Donnerstag, 29. Juni 2017

Bundesliga Junioren / Masters, ein Zwischenfazit

Dieses Jahr hat der Bund Deutscher Radfahrer aus der Junioren-Bundesliga eine Junioren/Masters-Bundesliga gemacht. Zunächst durften nur Senioren 2 Fahrer, dann auch Senioren 3 Fahrer an den Start, sowohl als Mannschaft als auch als Einzelfahrer.

Zu diesem Schritt sah man sich beim BDR durch die immer kleiner werdenden Startfelder genötigt. Nachwuchssorgen hat nicht nur der Straßen-Radsport. Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit und Zeit der Jugendlichen sind die Sportverbände mit einer immer grösseren Anzahl an Mitbewerbern (Internet, Videospiele, neue Sportarten) und einer knapperen Freizeit der Jugendlichen (G8) konfrontiert. Das in dieser Situation der absolute und auch der relative "Marktanteil" der einzelnen Wettbewerber (z.B. Sportverbände) sinkt, ist ein Gesetzt des Marktes. Hinzu kommt, dass es der Radsport in der auf Heldenverehrung fixierten deutschen Sportkultur nach den Doping-Skandalen der 2000er Jahre und dem Sturz von Ullrich und Co. besonders schwer hat.

Zunächst stellt sich aber die Frage, wie klein das Bundesligafeld tatsächlich ist und ob dies ein Problem darstellt. Dazu habe ich die Ergebnisse der vier Rennen 2017 (Frankfurt, Karbach, 2x Ilsfeld-Auenstein) einer kleinen Analyse unterzogen. Die Linien zeigen die Platzierungen und die jeweiligen Rückstände auf den Sieger in Prozent der Siegerzeit. Von der Main-Spessart Rundfahrt abgesehen, bei der eine Reihe von Fahrern das Rennen mit enormen Rückständen beendeten, kamen kaum mehr als 50 Fahrer ins Ziel. Nur etwa 20 Fahrer waren in der Lage auf den schweren Kursen halbwegs in die Entscheidung einzugreifen und unter 5% Zeitrückstand zu bleiben. Bei den vermeintlich einfacheren Rennen kamen etwa 45 Junioren zusammen an. Die Lücken in den Linien sind Masters Fahrer.


Die Daten für diese Grafik wurden etwas bereinigt. Plazierungen werden durchgezählt, auch wenn die Fahrer im offiziellen Ergenis auf dem gleichen Platz stehen. Im Ergebnis von Frankfurt stehen eine Reihe von Fahrern mit einer Zeit von über 16 Stunden im Ergebnis. Ich nehme an es handelt sich um die Gruppe, die nicht mehr auf die finale Runde gelassen wurde, ich habe diesen Fahreren ebenfalls eine Zeit von drei Stunden plus der im Ergebnis gezeigten Minuten gegeben (also 16 gegen 3 ersetzt). Das ändert nichts an der Reihenfolge, die "16 Stunden Gruppe" hat immer noch die langsamste Zeit.

Auch wenn ich keines der Rennen live gesehen habe und mir somit natürlich wesentliche Informationen zu Verlauf und Ausgang fehlen, kann man durchaus festhalten, dass 50 bis 60 klassierte Fahrer wenig ist.

Warum ist das aber überhaupt ein Problem? Ziel der Bundesliga ist es, die Nachwuchsfahrer auf internationale Rennen und den Wechsel in die Elite vorzubereiten. Es geht um Talentsichtung und -Förderung. Die Herausforderung dabei ist, dass der Straßen-Radsport nicht nur aus einer körperlichen Komponente, sondern ebenso aus taktischem Geschick besteht. Rennübersicht, Positionierung, Kräfte sparen, all das kann einen eigentlich schwächeren Fahrer über stärkere Konkurrenten triumphieren lassen. Kleine Felder von 50 und weniger Fahrern beschränken allerdings die taktischen Anforderungen und Möglichkeiten. Reine körperliche Stärke hat es leichter.

Einige Beispiele:
  • Die entscheidende Gruppe geht aus einem 50 Mann Feld und der stärkste Fahrer ist ganz hinten. Kein Problem, der Fahrer fährt nach vorne und setzt nach. Wenn unser Favorit aber ganz hinten in einem 150 Mann Feld fährt, bekommt er wahrscheinlich noch nicht mal mit, dass ein Gruppe wegfährt. 
  • Aus unserem 50 Mann Feld löst sich eine Gruppe von fünf starken Fahrern aus fünf verschiedenen Mannschaften. Wer soll da noch Konterattacken fahren? Im Feld werden schlicht zu wenige Mannschaften ohne Fahrer in der Spitze sein, die ein Interesse an der oder die Fähigkeit zur Nachführarbeit haben. 
  • In einem großen Feld kann sich ein schwächerer Fahrer durch intelligente Fahrweise viel länger schonen und somit am Ende stärkere Fahrer schlagen. Es gibt mehr Windschatten, mehr Fahrer und Mannschaften, die die Verfolgung von Ausreissern organisieren usw. In einem kleinen Feld geht es in erster Linie darum, wer physisch der Stärkste ist.
Es ist also durchaus wichtig für die Talentsichtung Startfelder von deutlich über 100 Fahrern zu haben. Letzten Endes ist dies auch im Sinne der Veranstalter, die den Zuschauern ein interessantes Rennen bieten wollen. Grosse Überlandrennen wie am 1.Mai in Frankfurt sind teuer. Genehmigungen, Absperrungen, Polizei und Streckenposten müssen bezahlt werden. Auch wenn Juniorenrennen wohl kein Geschäft sind und viel Engagement voraussetzen, gibt es sicher eine Grenze, ab der sich solche Veranstaltungen nicht mehr darstellen lassen.

Es steht ausser Frage, dass das eigentliche Ziel sein muss, wieder über 100 oder sogar 150 Junioren in der Bundesliga zu haben. Nur, das passiert nicht von heute auf morgen. Zum Erreichen dieses Zieles wird man gute Ideen, Durchhaltevermögen, günstige Umstände, Glück und vor allem viel Zeit benötigen. Beginnt man heute, wird man frühestens in fünf bis zehn Jahren erste Ergebnisse sehen.

