zeigt dann Temperatur, Regen, Windstärke und Richtung an. Die App arbeitet dabei nicht nur mit Strava, sondern auch mit einer ganzen Reihe anderer Dienste zusammen.
Der Service kostet für 10.000 Abfragen 4,49 Euro, für ein halbes Jahr 5,49 und für ein Jahr 8,99 Euro.



myWindSock - Für die Daten-Geeks

In einer ganz anderen Liga spielt die Web-Applikation myWindSock. Dieses Programm ist eine echte Offenbarung für Statistik- und Daten-Geeks. Hier lässt sich jeder Wetter Aspekt einer Fahrt analysieren. Wann war Gegenwind, wann Rückenwind? Wie war das Verhältnis? Wie hoch war der Nachteil durch den Gegenwind ausgedrückt in Kilometer und in Watt? Der Vorteil durch den Rückwind? Es gibt ein Wetter-Ranking, ähnlich dem Strava Suffer-Core, das angibt, wie hart die Fahrt unter Wettergesichtspunkten war und eine Rangliste allen Aktivitäten. Wetter-Prognosen sind neben den Strecken eigener Aktivitäten und Routen auch für Segmente möglich.

mywindsock cycling weather

Die Leaderboards von Segmenten lassen sich um Wetterdaten anreichern. Damit lässt sich etwa erkennen, wer unter welchen Bedingungen gefahren ist und ob der KOM etwa mit besonders starkem Rückenwind gefahren wurde. Es lassen sich auch Prognosen für die eigene Zeit erstellen, Power, Aerodynamik und Gewicht sind dabei die zu veränderten Variablen. Das Programm berücksichtigt dazu die Wettervorhersage und berechnet eine prognostizierte Endzeit. Man kann sogar bis zu fünf Segmente hinterlegen, für die man dann eine Benachrichtigung bekommt, wenn die Verhältnisse besonders günstig für einen Angriff auf die Bestzeit sind.

Ein besonderes Feature ist die Analyse des Strömungswiderstandskoeffizienten CdA. Beim Radfahren stehen vier Widerstände dem Vorwärtsdrang entgegen: Der Rollwiderstand, die Hangabtriebskraft, der Reibungsverlust aller sich drehender Teile und der Luftwiderstand. Der Rollwiderstand und der Reibungsverlust sind weitgehend konstant und können für verschiedene Radtypen angenommen werden. Die Hangabtriebskraft lässt sich aufgrund der GPS Daten berechnen. Wenn man dazu den Output (Geschwindigkeit) und den Input (Watt) kennt, lässt sich mit dem Wissen um die Windverhältnisse die fehlende Variable CdA berechnen. Das Ergebnis ist natürlich modelliert und entspricht nicht unbedingt dem physikalisch korrekten Luftwiderstand, sollte aber zumindest erste Anhaltspunkte für die Materialwahl oder die Positionsanalyse geben.



Die Anwendung ist grundsätzlich frei, Premium Features wie die CdA Analyse werden für rund 20 GBP im Jahr freigeschaltet, wer sich nach der Anmeldung schnell für eine Premium-Mitgliedschaft entscheidet, bekommt diese für die Hälfte. MyWindSock bietet ähnliche Funktionen wie Best Bike Split an, das in jeder Hinsicht professionellere Tool, dass allerdings pro Jahr auch 120 USD kostet.

Die Bedienung von myWindSock ist manchmal etwas hakelig und das Design ist nicht ganz so elegant, die bereitgestellten Daten und Funktionen machen das Tool aber zu einem echten Tipp.