Um die Situation aber direkt zu verbessern, gibt es zwei nahe liegende Möglichkeiten: Öffnung für ausländische Fahrer oder eben Öffnung für die Masters Klassen. Die erste Möglichkeit hat ebenfalls Nachteile, da Mannschaften zum Beispiel aus Belgien oder Frankreich wenig Interesse an den Rennen in Ostdeutschland haben werden, da diese zu weit entfernt sind, dort werden Mannschaften aus unseren östlichen Nachbarländern starten, die aber wiederum nicht in den Westen der Republik fahren. Wenn es aber das Ziel ist, eine zusammenhängende, deutsche Rennserie zu haben mit mehr oder weniger den gleichen Startern in jedem Rennen, dann ist die Masters Variante zu bevorzugen.


Nur leider hat man beim Bund Deutscher Radfahrer die Rechnung ohne den Wirt, bzw. die Masters-Fahrer gemacht. Bei allen vier Rennen zusammen gab es lediglich 13 Senioren-Starts von sieben unterschiedlichen Fahrern. Zwei Fahrer sind je drei mal gestartet, weitere zwei je zwei mal und drei Fahrer haben es bei einem einmaligen Abenteuer belassen. Von diesen 13 individuellen Rennen wurden nur sechs beendet. Das ist eine DNF Quote von über 50%!



Man kann sicher behaupten, dass dies hinter den Erwartungen zurück bleibt. Ein Grund dürfte die späte Freigabe der Bundesliga für die Masters Klasse gewesen sein. Die amtliche Bekanntmachung erschien am 20. März, der offizielle Meldeschluss war am 1. April, das erste Rennen in Frankfurt am 1.Mai. Zehn Tage sind selbst unter besten Vorraussetzungen nicht genug, um eine Mannschaft aufzustellen (Fahrer, Betreuer, Auto, Ausrüstung, etc.) und zu melden. Sicher, einiges kann man auch nach Meldeschluss organisieren und der BDR hätte auch spätere Meldungen akzeptiert, aber eine solch späte Bekanntgabe erweckt eher den Eindruck einer Kurzschlussreaktion statt eines wohlüberlebten Planes.

Meines Erachtens hat man versäumt, die besten deutschen Masters und die existierenden Renngemeinschaften vorab ins Boot zu holen, die Stimmungslage zu eruieren, vielleicht auch Überzeugungsarbeit zu leisten und sicherzustellen, dass in jedem Fall einige Mannschaften teilnehmen werden. Statt dessen hat man der Meinungsbildung entlang der Strecken und in den sozialen Medien freien Lauf gelassen und nach allem, was ich gehört und gelesen habe, ist diese verheerend ausgefallen. Weithin hält man die Öffnung der Junioren-Bundesliga für Masters Fahrer für eine ziemliche Schnapsidee. Das erzeugt neben den durchaus sachlichen Gründen, die gegen eine Teilnahme sprechen, eine gewisse Gruppendynamik, die es potentiell interessierten Fahrern nicht leichter machen dürfte.

Das ist schade. Ich halte die "Masters-Bundesliga" nämlich für eine interessante Möglichkeit, "richtige" Radrennen zu fahren gegen eine Konkurrenz, deren durchschnittliches Niveau dem der Masters Fahrer entspricht. Die einen sind auf dem aufsteigenden Ast, für die anderen geht es abwärts. Als Senior noch mal mit den jungen Kerlen zu fahren, ist das nicht wie ein Rennen gegen das eigene, jüngere Ich? Hängen wir Alten nicht alle ein wenig unserer Jugend nach? Als die Träume von einer Profikarriere noch nicht von der Wirklichkeit zurechtgestutzt waren? Dazu echte Straßenrennen auf großen Kursen und vor einmaliger Kulisse (Frankfurt), echte Mannschaften mit Begleitfahrzeug, günstiges Startgeld und ein vergleichsweise homogenes (=faires) Startfeld.

Was spricht dagegen? Die fehlende Übersetzungsbeschränkung für die Masterfahrer? Ja, das führt zu gewissen Ungleichheiten, auf der anderen Seite kann man die Beine mit 18 Jahren in der Regel auch noch schneller drehen wie jenseits der 40 und es kann für den Junior auch durchaus eine taktische Überlegung sein, den Senioren-Fahrer am Berg eben nicht abzuhängen um von seiner Hilfe im Flachen zu profitieren. Davon abgesehen halte ich den 11er, 12er und den 13er für überbewertet. Ausserhalb der Elite A und Profi Klassen dürfte kaum jemand diese Gänge wirklich treten können.

Was noch, die furchtlose Fahrweise der Junioren? Niemand stürzt gerne, auch nicht die Jungen. Diese mögen zwar eine teilweise riskantere Fahrweise an den Tag legen, auf grossen Straßenkursen halte ich das aber für zu vernachlässigen. Davon abgesehen rappelt es auch bei den Profis alle Nase lang.

Meine eigenen Erfahrungen mit den gemischten Rennen sind durchaus positiv. 



Ob das Experiment für die Saison 2018 fortgesetzt wird? Das bleibt abzuwarten, um es noch zu einem Erfolg zu bringen, wird der Bund Deutscher Radfahrer sich einiges überlegen müssen. Von alleine werden 2018 nicht dutzende Fahrer am Start stehen. Das es sich dabei nur um eine Überbrückungsmaßnahme handelt bis wieder ausreichend Junioren am Start sind, steht wie bereits geschrieben ausser Frage. Aber bis dahin könnte man es seitens der Masters auch als Nachwuchsförderung sehen, frei nach dem Motto: "Jetzt zeigen wir denen mal wie Radrennen gefahren werden!". Gut, so einfach wird es nicht werden, aber die alten Herren haben auch nichts zu verlieren, wir könnten das nur für den Spass machen und hinterher ein Bier trinken. In dem Sinne: Prost! 

Vielen Dank an Birgit Jung, die mir freundlicherweise die Bilder zur Verfügung gestellt hat.

Links:
Lila Logistik Rad-Bundesliga Startseite
Rad-Net Amtliche Bekanntmachungen (nach Bundesliga suchen, die einzelnen Bekanntmachungen lassen sich nicht direkt verlinken)

Sonntag, 18. Juni 2017

Zum Wohl! À Bloc - Das Fahrrad Bier

Rouler à bloc bedeutet so schnell zu fahren wie es geht. Voll Gas, Kette rechts, Attacke! Aus den Niederlande kommt jetzt ein "Bicycle Beer" gleichen Namens. À Bloc ist ein helles, ungefiltertes Craft Beer das neben Wasser, Gerstenmalz, Weizenmalz, Hopfen und Hefe auch alpine Mineralstoffe enthält. Darüber hinaus soll das Bier reich an Protein und Vitaminen sein. Gut, ich bezweifle dass es schlau wäre, den Eiweisbedarf nach dem Training und dem Rennen einzig mit à Bloc Bier zu decken. Aber schaden tut ein gelegentliches Bier natürlich nicht, wie bei so vielem macht die Menge das Gift.

Nun muss ich zugeben, dass ich kein großer Bierexperte bin, dass à Bloc aber in einer ganz anderen Liga spielt wie das übliche Industrie Bier aus dem Supemarkt schmecke selbst ich. Das Bier ist viel geschmackvoller und trotz dem naturgemäßen herben Geschmacks immer noch fruchtig. Ich fand es wirklich prima, kann man sehr gut trinken.

In Deutschland gibt es das Bier noch nicht zu kaufen. Ich habe es in den Niederlande bei van Bieren bestellt und 2,89 pro 33cl Flasche bezahlt. Dazu kamen um die 8 Euro für den Versand. Das ist nicht ganz günstig, bewegt sich aber auf dem Niveau anderer Craftbiere. In diesem Sinne: Zum Wohl!

 

Links:
Radsport und Alkohol, Artikel auf Roadcycling

Samstag, 17. Juni 2017

3 Ballons 2017: Anders als geplant

Der vielleicht beste Moment in einem Gran Fondo: Eine Gruppe von 50 und mehr Fahrern fährt in einen Berg. Die ganze Straße ist ausgefüllt von Radfahrern, jedes Gespräch verebbt und ausser dem Schnaufen aus zahlreichen Kehlen, dem gelegentlichen Geräusch einer Schaltung und dem "Wuschen" von Carbonfelgen im Wiegetritt ist nichts mehr zu hören. Keine Autos, keine Zuschauer, nur die Natur und ein Haufen Radfahrer, die sich den Berg hochschrauben. Faszinierend wie wenig Lärm ein Fahrrad macht, stellt euch mal 50 Autos vor, die dicht an dicht den Berg hinauf fahren: Krach und Gestank!

Und bergauf ging es beim 3Ballons in den Vogesen zuhauf. Auf der langen Strecke über 210 km standen 6 klassifizierte Anstiege und zwei kleine zum Aufwärmen im Weg, 4.356 Höhenmeter hat mein Garmin aufgezeichnet. Das ist schon mal 'ne Hausnummer. Im Vergleich zu den letzten Jahren hatte die Strecke eine ganze Reihe von Änderungen aufzuweisen. Die wesentlichste war die Bergankunft auf dem Planche des Belles Filles, dort endet dieses Jahr auch die fünfte Etappe der Tour de France. Als Folge dessen waren Start und Ziel nicht wie in den letzten Jahren nur gute 10, sondern ganze 50 Kilometer von einander entfernt! Obwohl die Höhenmeter etwa gleich waren und der Grand Ballons von der leichteren Seite gefahren wurde, fand ich die 2017er Strecke schwieriger. Dieses Jahr hat die Kletterei erst später angefangen, die Höhenmeter haben sich also auf weniger Kilometer verteilt.

Oben 2016, unten 2017

Viel besser als in den letzten Jahren war allerdings das Wetter. Nachdem es am Vortag noch Starkregen und Gewitter gab, strahlte am Samstag den ganzen Tag die Sonne und die Temperaturanzeige kletterte bis auf 28°. Nach Nebel und Regen und Sichtweiten von um die 100 Meter auf dem Grand Ballons 2016, konnte man dieses Jahr eine herrliche Weitsicht genießen. Wettertechnisch haben die Vogesen sich von ihrer besten Seite gezeigt.






Beste Voraussetzungen für ein großartiges Rennen, sollte man meinen. Ich hoffte trotz der neuen Strecke wie 2016 in etwas über 7 Stunden ins Ziel zu kommen. Letztes Jahr hatte das immerhin für Platz 53. insgesamt und Rang 11 meiner Altersklasse gereicht. Nur, es kam anders. Nach einer Nacht mit so gut wie keinem Schlaf (Es lag nicht am Wohnmobil, Stefan!) und vielleicht auch zu viel Training in den Beinen, war kurz vor der Verpflegung am Gran Ballons der Ofen aus. Bis dorthin befand ich mich genau in der sieben Stunden Gruppe. Das weiß ich deshalb so genau, weil dort die schnellste Frau unterwegs war und bergauf meist die Pace vorgab. Ils van der Moeren kam nach 6:58,47 ins Ziel!

Aber was nicht geht, geht nicht und in Erwartung der weiteren Schwierigkeiten, habe ich die Gruppe ziehen lassen und an der Verpflegung auf dem Grand Ballons erstmal in Ruhe angehalten. Bis zum nächsten Berg hatte sich dann wieder eine kleine Gruppe gefunden, die ich aber auch ziehen ließ. Inzwischen fing mein linkes Knie nämlich ziemlich an zu zwacken. Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht für etwas anders gut ist. Den Rest konnte ich dann wirklich ohne Stress fahren und habe sogar mehrfach an den Brunnen angehalten für eine anständige Erfrischung.

Unterwegs spielte ich mit dem Gedanken, mir den Schlussanstieg hinauf zum Planche des Belles Filles zu schenken, aber irgendwie kommt man ja doch nicht umhin immer weiter zu fahren, noch ein Stück und noch ein Stück und schon ist man am an Fuß des Anstieges und es sind ja nur fünf Kilometer, also schnell noch hoch. Und das war schon ein sehenswertes Spektakel! Trotz meines eigenen Schneckentempos bin ich an vielen vorbei, die ihr Rad geschoben haben oder noch langsamer waren, auf jeden Fall am Ende ihrer Kräfte. Aber viele sind auch mit grimmigen Gesichtern an mir vorbei, um jede Sekunde kämpfend, alles aus sich herausholend. Ich fand das gemütlich gar nicht so schlecht (von den Knieschmerzen abgesehen), wenn man sich mal damit abgefunden hat und einem das Ergebnis egal ist, ist das doch sehr entspannend.

Meine Zeit von 7:33 war für den 200. Platz insgesamt und den 49. meiner Altersklasse gut. Scrollt man durch das Ergebnis, fällt wieder einmal die Dominanz der Belgier auf. Interessanterweise ist der Medio Fondo über 125 km fest in französischer Hand gewesen.






Nach einer Pause im Ziel und dem Zuführen der Kalorien, die es für den Pasta-Gutschein gab, machte ich mich auf den Weg zurück zum Auto. 50 km! Nach der Abfahrt ging es nochmal bis zur Hälfte des Col des Chevrères hinauf, dann aber immer leicht bergab über kleine französische Departementstraßen. Trotzdem war das mit dem schmerzenden Knie und dem Gran Fondo in den Beinen kein Spaß. Wieder am Auto hatte ich 260 km. Ein Allzeit Distanz Rekord für mich.


Stellt sich natürlich die Frage, woran es gelegen hat, dass die Luft nach 100km raus war und das Knie zu schmerzen anfing? Nach der unfreiwilligen Pause in der zweiten Jahreshälfte 2016 habe ich das Training im Januar bei einem Allzeit-Tief des Chronic Training Loads (CTL) wieder aufgenommen. Ich konnte mein geplantes Training ganz gut umsetzen und bin auch tatsächlich gut in Form gekommen. Zur Landesverbandsmeisterschaft, dem "Ende der Frühjahrskampagne" war der CTL bereits wieder bei knapp 60. Danach ging es wie geplant weiter und nach dem Gran Fondo Schleck hat Golden Cheetah den höchsten ATL meiner Trainingsaufzeichnungen berechnet.

Trotz regelmäßiger leichterer Wochen mit reduziertem Trainingsload, ging der CTL doch konstant weiter nach oben und erreichte zum 3Ballons einen Wert von 84. Das ist absolut immer noch nicht besonders hoch (wirklich viel fängt bei über 100 an), aber immerhin fast so hoch wie 2015 vor der Deutschen Bergmeisterschaft. 

Die Kunst des Trainings besteht nun darin, dass es sich eben nicht nur anhand von Kennzahlen und Wattwerten berechnen lässt und sich die Gründe für eine gute oder auch schlechte Leistung nie ganz genau bestimmen lassen. Obwohl ich meine Trainingsinhalte, -abfolge und Pausen grundsätzlich immer noch als richtig ansehe, war es rückblickend vielleicht doch etwas viel. Denn neben dem Trainingsstress muss man auch den Stress durch das "echte Leben" (Beruf, Familie) berücksichtigen. Dieser beeinträchtigt nämlich meist eine ganz entscheidende Komponente des Trainings: Die Regeneration! Und gerade die benötigt im Alter etwas mehr Zeit. Am Ende kann man dies vielleicht doch in Zahlen ausdrücken, der Anstieg der CTL Kurve war, zumindest für meine individuellen Umstände, zu steil. Oder, auch das kann sein, es war einfach nur ein schlechter Tag mit zuwenig Schlaf in der Nacht zuvor.

Zum Knie: Eine Röntgenaufnahme hat eine leichte Arthrose offenbart, nichts Dramatisches, aber natürlich nichts, was man hören möchte. Dass sich diese während des 3Ballons bemerkbar gemacht hat, obwohl die Belastung bis dorthin an diesem Tag gar nicht so hoch war und ich in der Woche davor kaum gefahren bin, kann auch mehrere Gründe haben: Langzeit-Wirkung des Unfalls im letzten Jahr, kumulierter Trainingsreiz über Wochen oder auch ein viel zu kurz gekommenes Core-Training (=instabile Position auf dem Rad = Fehlbelastung). 

Seit dem 3Ballons habe ich daher nicht mehr auf dem Rad gesessen. Statt dessen war ich etwas schwimmen und habe verstärkt Core Training gemacht. Dieses Wochenende geht es wieder auf's Rad und ich hoffe dann, dass am kommenden Sonntag Form und Knie für den Dreiländergiro in Nauders nochmal in Ordnung sind.




Links:
Grand Trophée 3Ballons Homepage

Mittwoch, 14. Juni 2017

Test: Wiggle Rain Defence

Gerade ist ja prächtiges Radfahrwetter über Südwestdeutschland, Sonne satt bei weit über 20°. Aber machen wir uns nichts vor, es werden auch nochmal Tage mit Regenwetter kommen. Wenn man nicht gerade zur Kategorie der Schönwetterfahrer zählt und nur bei strahlendem Sonnenschein auf's Rad steigt, kann es nicht schaden über Garderobe zu verfügen, die das Fahren bei schlechtem Wetter angenehmer macht. Über die Vorzüge von Castelli Gabba und Nanoflex habe ich hier ja schon mal geschrieben. Nun ist Gabba & Co. für Temperaturen ab etwa 15° zu warm, auf jeden Fall wenn man etwas schneller unterwegs ist. Für diesen Anwendungsfall hat Castelli die Perfetto Light Serie herausgebracht (Gabba heißt jetzt Perfetto), die über die gleichen wasserabweisenden Eigenschaften wie das Original verfügt, aber dünner und weniger warm ist. Das Hosen-Pendent dazu heisst Nano Light.

Erfahrungsgemäß dauert es nie lange, bis andere Marken solche Innovationen auch anbieten. Das Pendant zu Perfetto und Nano Light heißt bei der Wiggle Eigenmarke dhb "Rain Defence". Etwas robuster und wasserabweisend, aber nicht ganz so warm. Ideal für einen kühlen, regnerischen Sommertag. 


In den letzten drei Monaten hatte ich Glück und konnte die dhb Aeron Rain Defence Hose und Beinlinge nicht wirklich im Regen testen, aber einige Male bei kühlem Wetter. Beides hält erstaunlich  warm, auch wenn die Temperaturen etwa gegen Abend unter 10° fallen. (Tatsächlich habe ich mich einige Male gehörig verschätzt und mich vom Sonnenschein täuschen lassen). Das Material ist recht fest und weniger flexibel als normale Sommerhosen. Beim Anziehen hört und fühlt es sich eher an wie eine Plastikpelle, schwierig zu beschreiben, dadurch dass der Stoff so fest ist, schnalzt es etwas. Aber einmal in der Hose ist das Tragegefühl unauffällig und nicht zu beanstanden. Das Polster ist eines der Besseren, der Abschluss hält das Hosenbein an Ort und Stelle. Das Bein könnte für meinen Geschmack ein paar Zentimeter länger sein, insbesondere bei schlechtem Wetter, also dem gedachten Anwendungszweck der Hose, finde ich das angenehm. Aber letztendlich ist das ein Geschmacksache.

Die Beinlinge verfügen nur auf der Vorderseite über den speziellen wasserabweisenden Stoff, die Rückseite besteht aus dünnem Super-Roubaix (oder in der Art). Der obere Abschluss hat innen und aussen einen Silikon Streifen, der untere innen. Das einzige Manko sind die fehlenden Reissverschlüsse. Die Beinlinge lassen sich zwar auch noch über die Radschuhe ziehen, aber mit Überschuhen oder MTB-Schuhen mit Profil wird es wohl nicht mehr gehen. Das führt die Flexibilität von Beinlingen zum Beispiel beim Warmfahren vor einem Rennen ad Absurdum. Irgendwo muss dann wohl doch der Preisunterschied zu den teureren Marken herkommen. 

Die Verarbeitung von Hose und Beinlingen ist allerdings ohne Fehl und Tadel.

Wie bei allen Schlechtwetterklamotten wird man hier natürlich keine Wunderdinge beim Regenschutz erwarten dürfen. Das Wasser wird am Anfang einer Regenfahrt und insbesondere wenn die Kleider neu sind abperlen. Aber eher früher als später ist man auch mit Rain Defence oder den anderen Marken durchnässt sein. Der Vorteil ist eher, dass die Stoffe auch im nassen Zustand noch warm halten.

Ich habe beides übrigens deutlich reduziert gekauft, 75 Euro für die Hose und 35 für die Beinlinge, da kann man nicht meckern. Das ist generell der Vorteil, wenn man Kleider dann kauft, wenn man sie nicht unbedingt im gleichen Moment braucht, man kann dann ganz opportunistisch die Preisreduzierungen abwarten.

Montag, 12. Juni 2017

Unterlenker Kit 2017 - Fight for Pink

Letzte Woche ist hier im Unterlenker-Tower ein großes Packet von Royalbikewear eingetroffen mit, ihr habt es vielleicht schon auf Facebook gesehen, den pink farbigen Unterlenker Kits. #MutZurFarbe  und #FightForPink. Und was soll ich sagen, sieht prima aus:


Dazu vorher auf Unterlenker.com: Unterlenker Kit #2

Freitag, 2. Juni 2017

Gelbfieber

Was wurde bei dem 100. Giro d’Italia für ein Feuerwerk an Radrennen abgebrannt! Beginnend mit dem sensationellen Sieg von Lukas Pöstelberger auf der ersten Etappe, bei der der junge Österreicher die Sprinter überrumpelte und das erste rosa Trikot der Rundfahrt übersteifen durfte. Oder die zweite Etappe, bei der sich der deutscher Meister André Greipel Etappe und Führungstrikot sicherte. Bemerkenswert das Windkanten Lehrstück, das Quick-Step Floors auf der 3. Etappe zeigte. Im ersten Zeitfahren auf der 10. Etappe fuhr Tom Dumoulin mit einer überragenden Leistung ins rosa Trikot und verteidigte es in den Bergen besser als erwartet, bis dann „Poo-Gateden größten Teil seines Vorsprunges aufzehrte und es zum Schluss noch mal sehr spannend wurde. Vier Fahrer innerhalb einer Minute vor dem Start des abschließenden Zeitfahrens! Schlussendlich wurde Dumoulin seiner Favoritenrolle gerecht und fuhr den ersten Gran Tour Sieg seit Joop Zoetemelks Tour de France 1979 und den ersten Giro Sieg überhaupt für die Niederlande ein.

Ob die Tour de France vergleichbar spannend wird, werden wir ab dem 1. Juli verfolgen können. Der Gran Départ in Düsseldorf verspricht auf jeden Fall ein großes Fest zu werden, die ersten Etappen bieten den Fans im Westen Deutschlands viele Möglichkeiten das Radsport Super Event live am Straßenrand zu verfolgen. Dabei fällt mir ein, ich muss noch unbedingt Urlaub eintragen für die beiden Tage. Die Zielankunft und den Start von Tour Etappen fast vor der Haustür zu haben, das passiert ja nicht allzu oft!

 

 

Informationen finden sich derzeit an allen Ecken und Enden. Auf der TourSeite, auf der GrandDepart Event Seite der Stadt Düsseldorf oder etwa auf VisitLuxembourg. Gut hat mir in dem Zusammenhang der Tour Guide von Brügelmann und CyclingMagazin.de gefallen. Auf rund 40 Seiten finden sich Informationen zum Grand Départ in Düsseldorf, der weiteren Strecke, den Favoriten und Regeln und einige Anekdoten der Tour. Die Hard-Core Fans, Insider und Experten werden wenig Neues finden, für alle Gelegenheits-Radsportfans die ein paar Hintergrundinfos erfahren möchten, sind hier aber genau richtig. Wie funktioniert das mit den Trikots, den Etappensiegen und der Gesamtwertung? Wie ist das mit dem Windschatten? All die (nervigen) Rookie Fragen die Arbeitskollegen, Freunde und Verwandte stellen, wenn sie Tour de France  hören, lassen sich damit beantworten. Statt also zum x-ten Mal die 3-Kilometer Regel zu erklären, reicht es, den Link zu der PDF zu verschicken. 

Hier geht's zum Download

Mittwoch, 31. Mai 2017

Gewinnen um jeden Preis in der U15

Ein MTB Rennen in der Provinz, in der U15 steht ein gutes Dutzend Kinder am Start. Das Feld sortiert sich schnell, der Erste ist auf und davon, dahinter fahren die Meisten einfach ihr Rennen zu Ende. Spannend wird es nur in der letzten Runde, als drei Fahrer um die verbleibenden zwei Plätze auf dem Podium kämpfen. Unmittelbar hintereinander geht es durch den letzten Single Trail, der sich im Slalom um die Bäume schlängelt.

Betreuer: "Fahr an dem vorbei!"
Kind (das letzte in der Reihe, also auf Platz vier): "Der lässt mich nicht vorbei."
Betreuer, schreit fast: "Dann fahr ihm in's Schaltwerk!"

Keiner der beteiligten Buben war meiner, der sollte erst Minuten später kommen, in der Hinsicht war ich nicht involviert. Trotzdem ist mir die Kinnlade runter gefallen und ich kam nicht umhin darauf hinzuweisen, dass es zu weit geht solch eine Aufforderung ins Rennen zu rufen. Daraufhin kam der Betreuer die 10 Meter zu mir rüber gestiefelt und ich war mir wirklich nicht sicher, ob die Situation jetzt eskaliert und ich Handgreiflichkeiten zu befürchten habe. Soweit kam es zum Glück nicht, aber wie nicht anders zu erwarten, fühlte er sich absolut im Recht, denn schließlich wäre es unfair andere Fahrer nicht vorbei zu lassen und natürlich würde sein Schützling das nie tatsächlich tun, aber jetzt wüsste der andere Fahrer, dass es Ernst sei. Ein weiterer Zuschauer meinte, es ginge doch nur um den Spass, er solle aufhören sich so aufzuregen, worauf der Betreuer wutschnaubend erwiderte, dass es gar nicht um den Spaß ginge sondern Lizenz-Sport sei. Aha!


Das ist auf so vielen Ebenen falsch, da kann man sich nur an den Kopf fassen:
  • Natürlich macht man sich auf einem Trail breit, was denn sonst? Warum sollten die vorderen Fahrer den hinteren vorbeilassen? Niemand kann erwarten, dass sein direkter Konkurrent ihn einfach so auf Zuruf überholen lässt. In der Situation ging es um die Plätze zwei und drei, die Fahrer waren etwa gleich stark, sonst wären sie nicht Rad an Rad unterwegs gewesen. Wenn ein Fahrer es nicht schafft auf entsprechend breiten Passagen zu überholen, war er ganz einfach nicht stark genug. Im Gegenteil ist es eine absolut legitime taktische Möglichkeit als führender Fahrer in einem Trail das Tempo etwas rauszunehmen, um zu Luft zu kommen und Kräfte für den Zielsprint zu sparen ohne dabei seine Position einzubüßen. Etwas anderes ist es natürlich im Falle von Überrundungen oder wenn ein Fahrer auf der Zielgerade nicht seine Linie hält.
  • Ein Aufruf zur Sachbeschädigung mit der implizierten Billigung eines dadurch provozierten Sturzes des Kontrahenten ist eine grobe Unsportlichkeit. Dabei spielt es keine Rolle, was an Unstimmigkeiten zwischen den Fahrern eventuell vorausgegangen ist. Jeder Fahrer, der zu solchen Mitteln greift, muss ohne Ausnahme disqualifiziert werden und weitere sportrechtliche Sanktionen fürchten. Zuletzt wurde etwa Javier Moreno beim Giro d’Italia für eine vergleichbare Aktion (Schubsen) bestraft (Cyclingweekly). Zu Beginn des Jahres zog eine grobe Aktion gegen Marcel Kittel die Disqualifikation und eine 45 tägige Sperre von Andriy Grivko nach sich (DailyMail). Die Sportordnung schließt übrigens explizit die Möglichkeit ein, auch Betreuer zu disqualifizieren, wenn sich diese ungebührlich benehmen, tätlich gegen Teilnehmer oder sonstige Personen vorgehen oder andere Teilnehmer gefährden (Sportordnung, 3.3.2 Bestrafungen durch das Kommissärskollegium, Absatz 6) 
  • Zu guter Letzt offenbart solch eine Aussage eine „Gewinnen um jeden Preis“-Mentalität. Wenn es legitim erscheint, Konkurrenten durch absichtliche Beschädigung des Rades aus dem Weg zu räumen, nur um einen Platz bei einem absolut unbedeutenden, schwach besetzten, landesverbandsoffenen Provinzrennens der U15 gut zu machen, dann ist der Weg zu weit gröberen Unsportlichkeiten nicht weit. Gewinnen wollen um jeden Preis ist die vielleicht größte Gefahr hinsichtlich einer Doping-Karriere. Insofern: Wehret den Anfängen!
Der Betreuer machte auf mich einen solch aggressiven Eindruck, dass ich von einer weiteren Diskussion abgesehen habe. Das erschien mir ernsthaft sicherer, denn wie heißt es so treffend: Die Mutter der Idioten ist allzeit schwanger! Kann man nur hoffen, dass der U15 Fahrer einen eigenen, intakten moralischen Kompass hat und er diese verbalen Übergriffe übersteht, ohne den Spass am Sport zu verlieren.

Freitag, 26. Mai 2017

Gran Fondo Schleck

Üblicherweise erfordert die Teilnahme an einem Gran Fondo eine stundenlange Autofahrt, meist bereits am Vortag, eine durchschnittliche Nacht in einem Hotelbett, viel zu frühes Aufstehen, ein hastiges Frühstück, eine Startaufstellung im Morgengrauen, unterwegs die wiederholte Frage an sich selber, warum zur Hölle man das alles macht und nach dem Zieleinlauf gleich wieder die Heimreise. Da war der Gran Fondo Schleck doch eine sehr viel entspanntere Erfahrung. Ich konnte die Startunterlagen am Vortag ohne Eile abholen, im eigenen Bett schlafen, gemütlich frühstücken und um kurz vor acht mit dem Auto die etwa 30 km zum Start fahren. Im Expo Gelände gab es Kaffee und Kuchen und mit dieser letzten Stärkung konnte ich mir einen Platz in der ersten Reihe meines Startblockes sichern.





Der Gran Fondo Schleck war dabei nicht irgendeine beliebige Jedermann Veranstaltung, sondern ein Lauf in der UCI Gran Fondo World Series, der als Qualifikationsrennen der Gran Fondo World Championships zählt. Dieses Jahr findet die „Amateur“ Weltmeisterschaft Ende August in Albi (Südfrankreich) statt. Teilnehmen dürfen die jeweils besten 25 Prozent jeder Altersklasse jeder World Series Veranstaltung. Insgesamt umfasst die World Series 20 Rennen, davon 11 in Europa (Polen, Zypern, Griechenland, Schottland, Luxembourg, Frankreich England, Slowenien, Österreich, Italien, Dänemark).

Die Startblöcke waren nach Altersklassen eingeteilt, nicht wie bei manch anderen Gran Fondos nach der avisierten Endzeit, vielleicht um eine Chancengleichheit für die Qualifikation zur WM zu wahren. Das führte allerdings zu einer sehr hektischen und anstrengenden Startphase, da sich die besseren Fahrer und Fahrerinnen der älteren Klassen erst mal durch das Feld der jüngeren, aber langsameren Fahrer durchkämpfen mussten. Die ersten Kilometer waren so ein stetiger Wechsel zwischen Sprints und Vollbremsungen, jeder Zentimeter der Straße und teilweise der Bürgersteige und Radwege wurde genutzt. Nach gut 10 km und einer ganzen Reihe von Beinahe-Stürzen war ich endlich vorne und konnte mich für die nächsten 120 Kilometer auch in der immer kleiner werdenden Spitzengruppe halten.

Die Strecke führte zunächst flach entlang der Mosel bis nach 20 Kilometer der erste Hügel zu erklimmen war. Danach ging es Schlag auf Schlag. Bis zum Ziel der großen 160 km Runde folgten 12 weitere klassifizierte Anstiege. Diese als Berge zu bezeichnen wäre zwar übertrieben, das ständige Auf und Ab läpperte sich am Ende aber doch auf 2.400 Höhenmeter zusammen. Der kräftige Wind machte es auch nicht unbedingt einfacher.

Trotz dem annäherenden 40er Schnitt dauerte es bis weit nach der Hälfte bis die Spitzengruppe weniger als 100 Fahrer umfasste. Ab und an versuchten sich einzelne Fahrer oder Gruppen abzusetzen, wirklich weit kam aber niemand. Das Tempo machte es nebenbei total illusorisch an den Verpflegungsstellen anzuhalten, es sei denn man war bereit die Spitze ziehen zu lassen. Meine beiden 0,5 Liter Trinkflaschen waren für 160 km im Renntempo definitiv zu wenig, selbst bei den kühlen Temperaturen und dem bedecktem Himmel. Nimmt man diese Veranstaltungen ernst, kommt man um eine Begleit-Crew nicht umhin. Die zahlreichen belgischen Gran Fondo Teams überlassen in dieser Hinsicht nichts dem Zufall. Das aber vorauszusetzen, kann eigentlich nicht im Sinne der Veranstaltungen sein. Wenn nur jeder 10. Fahrer ein Auto voraus sendet, um einen Betreuer am Straßenrand zu haben, der Flaschen und Verpflegungsbeutel reicht, na dann Prost Mahlzeit, dann ist Verkehr. Dass es auch anders geht, zeigen die Gran Fondo New York Veranstaltungen. Dort werden den ersten 100 Fahrern Flaschen und Verpflegung gereicht, teils sogar vom Motorrad. Gleichzeitig wird private Verpflegung vom Straßenrand auf wenige ausgewiesene Zonen beschränkt. Das gewährleistet eine gewisse Chancengleichheit und schützt vor allem die Gesundheit der Fahrer - Mit Dehydration ist nämlich nicht zu spaßen.

Davon abgesehen wurde mir berichtet, dass die Verpflegungsstellen an sich mit Wasser und Apfelschorle, Obst und diversen Kuchenstücken ausgestattet und mit aufmerksamen Helfern besetzt waren.




An Hügel Nummer 10 nach 130 Kilometer musste ich das noch 60 Fahrer umfassende "Peloton" dann ziehen lassen. Schon am vorherigen Anstieg bin ich als einer der Ersten rein und ziemlich am Ende raus gefahren, solch ein "Durchsacken" ist schon mal für einige Sekunden gut, die man langsamer fahren kann als die Gruppe und trotzdem nicht den Anschluss verliert. Zwischen Bous und Mehdingen reichte die Zeit aber nicht mehr um nach vorne zu fahren und als Letzter am Fuß des Berges hatte ich keine Chance mehr. Game over. Die letzten 30 Kilometer bin ich dann mehr oder weniger alleine gefahren und konnte mich vor der nächsten Gruppe ins Ziel retten. Das war gut für einen 61. Gesamtrang, einen 11. Platz meiner Altersklasse, gut 6' 30'' hinter dem Feld und 90'' vor den nächsten Fahrern.

Interessant ist, wer bei so einem Gran Fondo vorne mit fährt und was es benötigt, um mitzuhalten. Unter den ersten 60 Fahrern, also vor mir, befanden sich 36 Belgier, 7 Niederländer, 6 Franzosen, 6 Luxemburger, 3 Deutsche, 1 Italiener und 1 Kroate.
  • Der Sieger Bjorn de Decker ist bis 2016 in einem Continental Team und regelmäßig 1.1 Rennen gefahren. 
  • Der Zweite,  Bart van Damme, hat letztes Jahr den GFNY Mt. Ventoux gewonnen und fährt mit seinen 41 Jahren immer noch vordere Platzierungen bei den Belgischen Eliterennen ein. 
  • Julian Woltering vom RSV Münster, als erster Nicht-Belgier auf Platz vier, fuhr dieses Jahr in Düren bei der Radbundesliga auf Platz 6.
  • Jurgen Van Goolen fuhr bis 2010 in der Worltour, u.a mehrere Jahre für Discovery Channel, CSC und Quick Step und beendete 10 Grand Tours, darunter die Vuelta 2008 auf Platz 16. und war 2003 Belgischer Vize-Meister.
  • Der Zweite meiner Altersklasse, der Luxemburger Christian Poos fuhr bis 2010 in einem KT Team und gewann noch 2011 die Bergwertung der Luxemburg Rundfahrt
Ich bin sicher, würde ich weiter suchen, da kämen noch einige Ex-Profis mehr zum Vorschein. Auch wenn es um nichts mehr geht, bei so einem Gran Fondo wird Rad gefahren, da kann einer sagen was er will.


Für die 161 Kilometer habe ich 4:17 benötigt, das ist ein Schnitt von 37,6 km/h. Die Normalized Power betrug 290 Watt, der Intensity Factor 0,964. Die Leistungen an den einzelnen Bergen (so wie von Golden Cheetah als Climb erkannt, Gewicht etwa 71 kg):
  1. 2:29 @411W
  2. 4:49 @376W
  3. 14:22 @294W
  4. 11:29 @293W
  5. 3:45 @354W
  6. 7:12 @358W
  7. 3:21 @351W
  8. 1:34 @345W
  9. 5:56 @322W
  10. 2:38 @346W
  11. 5:41 @295W (da habe ich den Anschluss ans Feld verloren)
  12. 6:28 @285W
  13. 3:00 @273W
dazu kamen noch 21 L7 Sprints, Belastungen zwischen sieben und 15 Sekunden und über 650 Watt.

Hier sieht man deutlich was die Spitzengruppe in einem Gran Fondo (=Radrennen) von den Fahrern weiter hinten (=Jedermann) unterscheidet (oder auch von Strava KOMs oder einer schnellen Trainingsrunde): In einem Radrennen kommt es darauf an einen Berg nicht nur einmal, sondern viele Male und besonders nach drei oder vier Stunden immer noch schnell hochfahren zu können. In dem Moment hilft auch kein Powermeter oder sonst irgendetwas, die einzige entscheidende Frage ist: Kann man dran bleiben oder nicht, hopp oder topp. In ausgeruhtem Zustand kann ich vielleicht jeden einzelnen Anstieg schneller hochfahren als die Spitzengruppe. 13 mal hintereinander ist aber eine ganz andere Geschichte. Und um wirklich vorne anzukommen, hätte ich statt einzubrechen nochmal eine ordentliche Schippe drauflegen müssen. Und DAS ist der Unterschied. 




Noch eine Anekdote zum Schluss: Fränk Schleck ist den Gran Fondo selber mitgefahren. Locker flockig ist er in der Spitzengruppe ständig nach Belieben von hinten nach vorne gefahren und hat sich wieder zurückfallen lassen, wahrscheinlich ohne ernsthaft ins Schwitzen zu kommen. Vor einer der Abfahrten kam er vor und hat gesagt, dass wir langsam fahren sollen, der Abschnitt wäre gefährlich. Als es dann abwärts ging sind wir auch alle angemessen gefahren, dachte ich zumindest. Ohne besonders Gas zu geben, bin ich als dritter oder vierter Fahrer am Feld vorbei gerollt. Auf einer gefährlichen Abfahrt fährt man am besten vorne, oder? Schnell wäre ganz anders gewesen. Naja, scheinbar war es immer noch zu schnell und als wir unten waren habe ich einen Anschiss vom Namenspatron des Rennens persönlich kassiert. Das konnte ich ja nun wirklich nicht wissen, dass das langsame Langsam gemeint war, ich dachte das normale Langsam würde reichen. :-)

Links:
Gran Fondo World Series
Homepage GF Schleck
Ergebnisse GF Schleck

Sonntag, 21. Mai 2017

Hunsrücker Rennrad-Camp

Morgens vor die Tür zu treten und bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen eine ganze Reihe nagelneuer High-End Carbon-Rennräder zur Auswahl vorzufinden ist eine wirklich angenehme Vorstellung. Für die Teilnehmer des 1. Hunsrücker Rennrad Camps in Kell am See war das Wirklichkeit. Eine Flotte nagelneuer Canyon Testrädern stand sauber aufgereiht vor dem Hotel zur Post. Aeroad und Ultimate, Scheiben- und Felgenbremsen, elektrische und mechanische Schaltungen, Dura Ace und Ultegra, was auch immer das Rennfahrer Herz begehrte.



Drei Tage ging es durch den Hunsrück, das nördliche Saarland und entlang der Mosel. Eine kurze Runde zum Einrollen am Freitag Nachmittag, eine lange 140 km Tour am Samstag und gute 100 km zum Abschluss am Sonntag, bei der ich zum Teil mitgefahren bin. Zum Teil? Ah, manchmal gibt es solche Tage: Mit dem Rad nach Kell, kurz vor der Radstation einen Platten, Schlauch gewechselt und den blödesten Anfängerfehler von allen gemacht: Die Pannenursache, einen Glassplitter, nicht entfernt. Die Gruppe ist los und zack, wieder platt, ich zurück zur Radstation in der Hoffnung auf ein Ersatzlaufrad, war aber nur noch ein Rad mit Scheibenbremse da, also doch den Schlauch geflickt und hinterher, der Reifen hat 'nen Wahnsinns-Höhenschlag gehabt (bei Tubeless ready Felgen kommt es schon mal vor, das der Mantel nicht perfekt rund auf der Felge sitzt und sich beim Aufpumpen nicht zentriert), also Luft abgelassen, Mantel geruckelt, wieder aufgepumpt, immer noch Höhenschlag, also egal, weiter, 'nen Umweg gefahren und die Gruppe erst nach 50 km bei der Pause getroffen.

Aussichtspunkt am Erbeskopf


Trotz der so am Ende knappen Zeit hatte ich doch Gelegenheit mich mit einigen Teilnehmern zu unterhalten und über die Canyon Bikes zu fachsimplen. Weitgehende Einigkeit herrschte, dass kein Weg mehr an Scheibenbremsen am Rennrad vorbeiführt. Die Bremsen lassen sich einfach sehr viel leichter, gefühlvoller und konsistenter bedienen. Die Fahrer des Aeroads waren über den Komfort des Rades überrascht, von einem Aerorad erwartet man üblicherweise ein sehr viel harscheres Fahrverhalten. Diesen Punkt kann ich nach mittlerweile rund 15.000 km auf dem "Black Prince" nur bestätigen. Unangenehm aufgefallen sind die Laufräder mit den hohen Carbonfelgen, diese wurden als sehr Seitenwind anfällig beschrieben. Das ist meiner Erfahrung nach aber eine reine Übungssache. Ich fahre die 55mm Reynolds Laufräder, mit denen das Aeroad ausgerüstet ist, das ganze Jahr und kann die Seitenwindanfälligkeit nur bei überraschenden, starken Böen bestätigen. Trotzdem ist es keine Frage, dass niedrige Felgen von Seitenwind weniger beeinflusst sind und zu einer entspannteren Fahrt beitragen.

Panorama auf dem Erbeskopf

Neben der Möglichkeit die Canyonräder ausgiebig zu testen, muss man den aufmerksamen Rundumservice im Hotel zur Post noch erwähnen. Auch wenn ich nur wenig selber erfahren habe, so waren die Flammkuchen und die frischen Smoothies, die nach der Tour am Sonntag einfach so auf dem Tisch erschienen, ausgezeichnet. Über das Abendessen am Samstag habe ich auch nur Positives gehört. Alles in allem ein tolles Wochenende, das mit Sicherheit in Zukunft wiederholt wird

Wer darauf nicht warten möchte und Lust bekommen hat, den Hunsrück und den Hochwald unter Führung eines erfahrenen Guides schon früher zu erkunden und Canyon Bikes zu testen, dem sei gesagt, dass alle zwei Wochen ein RoadRide stattfindet. Der nächste am 27. Mai.






Hier die Profile und Strecken der drei Tage. Die Profile sind mit Veloviewer erstellt, ein Must Have Strava Add-On. Routen auf Strava: Tag 1, Tag 2, Tag 3